Die Natur im Märchen war einmal Heimstatt feindlicher Keaturen, aber auch Schauplatz von Wundern, Prüfungen und Verwandlungen. Speziell der Wald erscheint darin unheimlich und voller Abenteuer. Heute hingegen wirkt die Natur in Kinderfilmen meist verlockend, heilend und bisweilen auch fragil. In Jugendfilmen wird sie zum Schauplatz und Symbol von Freiheit, Zusammenhalt und Bewährung.
Jean-Jacques Rousseau glaubte, dass Kinder von Natur aus neugierig, unschuldig und entwicklungsfähig seien. Mit seiner Idealisierung der Kindheit geht die Vorstellung einher, dass Kinder mehr bei sich sind, wenn sie Naturnähe erleben und haptische Erfahrungen in ihrer belebten Umwelt sammeln. Der französische Philosoph wäre bestimmt sehr angetan von dem semidokumentarischen Film „Lene und die Geister des Waldes“ (2019). Schließlich bedient dieser beinahe prototypisch Rousseaus Gedankenwelt.
In dem Film fährt die siebenjährige Lene mit ihrer älteren Schwester und ihrem Vater in den Bayerischen Wald, um Urlaub zu machen. Zunächst ist das wenig prickelnd für die Schwestern. Der Vater sucht Ruhe und macht seinen Töchtern auch noch einen Handy-Verzicht zur Auflage. So wird der Genuss an der Natur sanft erzwungen. Und siehe da: Bei der Begegnung mit besonderen Wald-Forscher:innen, bei Abenteuern mit neuen Freund:innen und ausgedehnten Ausflügen werden innere Bilder eines Märchenwaldes zur Folie für fantastische Landschaftserlebnisse. Ihre Urlaubsreise mit einem Ausblick auf sieben Berge ist am Ende tatsächlich überwältigend. Der Film von Dieter Schumann suggeriert seine Ursprünglichkeit schon allein durch seine dokumentarische Attitüde. Zugleich spielt er aber auch mit Bezügen zur großen Tradition von Märchenwald-, Geister- und Räuber-Mythen. Die Heilung des Menschen in der Natur, hier in Gestalt der Digital-Detox-Ansage des Vaters, der Schutz der Umwelt vor dem Menschen und der Wald als Hort des Unheimlichen sind zwar unterschiedliche, aber immer wiederkehrende Motive und Erzählanlässe in Kinderfilmen. Manchmal fließen diese Aspekte sogar ineinander. „Bei Lene und die Geister des Waldes“ ist eine solche Durchmengung deutlich zu spüren.
Kann man Rousseau eigentlich dafür verantwortlich machen, dass die Romantisierung von Kindheit und die Idyllisierung der Natur im Kinderfilm so einträchtig zusammenfinden? Denn das tun sie oft. Die Kinderfilm-Kultur schafft es zwar immer mehr, sich von ihrem Märchenerbe zu lösen. Düstere Waldmythen scheinen inzwischen zu verblassen. Doch neue Mythen werden heraufbeschworen, zumeist im Gewand von Fantasy-Plots. Politisch im Sinne des Umweltschutzes ist die Darstellung der Natur im Kinderfilm dabei selten. Noch immer überwiegt die Sehnsucht nach der Unschuld in den Natur- und Architektur-Kulissen, die erwachsene Filmschaffende für Kinder anbieten. Parallel dazu entfernt sich die reale Umwelt aber immer mehr von einer Form der Unversehrtheit und der Ursprünglichkeit. Doch vielleicht verschärft gerade die wachsende Sehnsucht nach dem Idyll auf lange Sicht den Schmerz über die verlustreichen Eingriffe der expandierenden Industrien und der modernen Lebensweisen in die Umwelt.
Wunder, Verwandlungen und Bedrohungen
Der Märchenwald von anno dazumal war alles andere als ein idyllischer Spielplatz. Er steht eher für die Heimstatt feindlicher Kreaturen, die sich in Dickicht und Höhlen verbergen. So ist eine Höhle im Wald auch das Zuhause des „Räuber Hotzenplotz“ (2022). Hexen, Feen, Gnome, Wölfe und Zauberer finden sich in Wald-Plots zuhauf. Wenn ein Waisenkind Glück hat, dann heißt es Tiffany und trifft tief in der Wildnis auf „Die drei Räuber“ (2007), die es aber gut mit ihm meinen und so ganz anders sind als ihr Ruf. In der anarchischen Welt des Illustrators Tomi Ungerer ist es sogar möglich – und geradezu erwünscht –, die unheimlichen Figuren ins Gegenteil zu kehren und Märchenwelten auf den Kopf zu stellen. Komplementär dazu ist der Ansatz von „Hänsel und Gretel“ (2005). Dieser Film wagt sich ins Herz der Finsternis und beschönigt nichts an der Grausamkeit der Grimmschen Vorlage. Das Ausgeliefertsein der Kinder an eine Menschenfresser-Hexe hat in der Inszenierung beinahe Züge von Horror.
