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KulturFilm & KunstIn Småland und darüber hinaus

In Småland und darüber hinaus

Natur spielt in Kinder- und Jugendfilmen oft eine zentrale Rolle: als belebtes Gegenüber, als Sehnsuchtsort und Aussteigerparadies, in dem man den starren Regeln der Erwachsenen entkommen kann. In Kinderfilmen geht es meist um Abenteuer und das konkrete Erleben der Natur, in Jugendfilmen rücken eher gesellschaftskritische Aspekte ins Zentrum. Das Dossier #ichsehewas – Natur“ forscht den inhaltlichen und ästhetischen Muster nach, mit denen Filme den Wald und die Berge, Flüsse, Tiere und Pflanzen zu zentralen Akteuren machen.

 

Ronja, die Tochter des Räuberhauptmanns Mattis, hält es in den rußigen Gemäuern ihrer Sippe nicht mehr aus; sie will endlich mehr über die Welt außerhalb der Burgmauern erfahren, ungeachtet all der Gefahren, die dort auf sie lauern: reißende Wasser und tiefe Schluchten, grausige Wilddruden und gemeine Graugnome, die ihr nach dem Leben trachten. Anfangs sind es nur kleine Spritztouren abseits der vertrauten Pfade, doch nach einem heftigen Streit mit ihrem Vater verlässt das eigensinnige Mädchen die elterliche Bleibe und quartiert sich mit Birk, dem Sohn der verfeindeten Räuberbande, in einer verlassenen Bärenhöhle ein, um dort den Sommer zu verbringen.

 

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In der ausschweifenden Neuverfilmung des „Ronja Räubertochter“-Stoffes nach dem Buch von Astrid Lindgren als Serie (2024) erscheint die urwüchsige Landschaft keineswegs nur als bloße Kulisse. Neben dem sehr realen, alles andere als heimeligen Raum voller Gefahren wird das Refugium zunehmend zu einem Ort der Selbstbestimmung. Die heranwachsenden Kinder entziehen sich den Erwartungen der Erwachsenen und etablieren in der Natur ihre eigene Ordnung. Mit den Jahreszeiten richten sie sich in der Wildnis ein, bestehen Prüfungen und erleben eine Freundschaft, die ihren Zusammenhalt mitunter auch auf die Probe stellt. Ronja und Birk entwickeln sich in diesen Monaten; sie testen ihre Grenzen und finden heraus, wer sie sind und wie sie leben wollen, miteinander und im Gegenüber zur Natur.

Wie in „Ronja Räubertochter“ wird die Natur in vielen Kinder- und Jugendfilmen und -serien zum tragenden Element der Handlung. Das neue Dossier in der Reihe #ichsehewas widmet sich den filmischen Darstellungen und Erzählungen über die Natur. Stefan Stiletto spürt in seinem Essay „Die kleine Ronja möchte nicht aus dem Småland abgeholt werden“ den Strategien nach, mit denen die Filme inhaltlich wie ästhetisch das Freiheitsversprechen ausloten, das viele Kinder- und Jugendfilme durch die Erfahrung der Natur vermitteln. Er taucht in die vielen Gestaltungen der Natur als Abenteuerspielplatz ein, der insbesondere für Jugendliche vor allem eine Welt jenseits von Erwachsenenregeln und gesellschaftlichen Zwängen markiert.

Ohne Zwänge und Sorgen: “Königin von Niendorf” (© Daredo Media)

 

Dafür braucht es nicht immer urwüchsige oder spektakuläre Landschaften; bisweilen genügen auch schon Lichtstimmungen und Musik, um das Gefühl von grenzenloser Freiheit auf die Leinwand zu zaubern. So beschwört Joya Thome in „Königin von Niendorf“ einen nicht endenden Sommer, in dem ein Mädchen die Ferien zuerst alleine verbringt, ehe es allmählich Anschluss an eine Gruppe von Jungen findet, die sich ein Baumhaus gebaut haben. Hier in der Natur können die Kinder machen, was sie wollen, und eine Welt errichten, die ihnen gefällt. Ohne Erwachsene, die fast keine Rolle mehr spielen.

Christian Exner beschäftigt sich in „Der Geist des Waldes“ pointiert mit dem Wald als vielgestaltigem, traditionell hochaufgeladenem Schauplatz im Kinderfilm, der vormals ein Ort der Wunder, Prüfungen und Verwandlungen, wenn nicht sogar eine Heimstatt feindlicher Kreaturen war. Heute aber erscheint er meist in einem ganz anderen Licht, teils romantisierend, meist verlockend, wundervoll und heilend – und bisweilen in seiner Existenz höchst bedroht.

Vom idyllischen Spielplatz und dem Zuhause des „Räuber Hotzenplotz“ über die Filme nach Johanna Spyris „Heidi“-Erzählungen bis zu den drei „Checker Tobi“-Filmen und ihrer Sorge um das Wohl des Planeten zieht sich ein weiter Bogen, der auch die Bedrohung der Umwelt in bildgewaltige Fabeln verpackt.

In diese Richtung zielen auch detektivische Abenteuer, die im Kinderfilm ein beliebtes Genre sind und den Umweltschutz als brisantes aktuelles Thema aufgreifen. Interessanterweise lassen sich im aktuellen Filmschaffen jedoch nur wenige Öko-Krimis mit und von Kindern finden. Ob Menschheitskrisen wie der Klimawandel eine Nummer zu groß für die jungen Menschen sind? Katrin Hoffmann geht in „Ermitteln für den Umweltschutz“ dieser Frage nach.

Um animistische Umweltvorstellungen dreht sich das Essay „Alles ist lebendig“. Christian Horn untersucht darin Kinderfilme, in denen die Natur als lebendiges Gegenüber mit autonomer Handlungsmacht erscheint. Die Vorstellung einer beseelten Natur holt das junge Publikum auf Augenhöhe ab. Der spezielle Blick von Filmen wie „Mein Nachbar Totoro“ oder „Mein Freund Knerten“, in denen Realität und Fantasie ineinanderfließen, fördert Empathie und vermittelt direkt oder indirekt ökologische Botschaften, strahlt aber auch auf die individuelle Entwicklung der Figuren aus. Als handelnde Kraft hilft die Natur bei der Überwindung von Trauer, Sorge oder Einsamkeit, bei der Erlangung von Freiheit oder einer eigenen Stimme. Entscheidender als die meist in der Schwebe gehaltene Frage, ob die Magie tatsächlich existiert, ist die Tatsache, dass die Filme die Sicht ihrer Hauptfiguren übernehmen – und die Natur als lebendiges Gegenüber erfahrbar machen.

Staunen über die Natur: "Checker Tobi und das Geheimnis unseres Planeten"
Staunen über die Natur: “Checker Tobi und das Geheimnis unseres Planeten” und (MFA+)

 

Vermittelt werden kann die Wirkung der Natur übrigens nicht nur durch spektakuläre Bilder, sondern auch durch die Beobachtung jener Menschen, die sie gerade sehen, hören und fühlen. In „Ich spüre, was du fühlst“ geht Stefan Stiletto pointiert der Frage nach, welche Rolle das Staunen von Checker Tobi in dessen erstem Kinofilm „Das Geheimnis unseres Planeten“ spielt. Und in der Filmliste sind die wichtigsten Beiträge zum Thema Natur im Kinder- und Jugendfilm auf einen Blick versammelt.


Quelle:

www.filmdienst.de