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Interviews"Milliardenraub": Moldau verurteilt Oligarchen Plahotniuc

"Milliardenraub": Moldau verurteilt Oligarchen Plahotniuc

Lange Zeit herrschte er unumschränkt. Er hatte kein Staatsamt inne, dennoch zitterten Politiker und Beamte vor ihm. Einer seiner Spitznamen lautete “Puppenspieler”, denn er dirigierte loyale Gefolgsleute aus dem Hintergrund. Wegen seiner Macht und seines Reichtums nannte man ihn auch den “Besitzer der Republik Moldau”: Vladimir Plahotniuc, 60, ehemaliger moldauischer Politiker und Oligarch, einst Symbol der Korruption im Land.

Nun ist geschehen, was noch vor Kurzem kaum jemand für möglich gehalten hätte: Plahotniuc wurde am Mittwochnachmittag (22.04.2026) in der moldauischen Hauptstadt Chisinau wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, Betrugs und Geldwäsche von einem Gericht zu 19 Jahren Haft verurteilt. Das Urteil ist erstinstanzlich, Plahotniucs Anwalt Lucian Rogac kündigte Berufung an.

Verhandelt wurde vor Gericht der so genannte “Milliardenraub” – der Diebstahl von umgerechnet mehr als einer Milliarde Dollar aus drei moldauischen Banken in den Jahren 2012 bis 2014 mittels verschachtelter Kreditkonstruktionen. Plahotniuc war laut dem Urteil der Organisator und Drahtzieher dieses Bankraubs. Es war der größte derartige Fall in der Republik Moldau und einer der schwersten derartigen Fälle in der modernen europäischen Geschichte.

Bedeutsames Urteil

Auch wenn das Urteil erstinstanzlich ist – für die Republik Moldau ist es bedeutsam. Es sei eine “ungewöhnliche Situation” für das Land, dass “eine Person, die früher als sehr einflussreich galt, nun strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wird”, sagte der Vorsitzende der Nicht-Regierungsorganisation Zentrum für Rechtsressourcen der Republik Moldau (CRJM), Ilie Chirtoaca, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Moldova1.

Ein Mann mit grauen Haaren spricht in zwei Mikrofone, dabei hat er die rechte Hand zur Faust geballt und erhoben
Wladimir Plahotniuc bei einer Kundgebung der Demokratischen Partei 2019Bild: Roveliu Buga/AP Photo/picture alliance

Zugleich hat das Urteil auch für Europa Bedeutung: Die Republik Moldau ist einer der aussichtsreichsten Kandidaten für die nächste Erweiterungsrunde der Europäischen Union. Zwar stand in dem Prozess nicht das zutiefst kriminelle politische System, das Plahotniuc geschaffen hatte, vor Gericht. Dennoch haben der Prozess und das Urteil einen hohen Symbolwert für ein EU-Kandidatenland, das mit seiner Vergangenheit aufräumen will.

Zugleich geht es bei dem Milliardenraub auch um einen konkreten Betrug, an dem ein internationales Firmengeflecht und Banken in mehreren europäischen Ländern, darunter vor allem in Lettland, beteiligt waren – ein Betrug, der auch die Wirksamkeit von Gesetzen und Institutionen in EU-Ländern betraf.

Alle Arten organisierter Kriminalität

Plahotniuc, aufgewachsen in einem kleinen, entlegenen Dorf an der Grenze zu Rumänien, war einst Ingenieur für Lebensmitteltechnologie und wurde in den “Wilden Neunzigern”, der Zeit der postkommunistischen Wirren, durch Geschäfte im Banken- und Ölsektor schnell reich. Nach 2010 machte in der damals führenden Demokratischen Partei der Moldau (PDM) rasant Karriere und wurde bald zum mächtigsten Mann im Land.