Der Wald ist damit also gleichermaßen Heimstatt der Missetäter wie auch ein stilles oder heilendes Refugium. Im Märchen von Schneewittchen wird diese von ihrer Stiefmutter verstoßen, die der jungen Frau nach dem Leben trachtet. Aber die sieben Zwerge sind freundliche Gefährten und Verbündete, in etwa so wie Tomi Ungerers knuffige Räuber. Hält man sich die Figuren und Plots der verschiedenen Märchen vor Augen, dann wird klar, wie archaisch und wild der Wald einst gezeichnet wurde. Er war Schauplatz von Wundern, Prüfungen und Verwandlungen. Er wurde zum Symbol für das Geheimnisvolle und Unbekannte.
Allen Entmystifizierungen zum Trotz bleibt der Wald, bleiben Flora und Fauna weiterhin Motive, denen neue Mythen zugeschrieben werden. Etwa der der Heilung des Menschen durch die Kräfte der Natur. Dieser Mythos liegt unter der Handlung der Filme, die nach Johanna Spyris „Heidi“-Erzählungen gedreht wurden. Heidis Freundin Klara ist gehbehindert. Als das Stadtkind in den Bergen zum Verzicht auf ihre Gehhilfen gezwungen wird, gesundet es fast von allein. Und Heidi spürt am eigenen Leib, wie sehr sie die Enge der Großstadt herunterzieht und krank macht. Das Naturkind kann nicht ohne seine Bergwiesen und ohne die Tiere sein.
Die „Heidi“-Erzählungen sind ein Dauerbrenner in Fernsehen und Kino. Dass sie im Subtext eine mehr als skeptische Sicht auf urbane Lebensweisen artikulieren, fällt kaum auf, solange in der Fernsehkultur der Erwachsenen reaktionäre Heimatmotive perpetuiert werden. Dort gibt es immer wieder Menschen mittleren Alters, zumeist Frauen, die vom Stadtleben ausgebrannt sind und bei der Übernahme eines leidlich erfolgreichen Familienbetriebs zu ihren Wurzeln, ihrer wahren Bestimmung und sogar ihrer (Jugend-)Liebe (zurück-)finden. Die Moral der Mär: Land ist gesünder als Stadt. Tradition ist besser als Moderne.
Schwellen überschreiten
Buch, Film und die Serie „Ronja Räubertochter“ bewegen sich an einer bemerkenswerten Schwelle. Auf der einen Seite dockt Astrid Lindgren bei den generischen Märchenmotiven an: die Burg, der Clan, die Räuber und die Wildnis der bedrohlichen Wilddruden und Rumpelwichte. Andererseits gibt es die Flucht der jungen Generation vor dem vorbestimmten Schicksal des gemeinen Räuberdaseins. Das Ausreißen von zu Hause und die Hinwendung zur Natur folgen der inneren Bewegung einer Transition und eines Schrittes in die Autonomie. Ronja und Birk erschaffen sich eine eigene Geschichte, die von Befreiung und Emanzipation handelt. Die weite Natur wird zum Schauplatz und zum Symbol für Abenteuer, Freiheit, Freundschaft, Zusammenhalt und Bewährung.
Ronja und Birk verbringen einen ganzen Jahreszyklus in der Wildnis. Den Erfolg der beiden feiern der Film (1984) von Tage Danielsson und die Serie (2024) von Lisa James Larsson mit einem enthusiastischen Moment des Naturerlebens. Der bittere Winter ist überstanden. Sonne und Wärme sind zurück. Ronja und Birk toben voller Lebensfreude in einem See. Alle Skandinavien-Fans fühlen synergetisch in dieser Szene, was den Unterschied des Sprungs in einen einsamen See von der Erfahrung eines stark gechlorten Pools unterscheidet.
