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Erst hören, dann verstehen / Warum der "Tisch des Wortes" mehr ist als die Einleitung zur Messe

Wer an die Messe denkt, hat meist den Altar vor Augen. Dort werden Brot und Wein zum Leib und Blut Christi, dort vollzieht sich das Herzstück der Eucharistiefeier. Weniger bekannt ist hingegen, dass die katholische Liturgie noch einen zweiten “Tisch” kennt: den Tisch des Wortes. Mit diesem Bild beschreibt die Kirche den Wortgottesdienst mit seinen Lesungen, dem Antwortpsalm, dem Evangelium und der Homilie. Bevor die Gläubigen am Altar den Leib Christi empfangen, werden sie zunächst durch das Wort Gottes genährt.

Dieses Bild ist keineswegs eine poetische Erfindung der jüngeren Liturgiewissenschaft. Bereits das Zweite Vatikanische Konzil greift es auf und fordert in seiner Liturgiekonstitution “Sacrosanctum Concilium”: “Der Tisch des Gotteswortes soll den Gläubigen reicher bereitet werden” (SC 51). Und die Offenbarungskonstitution “Dei Verbum” formuliert noch eindringlicher: “Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst, weil sie […] vom Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi ohne Unterlass das Brot des Lebens nimmt und den Gläubigen reicht” (DV 21).

Diese Formulierung ist bemerkenswert. Sie stellt Wort und Sakrament nicht gegeneinander, sondern nebeneinander. Die Kirche lebt von beiden. Christus begegnet den Gläubigen nicht erst in der Kommunion. Er, das fleischgewordene göttliche Wort, spricht bereits in den biblischen Lesungen zu seiner Kirche.

Ein reich gedeckter Tisch

Gerade deshalb wurde im Zuge der Neuordnung der Liturgie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1969/70 auch die Leseordnung grundlegend geändert und erweitert. An Sonntagen und Hochfesten werden seitdem drei Lesungen verkündet: eine in der Regel aus dem Alten Testament, eine aus den neutestamentlichen Briefen und schließlich das Evangelium. Hinzu kommt der Antwortpsalm als gesungene oder gesprochene Antwort der Gemeinde auf das gehörte Wort Gottes.

Die Absicht war eindeutig: Nicht weniger, sondern mehr Heilige Schrift sollte in den Gottesdiensten zu Gehör kommen. Die Gläubigen sollten mit einem größeren Reichtum der Bibel vertraut werden.

Umso erstaunlicher ist, dass sich vielerorts eine andere Praxis entwickelt hat beziehungsweise alte Gewohnheiten beibehalten worden sind. Nicht selten entfällt in Sonntagsgottesdiensten eine der beiden ersten Lesungen. Der Antwortpsalm wird durch ein manchmal beliebiges Gemeindelied ersetzt. Gleichzeitig nehmen freie Begrüßungen, Einführungen und Erläuterungen weiten Raum ein. Aus dem reich gedeckten Tisch des Wortes wird so bisweilen ein Buffet, bei dem einzelne Speisen abgeräumt und durch Eigenkreationen ersetzt werden.

Wenn Gottes Wort Platz machen muss

Alle Lesungen dauerten zu lange und zögen den Gottesdienst unnötig in die Länge, heißt eine Argumentation für die Kürzung. Manche Priester halten drei Lesungen für eine Überforderung der Gemeinde. Für den gesungenen Vortrag des Antwortpsalms fehlt ein Kantor oder dieser kann besser Orgel spielen als singen. Und schließlich gibt es Priester, die die Feier persönlicher und einladender gestalten möchten, wo dann inhaltlich sperrige Abschnitte aus der Bibel im Weg stehen.

Doch genau hier lohnt sich ein Blick in die liturgischen Bücher. Die “Grundordnung des Römischen Messbuchs” bezeichnet den Antwortpsalm ausdrücklich als “wesentlichen Bestandteil der Liturgie des Wortes”. Er ist keine musikalische Einlage zwischen zwei Lesungen, sondern bereits Verkündigung als liebende Begegnung mit dem Herrn und zugleich Antwort auf Gottes Wort.

