Nach Schätzungen der Europäischen Umweltagentur werden vier bis neun Prozent aller Textilien in der EU vernichtet, ohne jemals getragen worden zu sein. Wenn neue, gebrauchsfähige Waren entsorgt werden, gehen die bei ihrer Herstellung investierten Rohstoffe, Wasser, Energie und Arbeitskraft verloren.
Gleichzeitig entstehen laut EU-Kommission allein bei der Entsorgung Treibhausgasemissionen von bis zu 5,6 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr – das ist etwa so viel, wie 2 bis 3 Millionen durchschnittliche Autos in einem Jahr ausstoßen.
Das Ziel ist laut EU-Kommission deshalb: sparsamere Nutzung von Ressourcen, weniger Umweltschäden und faire Wettbewerbsbedingungen für Unternehmen.
Spenden und verkaufen statt wegwerfen
Eine entsprechende EU-Vorschrift gilt seit diesem Sonntag und soll dafür sorgen, dass betroffenen Firmen ihre Waren etwa erneut verkaufen – beispielsweise mit Preisnachlässen – oder spenden, anstatt sie wegzuwerfen. Bisweilen gilt die Entsorgung als günstiger, als Produkte zu lagern, aufzubereiten oder wieder zum Verkauf anzubieten.
Ausnahmen gelten aber unter anderem für den Fall, dass die Ware gefährlich, beschädigt oder verschmutzt ist, nicht wiederverwendet oder -aufbereitet werden kann. Auch was mehreren sozialwirtschaftlichen Einrichtungen mit Sitz in der EU als Spende angeboten, aber nicht innerhalb einer Frist angenommen wurde, darf vernichtet werden. Für kleinere Unternehmen treten die neuen Vorgaben später in Kraft. Die Regeln sind Teil der EU-Ökodesign-Verordnung, die seit Juli 2024 in Kraft ist.
Kritik von der Textil- und Modeindustrie
Der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie kritisiert, das Gesetz gehe an der Realität vorbei, belaste die heimische Industrie mit Bürokratie und löse Probleme mit Fast Fashion nicht im Ansatz. Für mehr Nachhaltigkeit brauche man funktionierende Sammel-, Sortier- und Recyclingstrukturen, sagt Experte Jonas Stracke. Solange diese Voraussetzungen fehlten, bleibe das Vernichtungsverbot ein Papiertiger. “Einen echten Beitrag zur Kreislaufwirtschaft leistet es in der Praxis leider nicht.”
In der “Rheinischen Post” fügte Stracke hinzu: “Kein deutscher oder europäischer Hersteller vernichtet einwandfreie Neuware.” Dennoch werde der Eindruck erweckt, als vernichteten Hersteller massenhaft Neuware. Das Gesetz schaffe in der EU “viel neue Bürokratie ausgerechnet für die Unternehmen, die nicht für die Altkleiderberge mit wertloser Ramschware verantwortlich sind”.
Schlupflöcher für Konzerne?
In eine ähnliche Richtung geht die Kritik von Umweltschutzorganisationen. So bezeichnet Moritz Jäger-Roschko von Greenpeace das Verbot zwar als richtig, sieht jedoch Schlupflöcher für Konzerne. “Unternehmen können die Regeln leicht umgehen, etwa durch Falschdeklaration von Produkten. Ohne konsequente Kontrollen wird sich in der Praxis nichts ändern.” Das eigentliche Problem – Fast Fashion – bleibe vom Gesetz unberührt.
Fast Fashion entsteht durch Trends aus den sozialen Medien oder Modenschauen. Die Produkte werden schnell kopiert, in Massen produziert und zu niedrigen Preisen verkauft.
pg/pgr (dpa, kna)
Quelle:
www.dw.com