Mit den Medienbildern der Kinder und den Erinnerungen an die eigene Kindheit ist man sowieso immer ein wenig im schwedischen Småland zu Hause. Ob das auch daran liegt0, dass Kinderfilme aus dem Norden mit Schauplätzen wie dem Katthult Hof, Saltrokan, Bullerbü, der Krachmacherstraße oder Pettersons Hof Marken gesetzt haben? Mit ihrer Zuwendung zum jungen Publikum waren die Skandinavier oft etwas früher am Start und innovativer im Erzählen als deutsche Produktionen. Um ihre Pädagogik und Kindermedienkultur kann man die nordischen Nachbarländer Norwegen, Finnland, Island, Schweden und Dänemark immer noch beneiden. Das hat nicht zuletzt mit hinreißenden Landschaftsbildern zu tun, die in einer Natur entstehen, wo nicht alles eingehegt und kultiviert erscheint. Und sich Wald und Wildnis in einer Form ausdehnen, wie man es in Deutschland kaum noch kennt, und sich Wohnhäuser klein, hölzern und farbig in Felslandschaften und an Waldränder kuscheln. Bullerbü und Småland sind geradezu ikonisch.
Das Tier im Menschen
Es gibt offenbar eine verblüffende Diskrepanz zwischen einer Wildnis, die lebensfeindlich und unheimlich ist, und einer Natur, deren Großartigkeit die Menschen bewundern und um deren Erhalt sie fürchten. Kinderfilme nähren sich oft aus beiden Quellen. Es ist ein fester Teil der Kinokultur, dass Naturfilme mit überragender Kameraarbeit und in spektakulären Bildern die Wunder der Natur einfangen. Die Wiese, die Eiche, die Pinguine – diese Welt begeistert! Eine Spur Umweltbewusstsein bringen die drei „Checker Tobi“-Kinofilme in diese Plots. Immer ausgefeiltere Kameratechniken wollen die Wunder der Welt durch optische Spektakel bannen. Naturdokumentationen, Tierfilme und Fantasy-Filme mit Gestaltwandlern bilden eine sichere Bank im Kosmos des Kinderkinos. Seit J.K. Rowlings in ihren „Harry Potter“-Plots die Welt der Zauberlehrlinge populär gemacht hat, wandeln erfolgreiche Filme auf den Spuren von magischen Tierwesen, etwa „Die Schule der magischen Tiere“ (2020) oder die „Woodwalkers“ (2024). Die Idee des Gestaltwandelns ist in mehrfacher Hinsicht fabelhaft. Denn was ist Pubertät anderes als eine physische Erfahrung des Gestaltwandelns?
Abgesehen davon ist die Idee, dass in jedem Menschen ein charakterbildendes Tierwesen steckt, das trainiert werden will, einerseits moderne Fantasy. Andererseits aber nimmt sie Bezug auf uralte Fabelerzählungen, in denen Tierfiguren für menschliche Eigenschaften stehen. Der Löwe ist König, der Fuchs eben ein Fuchs und das Schwein … nun ja, keine Diskriminierung an dieser Stelle. Neu ist an dieser Fantasy, dass die Figuren gerade in ihrer Doppel-Identität den Feind noch besser erkennen, wenn er sich an der Natur vergeht, sie ausbeutet und Lebensräume zerstört. Milling ist der Name des Bösewichts bei „Woodwalkers 2“ (2025), jener Typ skrupelloser Shareholder, der den Wald um die Clearwater Highschool verkaufen und damit das Schutzgebiet der Tierwandler zerstören will. Anspielungen auf Figuren der Zeitgeschichte sind vermutlich beabsichtigt.
Unterhaltsame & dringliche Geschichten
Damit kommt der Zeitgeist in Blick und filmisch wieder Lene und ihre Waldgeister. Weniger Handy, mehr Naturerlebnis, lautet das Konzept ihres Vaters. Es entspricht mehr denn je der jugend- und medienpolitischen Agenda, das Smartphone Smartphone sein zu lassen. Der Pfadfinder und der Wandervogel in uns sagen andauernd: In der Natur warten das Wunder, die Heilung und das wahre Glück. Aber der Natur geht es gerade kaum besser als einem Smartphone-Junkie nach sechs Stunden Swipen.
Was macht man mit diesem Befund? Man könnte wenigstens Film-Geschichten erzählen, die diesem Thema nicht ausweichen. Die jüngste Pixar-Produktion „Hoppers“ (2026) verbreitet etwas Hoffnung. Protagonistin Mabel changiert zwar auch zwischen Leinwandmythen und Fantasywelten, als menschliche Figur, die als (Roboter-)Tier erscheint und mit den Bewohnern einer bedrohten Waldlichtung kommuniziert. Doch den Spirit des Umwelt-Aktivismus hält dieser Family-Entertainment-Film deutlich und sehr sympathisch hoch. Auch wenn der Film nicht in allen Belangen gelungen ist, nimmt man ihm seine Dringlichkeit ab. Ebenso wie „Der letzte Walsänger“ (2025), dem Wappentier des Meeresschutzes, der einer bildgewaltige Umweltfabel mit einer herzzerreißenden Coming of Age-Geschichte verbindet.
Quelle:
www.filmdienst.de