Deshalb sehen die liturgischen Bücher durchaus verschiedene Möglichkeiten seiner Ausführung vor – gesungen oder gesprochen, aus dem Lektionar oder aus dem Graduale, welches die Gesänge in gregorianischer Form enthält. Ein Gemeindelied – auch wenn nicht wenige lieber Lieder als Kehrverse singen – sieht die “Allgemeine Einführung in das Römische Messbuch” (AEM) allerdings nicht vor. Auch die Vorschriften für die Bistümer des deutschen Sprachgebiets (1975) sehen den Psalmgesang als Regel, der im Notfall “durch einen anderen dazu geeigneten Gesang” ersetzt werden darf. So wird der Notfall mancherorts zur Regel.

Schriftlesung ad libitum?

Auch die drei Lesungen an Sonntagen und Hochfesten sind kein unverbindlicher Vorschlag, wenngleich es im deutschen Sprachraum – und auch nur dort – aus “pastoralen Gründen” bislang noch gestattet ist, aus den beiden Lesungen vor dem Evangelium nur eine auszuwählen. Eine 2007 für das Deutsche Messbuch in seiner dritten Auflage vorab publizierte “Grundordnung des Römischen Messbuchs” enthält diese Möglichkeit des Auswählens nicht mehr. Auch ist keine Alternative mehr zu Antwortpsalm oder Graduale vorgesehen.

Die Schriftlesungen des Wortgottesdienstes bilden eine bewusst komponierte Einheit. Die erste Lesung eröffnet meist den Horizont des Evangeliums, während die zweite Lesung die Gemeinde kontinuierlich durch die Briefe des Neuen Testaments führt. Freilich sind Auswahl der Texte wie auch die verseweise Zusammenstellung zeitbedingt und langfristig verbesserungswürdig. Aber sie gehören zum offiziellen liturgischen Fahrplan der Kirche. Wer regelmäßig eine dieser Lesungen auslässt, verkürzt nicht nur den Gottesdienst, sondern auch den Reichtum der Heiligen Schrift.

Vertrauen wir der Bibel zu wenig?

Das vor allem von einigen Priestern, aber auch von manchen Liturgiekreisen vorgebrachte Argument, heutige Gottesdienstbesucher seien durch drei Lesungen überfordert, lässt sich auf die Intention des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht anwenden. Es traute den Gläubigen ausdrücklich mehr Schrift zu als zuvor. Die dreijährige Leseordnung ist Ausdruck dieses Vertrauens.

Hinzu kommt eine gewisse Inkonsequenz in der heutigen Praxis: Während manche Verantwortlichen 90 Sekunden oder zwei Minuten für eine zusätzliche Lesung oder den Antwortpsalm als zu lang empfinden, ufert die Zeit für freie Begrüßungen, persönliche Vorbemerkungen oder spontane Kommentare umso stärker aus. Der Gottesdienst dauert im Endeffekt dadurch länger. Dabei sind solche Wortbeiträge durchaus vorgesehen – allerdings ausdrücklich als kurze Hinführungen. Sie sollen die Feier eröffnen, nicht sie kommentieren oder gar ersetzen. Es stellt sich deshalb eine berechtigte Frage: Wenn Zeit vorhanden ist, warum wird sie nicht zuerst dem Wort Gottes eingeräumt?

Hier mögen aus dem real existierenden pastoralen Alltag zwei parallel gefeierte Osternächte in einer Pfarrei als Beispiel dienen: Eine mit dem geforderten Minimum von drei alttestamentlichen Lesungen und zusätzlichen priesterlichen Wortbeiträgen dauerte länger als die mit allen sieben Lesungen aus dem Alten Testament ohne priesterliche Wortbeiträge.

Bitte nicht spoilern!

Im Hinblick auf das Hören des Wortes Gottes ist eine andere Entwicklung noch grundsätzlicher. Mancher Priester erklärt bereits zu Beginn der Messe ausführlich, worum es in den Lesungen gehen werde, oder er erklärt den Gläubigen, warum sie heute zur Heiligen Messe gekommen sind. Er kündigt die zentrale Botschaft an, erläutert den Zusammenhang oder liefert sogar schon die spätere Predigt in Kurzform. Pastoral mag das als “betreutes Beten” gut gemeint sein. Liturgisch ist es jedoch problematisch. Es ist ein wenig so, als würde jemand einem Kinobesucher vor dem Film die entscheidende Wendung verraten. Wer bereits weiß, worauf er achten soll, hört die Schrift mit einer bestimmten Erwartung. Der Blick verengt sich auf die angekündigte Aussage. Andere Facetten des biblischen Textes geraten leicht aus dem Blick.

