Mit dem Juli ist in Vietnam ein neues “Bevölkerungsgesetz” in Kraft getreten. Das 30 Artikel umfassende Gesetz folgt auf Vietnams Entscheidung im vergangenen Jahr, seine langjährige Zwei-Kind-Politik abzuschaffen. Ziel ist dabei, die Überalterung zu bremsen.
Eine ganze Reihe von Maßnahmen soll dazu ermutigen, mehr Kinder zu bekommen. Frauen in bestimmten Zielgruppen erhalten eine Geburtsbeihilfe von mindestens etwa 66 Euro. Arbeitnehmerinnen, die ihr zweites Kind zur Welt bringen, haben nun Anspruch auf sieben statt bisher sechs Monate Mutterschaftsurlaub. Gleichzeitig wurde der Vaterschaftsurlaub für Männer, deren Ehefrauen ein zweites Kind bekommen, auf zehn Arbeitstage verdoppelt. Ab Januar 2027 gibt es Zuschüsse für Vorsorgeuntersuchungen während der Schwangerschaft sowie für Neugeborenenscreenings. Familien mit mindestens zwei leiblichen Kindern könnten zudem bevorzugten Zugang zu Sozialwohnungen erhalten.
Allerdings wird es nicht einfach sein, den demografischen Trend in Vietnam umzukehren. Die Geburtenrate im südostasiatischen Land sank 2024 auf den historischen Tiefstand von 1,91 Kindern pro Frau und liegt damit deutlich unter dem sogenannten Bestandserhaltungsniveau von etwa 2,1 Kindern.
Die Wirtschafts- und Sozialkommission der Vereinten Nationen für Asien und den Pazifik geht davon aus, dass der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 64 Jahren bis 2050 von 68,6 auf 63 Prozent zurückgehen wird. Gleichzeitig werde der Anteil der Menschen in der Altersgruppe von 65 Jahren und älter von 8,4 auf 21,2 Prozent steigen.
Die zentrale Befürchtung ist nun, dass Vietnam altert, bevor es die Chance hat, wohlhabend zu werden. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf erreichte im vergangenen Jahr etwa 5000 US-Dollar und lag damit deutlich unter den Werten, die Japan, Südkorea und Singapur zum Zeitpunkt eines vergleichbaren gesellschaftlichen Alterungsprozesses erreicht hatten.
“Wenn Länder altern, bevor sie wohlhabend werden, kann sich das Wirtschaftswachstum verlangsamen. Gleichzeitig können die Einkommensungleichheit sowie der Druck auf Gesundheits- und Sozialsysteme zunehmen”, sagt Bussarawan Teerawichitchainan, Professorin für Soziologie und Co-Direktorin des Zentrums für Familien- und Bevölkerungsforschung an der National University of Singapore. “Dies könnte schwerwiegende Folgen für das Wohlergehen der Bevölkerung haben, insbesondere für ältere Menschen mit begrenzten finanziellen Mitteln.”
Südostasien altert mit unterschiedlicher Geschwindigkeit
In ganz Südostasien verändern sinkende Geburtenraten und steigende Lebenserwartung die Gesellschaften. In Singapur überstieg bereits im Jahr 2010 die Zahl der Menschen im Alter von 60 Jahren und älter die Zahl der unter 15-Jährigen. Thailand erreichte diese Altersstruktur Mitte der 2010er-Jahre. Vietnam wird laut UN-Prognosen bis circa 2035 folgen.
Eine wachsende ältere Bevölkerung belastet das Gesundheitswesen und den Staat zusätzlich, da Rentenzahlungen und andere Formen sozialer Unterstützung finanziert werden müssen. Dies ist besonders besorgniserregend für Vietnam, wo die Renten- und Sozialversicherungssysteme noch immer lückenhaft sind, insbesondere für die große Zahl von Beschäftigten im “informellen Sektor”, also in wirtschaftlichen Aktivitäten, die nicht staatlich erfasst, reguliert oder kontrolliert werden.
Erfahrungen aus Thailand zeigen aber, dass ein auch höheres Einkommensniveau diese Herausforderungen nicht beseitigt. Das Sozialsystem, der Gesundheitssektor und der Arbeitsmarkt in Thailand passen sich bereits an eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung und eine rasch wachsende Zahl älterer Menschen an.
So ist Thailand seit Langem auf Arbeitsmigranten aus den Nachbarländern Kambodscha, Laos und Myanmar angewiesen, deren Bevölkerungen im erwerbsfähigen Alter bis 2050 voraussichtlich wachsen oder zumindest stabil bleiben werden.
