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GesellschaftReligion & SpiritualitätHauptfaktor für Radikalisierung junger Muslime / Islamwissenschaftler fordert neue sanfte Männlichkeit

Hauptfaktor für Radikalisierung junger Muslime / Islamwissenschaftler fordert neue sanfte Männlichkeit

DOMRADIO.DE: In ihrem Buch “Jenseits der Härte. Warum der Koran keine Machos kennt”, schreiben sie, dass für die Radikalisierung junger Muslime das Männerbild eine zentrale Rolle spielt. Welches Männerbild meinen sie?

Mouhanad Khorchide (Professor für islamische Theologie und Koranexperte an der Universität Münster): Unter jungen Muslimen wird unter Männlichkeit Dominanz, Kontrolle und das Streben nach Macht und Demonstration dieser Macht verstanden oder missverstanden. Diese Männlichkeit wollen sie allen zeigen. Und das führt dann zur Radikalisierung. Junge Muslime sagen dann: “Ich möchte den anderen Männern meine Stärke zeigen und wie männlich ich bin. Ich möchte aber auch der Gesellschaft beweisen und zeigen, wie männlich und wie stark, wie dominant ich bin. Ich mache allen Angst, denn die beschäftigen sich jetzt tage- oder wochenlang mit meinem Anschlag.”

Und gerade der Anschlag gegen die queere Szene entspricht genau diesem Männlichkeitsbild dieser radikalisierten Männer. Denn homosexuelle Männer sind keine richtigen Männer, heißt es dann, und das legitimiert mich auch, sie zu töten. Man darf nicht unterschätzen, welch enorm wichtige Rolle hier missverstandene Männlichkeit für die Radikalisierung und auch für die Homophobie spielt. 

DOMRADIO.DE: Hat dieses von Dominanz geprägte Männlichkeitsbild auch eine religiöse Dimension? Es gibt Suren im Koran, die sagen, dass sich die Frauen vor den Männern niederwerfen sollen.

Khorchide: Tatsächlich gibt es Interpretationen von Stellen im Koran, die meinen, die Männer seien für die Frauen verantwortlich – oder dem Propheten Mohammed wird in den Mund gelegt, eine fromme Frau sei eine Frau, die ihrem Mann gehorcht –, und daraus entwickeln sich dann patriarchalische Bilder von Männlichkeit, die religiös konnotiert sind.

Auf der anderen Seite haben wir auch im selben Koran andere Vorbilder, also Role-Models für ein ganz anderes Männerbild. Zum Beispiel Jakob, der seinen Sohn Josef vermisst. Er kriegt Depressionen, heißt es, er weint. Hiob beklagt, dass er sich schwach fühlt. Das widerspricht dem dominanten Männlichkeitsbild, das sagt, ein Mann kennt keine Schmerzen, ein Mann weint nicht. Oder Moses, da verliebt sich eine Frau in ihn, und sie geht zum Vater und sagt: “Ich möchte Moses heiraten.” Also eine selbstbestimmte starke Frau. Und der Vater sagt, dann musst du acht Jahre bei uns den Haushalt schmeißen, wenn du meine Tochter heiraten möchtest. Und dann heißt es im Koran, dass Moses die Hausarbeit sogar auf zehn Jahre aufgerundet hat. Das widerspricht völlig dominanter Männlichkeit: Ein Mann, der im Haushalt arbeitet, zehn Jahre lang als Bedingung, um die Frau zu heiraten. Leider wird diese sanfte Männlichkeit kaum angesprochen, aber wir haben diese moderne Männlichkeit auch im Koran. 

DOMRADIO.DE: Wie kann es denn gelingen, das Bild eines sanften, auch zärtlichen Mannes, eines fürsorglichen Mannes unter jungen Muslimen populär zu machen? 

Khorchide: Das beginnt schon im Kindergarten und in der Grundschule, wenn die jungen Menschen Räume bekommen, solche Erfahrungen zu machen, dass sie anerkannt und gelobt werden, wenn sie Fürsorge, wenn sie Verantwortung, Zärtlichkeit und Hilfsbereitschaft zeigen, und nicht, wenn sie Muskeln zeigen oder gesagt bekommen, ein Mann weine nicht, zeig mal, wie stark du bist oder wie viel Geld du hast, welchen tollen Job du hast oder Auto oder was immer, sondern zeige, was für ein humaner Mensch du bist.

Das heißt, wir brauchen Räume der Erfahrung von Anerkennung bei jungen Menschen im jungen Alter schon, wenn Sie diese Hilfsbereitschaft, diese Empathie zum Ausdruck bringen. Wir machen in Schulen Experimente, da kochen dann die jungen Männer für ihre Mitschülerinnen und bekommen dafür Anerkennung. Das ist für sie dann ein Aha-Effekt, wenn sie merken: Ich wusste nicht, dass ich gut ankomme bei den Mädchen, wenn ich koche oder wenn ich aufräume. Ich dachte immer, um Aberkennung zu bekommen, muss ich laut werden und ein Macho sein, um den Mädchen zu imponieren. Das heißt, sie müssen hier andere Erfahrungen machen und dann merken: Wir bekommen Anerkennung in der Gesellschaft, wenn wir eine andere Männlichkeit zeigen.

DOMRADIO.DE: In ihrem Buch “Jenseits der Härte” beschreiben sie das sehr anschaulich. Sie haben in ihrer Kindheit als Preis eines Rezitationswettbewerbs einen Staubsauger bekommen. Ihre Mutter hat sich darüber sehr gefreut. Nun können wir natürlich nicht allen jungen muslimischen Männern Staubsauger schenken, damit sie gleichberechtigt im Haushalt helfen. 

Khorchide: Ich war damals neun Jahre alt und ich war enttäuscht, als ich den Staubsauger gesehen habe, aber meine Mutter hat sich so gefreut. Sie meinte, ab jetzt dürfe ich staubsaugen. Seitdem bin ich bis heute Spezialist für Staubsaugen und für Abwaschen. Dieses unerwartete Geschenk hat viel in meinem Kopf verändert damals, weil ich durch diesen Staubsauger diese Anerkennung bekommen habe. Wenn Gäste gekommen sind, hat meine Mutter immer gesagt: “Schaut mal, wer da Staub gesaugt hat. Und dann wollte ich weiterhin staubsaugen, weil ich diese Anerkennung dafür bekommen habe. Dieses Beispiel zeigt, dass wir Räume schaffen müssen, dass wir mit Anerkennung jungen Menschen zeigen, dass es auch andere Männlichkeitsbilder gibt und nicht, wie mein Vater gesagt hat, für einen Mann gehöre es sich nicht, Staub zu saugen, dann bist du kein Mann. Du hast auch als Mann nichts in der Küche verloren. Das hat meine Mutter geärgert, ich habe es dann genossen, von meiner Mutter dieses Lob zu bekommen. 

Das Interview führte Johannes Schröer.


Quelle:

www.domradio.de