Die Liturgie hat deshalb eine kluge Dramaturgie. Zuerst wird gehört. Dann wird geantwortet. Erst danach folgt die Homilie als Auslegung des Gehörten, was sich dann wiederum im Allgemeinen Gebet, den Fürbitten als Abschluss des Wortgottesdienstes, niederschlagen kann. Diese Reihenfolge bringt zum Ausdruck, dass zunächst nicht der Priester spricht, sondern Gott selbst. Nach katholischem Verständnis ist die Verkündigung der Heiligen Schrift eben nicht nur eine Lesung alter Texte, die sicherlich auch mal sperrig oder sogar verstörend sein können. Christus ist in seinem Wort gegenwärtig und spricht zu seiner Kirche. Deshalb wird das Evangeliar feierlich getragen, der Ambo hervorgehoben und das Evangelium mit Weihrauch und Kerzen begleitet.

Ein Diakon hält das Evangeliar in den Händen

Papst Benedikt XVI. erinnerte in seinem nachsynodalen Schreiben “Verbum Domini” daran, dass die Liturgie der bevorzugte Ort ist, an dem Gott heute zu seinem Volk spricht. Die Homilie soll deshalb aus den biblischen Lesungen hervorgehen und deren Botschaft für die Gegenwart erschließen. In seinem Apostolischen Schreiben “Sacramentum Caritatis” ergänzte Benedikt diesen Gedanken um die Forderung nach einer guten “ars celebrandi”: Eine Feierweise, die den liturgischen Ordnungen treu bleibt, ist die beste Voraussetzung dafür, dass die Gläubigen wirklich an der Liturgie teilnehmen können. Es sollte also weniger darum gehen, den Text zu erklären, bevor er erklingt, sondern darum, dafür zu sorgen, dass das Wort Gottes unverstellt zu Gehör kommt. Die Auslegung folgt danach.

Zwei Tische – eine Mahlgemeinschaft

Manche Kirchen machen die Rede vom “Tisch des Wortes” sogar sichtbar. In der Heilig-Geist-Kirche in Emmerich am Rhein stehen zwei gleich große steinerne Tische nebeneinander: der Tisch des Wortes und der Tisch des Brotes. Weder am Tisch der Eucharistie noch am Tisch des Wortes ist es angemessen, aus Zeitgründen wesentliche Elemente auszulassen oder durch eigene Formulierungen zu ersetzen. Dennoch scheint diese Versuchung groß zu sein und manchmal wird der eine Tisch gegen den anderen ausgespielt. Dabei gehören beide Tische untrennbar zusammen.

Vielleicht sollte man bei der Vorbereitung des Gottesdienstes den Satz des Zweiten Vatikanischen Konzils neu hören: “Der Tisch des Gotteswortes soll den Gläubigen reicher bereitet werden.” Das bedeutet nicht in erster Linie mehr Erklärungen, mehr Moderation oder mehr persönliche Gedanken. Es bedeutet vor allem eines: mehr Vertrauen in die Kraft der Heiligen Schrift. Denn bevor die Kirche über Gottes Wort spricht, lebt sie davon, dass Gott selbst zu ihr spricht.

Die Bibel

Bibel ist die Schriftensammlung, die im Judentum und Christentum als Heilige Schrift gilt. Auf den Schriften fußt jeweils die Religionsausübung. Die Bibel des Judentums ist der dreiteilige Tanach, der aus der Tora, den Nevi’im und Ketuvim besteht. Diese Schriften entstanden seit etwa 1200 v. Chr. im Kulturraum der Levante und Vorderen Orient und wurden bis 135 n. Chr. kanonisiert. Das Christentum übernahm alle Bücher des Tanachs, ordnete sie anders an und stellte sie als Altes Testament (AT) dem Neuen Testament (NT) voran.


Quelle:

www.domradio.de