Zuwanderer können helfen, Arbeitskräftemangel in Bereichen wie Bauwesen, Landwirtschaft, Fertigungsindustrie und Pflege zu lindern. Gleichzeitig erfordert die Migration jedoch, dass Regierungen die Rechte von zugewanderten Menschen stärken und ihren Zugang zu staatlichen Leistungen verbessern.
Auch Singapur stützt sich seit Langem auf Einwanderung und ausländische Arbeitskräfte, um seinen Arbeitsmarkt zu unterstützen, obwohl Migration politisch weiterhin ein sensibles Thema ist. Vietnam hingegen hat nur einen kleinen Anteil an Zuwanderern und zeigt bislang wenig Bereitschaft, auf die Alterung der Bevölkerung mit groß angelegter Migration zu reagieren.
Mehr als nur ein Wettlauf um höhere Geburtenzahlen
In Thailand und Vietnam konzentrieren sich die politischen Debatten weiterhin auf die so genannte “Gesamtfruchtbarkeitsrate”, also die Anzahl der Kinder, die eine Frau durchschnittlich in ihrem Leben zur Welt bringen wird. Wiraporn Pothisiri sieht das als Professorin am College of Population Studies der thailändischen Chulalongkorn University mit Skepsis: “Die Geburtenrate hat trotz der Bemühungen weiter abgenommen, was darauf hindeutet, dass niedrige Geburtenzahlen auf umfassendere strukturelle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen zurückzuführen sind, die allein durch geburtenfördernde Maßnahmen nicht rückgängig gemacht werden können”, sagt sie im Gespräch mit der DW.
Eine wachsende Zahl von Analysten und Experten ist der Ansicht, dass die Regierungen ihre Sichtweise nun überdenken sollten. Anstatt die Alterung ausschließlich als wirtschaftliches Problem zu betrachten, das durch höhere Geburtenraten gelöst werden muss, sollten sie sich darauf konzentrieren, Menschen ein längeres, gesünderes und produktiveres Leben zu ermöglichen.
Pothisiri meint, dass ein wirksamerer Ansatz darin bestehe, Paaren dabei zu helfen, die von ihnen gewünschte Familiengröße zu erreichen, und gleichzeitig die Gesundheit, Produktivität und Widerstandsfähigkeit der bestehenden Erwerbsbevölkerung zu stärken.
“Im Gegensatz zu höheren Geburtenraten, deren wirtschaftliche Vorteile frühestens in zwei Jahrzehnten spürbar werden, kann die Verringerung vermeidbarer Sterblichkeit die demografische Widerstandsfähigkeit sofort stärken, indem die bestehende und zukünftige Erwerbsbevölkerung erhalten bleibt – insbesondere in Ländern mit hohen vermeidbaren Sterblichkeitsraten.”
Dies würde Investitionen eben nicht nur in Kinderbetreuung und Familienförderung nötig machen, sondern auch in der Präventivmedizin, mit flexiblen Rentenregelungen und Technologien, die älteren Menschen ein selbstständiges Leben ermöglichen.
Teerawichitchainan nennt als positives Beispiel Singapur: “Das Land hat Maßnahmen zur Erhöhung der Geburtenrate mit Strategien für aktives Altern, Umschulung von Arbeitskräften, längere Erwerbszeiten, Gesundheitsplanung sowie differenzierte Einwanderungswege für Fachkräfte ebenso wie für Arbeitskräfte mit mittleren und geringeren Qualifikationen kombiniert.”
Ein Umdenken erforderlich?
Aris Ananta, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universitas Indonesia, äußerte gegenüber der DW daher die Ansicht, dass Regierungen ein “aktives und gesundes Altern” fördern sollten, indem sie den Zeitraum verlängern, in dem Menschen gesund, selbstständig und gesellschaftlich engagiert bleiben.
Dazu gehört auch, älteren Menschen längere Erwerbstätigkeit zu ermöglichen, um die wirtschaftlichen Belastungen einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung abzufedern.
Der Erfolg eines solchen Ansatzes werde dazu führen, dass “Altsein” nicht mehr mit 60 oder 65 Jahren beginne, sondern erst mit 70, 75 oder sogar 80 Jahren, so Ananta.
Ein solcher Wandel würde den demografischen Druck zwar nicht vollständig beseitigen, aber den Begriff des Erfolgs neu definieren: weg von der bloßen Erhöhung der Geburtenzahlen hin zu dem Ziel, längere Lebensjahre gesund, produktiv und abgesichert zu gestalten.
Aus dem Englischen adaptiert von Florian Weigand
Quelle:
www.dw.com