Eine Frau mit hellbraunen Haaren nimmt lächelnd einen großen Strauß weißer Rosen in Empfang. Um sie herum stehen weitere Mesnchen, die applaudieren und fotografieren
Präsidentin Maia Sandu bekommt nach ihrem Sieg in der Stichwahl 2024 von ihren Anhängern Blumen überreichtBild: Vadim Ghirda/AP/dpa/picture alliance

In dem von Plahotniuc geschaffenen System waren alle Arten organisierter Kriminalität an der Tagesordnung: Steuerbetrug, Schmuggel, Geldwäsche, Erpressungen und räuberische Übernahmen von Unternehmen mittels bestellter Gerichtsentscheide. Hinzu kamen systematische Anlassgesetzgebung, Wahlfälschungen und Behördenwillkür.

Auch Entführungen, Vergiftungen von Oppositionspolitikern, darunter der heutigen Staatspräsidentin Maia Sandu, Folter in Gefängnissen und ungeklärte Todesfälle von Politikern und hohen Beamten gab es. Die EU und die USA drückten bei alldem vielfach die Augen zu, da Plahotniuc vorgaukelte, die Republik Moldau gegen Russland und prowestlich auszurichten.

Banken mussten gerettet werden

Ende 2014 kam der größte kriminelle Coup in Plahotniucs System ans Licht: der Milliardenraub. Die verschwundene Summe machte damals rund zwölf Prozent des moldauischen Bruttoinlandsprodukts aus. Die drei betroffenen privaten Banken mussten mit staatlicher Unterstützung gerettet werden, andernfalls wäre das moldauische Bankensystem wohl zusammengebrochen.

Farbfoto eines Mannes mit braunen Haaren und hoher Stirn, um ihn herum sind undeutlich weitere Menschen zu sehen
Vlad Filat, Ex-Premier der Republik Modau, hier bei einer Pressekonferenz in Chisinau im Jahr 2009Bild: AP

Im Juni 2016 wurde der Ex-Premier Vlad Filat, ein Konkurrent Plahotniucs, für seine Beteiligung an dem Bankraub verurteilt. Der moldauisch-israelische Geschäftsmann Ilan Sor, der die Details des Bankraubs konstruiert haben soll, wurde 2017 zwar ebenfalls verurteilt, konnte sich aber während der Dauer des Verfahrens und nach dem Urteil überwiegend frei bewegen – er galt als Verbündeter Plahotniucs.

Flucht und Verhaftung

Im Juni 2019 kam es zu einem überraschenden Machtwechsel in der Republik Moldau: Die langjährige Anti-Korruptionsaktivistin und heutige Staatspräsidentin Maia Sandu wurde Regierungschefin. Mit ihr begannen erstmals in der postkommunistischen Geschichte des Landes ernsthafte rechtsstaatliche Reformen. Noch im selben Monat flohen Plahotniuc und Sor zusammen aus dem Land. Sor ging zunächst nach Israel, inzwischen lebt er in Moskau. Seit seiner Flucht versucht er, Parteien und Wahlen in der Republik Moldau zu steuern.

Im Falle Plahotniucs war lange Zeit unklar, wo er sich aufhielt. Im Juli 2025 wurde er auf dem Flughafen Athen verhaftet. Er hatte nahe der Hauptstadt Griechenlands in einer Luxusvilla gelebt. Bei seiner Verhaftung fanden Ermittler Ausweisdokumente mit 21 Identitäten aus sieben Staaten. Im September 2025 wurde Plahotniuc in sein Heimatland ausgeliefert. Seitdem laufen mehrere Verfahren gegen ihn.

Den jetzigen Prozess sahen viele Beobachter als “Testfall für die moldauische Justiz”, wie es der prominente Jurist und Anwalt Alexandru Bot ausdrückte. Dabei ist dieses Verfahren erst der Anfang. Nicht verhandelt wurde vor Gericht beispielsweise der Verbleib der geraubten Milliarden – rund 90 Prozent des Geldes sind bis heute verschwunden.

Auch die Ermittlungen gegen Plahotniuc wegen “unrechtmäßiger Machtaneignung”, die seit 2019 laufen, warten noch auf Anklageerhebung. Der Mitbegründer der moldauischen Nicht-Regierungsorganisation WatchDog, Sergiu Tofilat, ist dennoch optimistisch. In einem Facebook-Video sagte er: “Früher oder später wird die Gerechtigkeit siegen.”


Quelle:

www.dw.com