Susanna war 28 Jahre alt, als sie die Diagnose Darmkrebs erhielt. André erkrankte mit 34 Jahren an Lungenkrebs. Die beiden erzählen in den Sozialen Medien von ihrem Kampf gegen die Erkrankung.
Susanna und André sind keine Einzelfälle mehr. Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) meldet einen deutlichen Anstieg der Darmkrebsinzidenz in der Altersgruppe der 20- bis 39-Jährigen in Deutschland.
Forschende beobachten eine ähnliche Entwicklung in den USA – mit noch höheren Erkrankungsraten als in Deutschland. Auch andere Krebsarten werden vermehrt bei jüngeren Menschen diagnostiziert, darunter Knochenmark- und Gebärmutterkörperkrebs.
Dabei ist Krebs eigentlich eine Erkrankung des Alters. Laut der Deutschen Krebshilfe liegt das mittlere Alter bei Erkrankung bei Männern und Frauen bei 69 Jahren.Krebszellen entstehen, wenn sich bestimmte Abschnitte der Gene verändern und diese Veränderungen nicht mehr repariert werden können. Je älter wir werden, desto unzuverlässiger funktioniert dieses Reparatursystem.
Lücke zwischen chronologischem und biologischem Alter wächst
Eine aktuelle Studie von Forschenden der Washington University School of Medicine in den USA hat nun einen Zusammenhang gefunden,der einen Hinweis darauf liefern könnte, warum immer häufiger auch Menschen vor dem 50. Lebensjahr an bestimmten Krebsarten erkranken: Bei jüngeren Menschen zeigte sich darin eine größere Lücke zwischen dem chronologischen und dem biologischen Alter.
Das chronologische Alter meint die Anzahl der Lebensjahre seit der Geburt. Das biologische Alter hingegen beschreibt, wie weit Alterungsprozesse im Körper bereits fortgeschritten sind. Verschiedene Organe und Gewebe können unterschiedlich schnell altern.
Anders ausgedrückt: Leber, Gehirn und Herz desselben Menschen können ein unterschiedliches biologisches Alter haben und entsprechend deutlich vom eigentlichen Alter der Person abweichen.
Mit der neuen Studie sei nun erstmals eine Verbindung zwischen der zunehmenden Kluft zwischen chronologischem und biologischem Alter bei jüngeren Menschen und frühen Krebserkrankungen hergestellt worden, sagt Ron Jachimowicz. Er ist Oberarzt und Hämatoonkologe am Universitätsklinikum Köln und Leiter einer Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns.
“Was man nicht vergessen darf: Es handelt sich um eine korrelative Studie”, sagt Jachimowicz. Die Untersuchung liefere deshalb nur Hinweise – die aber plausibel seien. Forschenden war bereits bekannt, “dass es eine Assoziation zwischen biologischem Altern und einer erhöhten Krebsneigung gibt”, sagt Jachimowicz.
DNA, Blutwerte, Telomere: So wird das biologische Alter bestimmt
Das biologische Alter ist allerdings nicht einfach zu bestimmen. Es müssen verschiedene Parameter herangezogen werden – einen einzelnen präzisen Test gibt es nicht. Stattdessen wird mit Hilfe epigenetischer Tests die chemische Veränderung der DNA gemessen, bestimmte Blutwerte analysiert und die Länge der Telomere, der Schutzkappen an den Enden der Chromosomen, bestimmt. Hinzu kommen physiologische Tests, die verschiedene Körper- und Organfunktionen erfassen sowie kognitive Untersuchungen.
Mit einer Kombination mehrerer solcher Messmethoden haben auch die Autoren der aktuellen Studie gearbeitet. Sie analysierten die Daten von mehr als 150.000 Menschen aus der UK Biobank, einer biomedizinischen Datenbank in Großbritannien.
Bei Menschen, die zwischen 1965-1974 geboren waren, zeigt sich eine deutlich größere Lücke zwischen dem chronologischen und biologischen Alter als bei denen, die zwischen 1950 und 1954 zur Welt kamen.
Je jünger die untersuchten Menschen, desto größer wurde die Kluft: Die Untersuchung weiterer gut 10.000 Menschen aus den USA ergab eine noch breitere Lücke zwischen Personen, die zwischen 1990-1999 geboren wurden, verglichen mit einer Kohorte, deren Geburtsjahr zwischen 1965 und 1969 lag.
“In Australien, Kanada, dem Vereinigten Königreich (UK) und den USA haben Menschen, die in den 1990er Jahren geboren wurden, ein mindestens viermal höheres Risiko für früh auftretenden Darmkrebs als Menschen, die in den 1960er Jahren geboren wurden”, schreiben die Autoren in ihrer Studie.
Kann ich mein biologisches Alter beeinflussen?
Früher habe man angenommen, auf 75 bis 90 Prozent des biologischen Alters lasse sich mit Hilfe des Lebensstils einwirken. Stimmt nicht, sagt Ron Jachimowicz: “50 Prozent können wir beeinflussen, die anderen 50 Prozent sind genetisch vorgegeben.”
Was den Alterungsprozess verlangsame, “das sind diese typischen Lifestyle-Interventionen”, sagt Jachimowicz. Regelmäßiger Sport, gesunde Ernährung, guter Schlaf, Verzicht auf Drogen und Alkohol. Auch soziale Kontakte seien nicht zu unterschätzen, so der Mediziner.
Die Frage, weshalb jüngere Generationen biologisch schneller altern als ihre Eltern und Großeltern, ist weniger leicht zu beantworten. Aber es gibt Hypothesen: “Jüngere Menschen sind oft schon früher und damit längere Zeit ihres Lebens adipös”, sagt Tanwei Yuan. Sie ist Epidemiologin in der Abteilung Klinische Epidemiologie der Krebsfrüherkennung am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.
Außerdem säßen jüngere Menschen mehr und hätten einen weniger guten Schlaf aufgrund der Zeit, die vor Bildschirmen verbracht wird, sagt Yuan. Die Studie, sagt auch sie, liefere wichtige Hinweise, die mit den Hypothesen von Krebsforschern übereinstimmen.
Auch Yuan betont, wie wichtig ein gesunder Lebensstil ist, um frühe Krebserkrankungen zu vermeiden. Zusätzlich sagt sie: “Wenn du dich nicht gut fühlst, geh zum Arzt und bitte um ein Screening.” Yuan weiß, wovon sie redet. Nachdem sie sich einige Zeit schlecht fühlte, wurde bei der 32-jährigen Forscherin im letzten Jahr ein Darmpolyp entdeckt.
Darmpolypen sind erstmal harmlos, können aber unbehandelt zu Krebs entarten. Aufmerksam auf die Zeichen des Körpers zu achten und im Zweifel Maßnahmen zu ergreifen, sei deshalb so wichtig, sagt Yuan.
Kann ein Arzt mein biologisches Alter bestimmen?
Nein, sagt der Mediziner Ron Jachimowicz. Die Bestimmung des biologischen Alters sei “Gegenstand aktueller wissenschaftlicher Forschung, aber nichts davon ist praktische Routine und klinischer Alltag.”
Aber in die Richtung sollte es gehen, findet Jachimowicz, gerade in Hinblick auf Krebs und mögliche Interventionen. Deshalb sei die aktuelle Studie auch so wichtig, weil sie eine Richtung aufzeigt, in die Forschende schauen sollten. “Es ist Zukunftsmusik, wirklich spannende Zukunftsmusik.”
Quelle:
www.dw.com




