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KulturFilm & KunstKein Happy End für den „Glenzdorf“

Kein Happy End für den „Glenzdorf“

1961 erschien das dreibändige Nachschlagewerk „Glenzdorfs Internationales Film-Lexikon“ mit ausführlichen Notizen zu 18 000 deutschen Filmschaffenden. Herausgegeben wurde es von einem Einzelgänger, der sich hinter dem Pseudonym Johann Caspar Glenzdorf verbarg. Doch keine deutsche Filminstitution scheint sich für seine minutiösen bio- und filmografischen Recherchen zu interessieren. Dabei ließe sich mit den Originalunterlagen manche filmhistorische Lücke schließen.

 

 

Dies ist eine wahre Geschichte. Sie handelt von dem kollektiven Versagen aller großen deutschen Filmgeschichts-Institutionen. Vom selektiven Interesse an bestimmten Epochen. Von der Fixierung auf Themen und der Vernachlässigung von Personen. Von der Geringschätzung für Seiteneinsteiger durch die Menschen innerhalb des Establishments. Davon, dass heute kaum ein Filmexperte mehr etwas mit dem Namen „Glenzdorf“ anzufangen weiß. Mit Johann Caspar Glenzdorf, dem Herausgeber des dicksten aller Nachschlagewerke über den deutschen Film.

In „Glenzdorfs Internationales Film-Lexikon“ stehen – geschätzt – ungefähr 18.000 Namen. Jeder Regisseur, Drehbuchautor, Schauspieler, Kameramann, Komponist, Produzent, Schnittmeister, Aufnahmeleiter, der von der Erfindung des Films um 1900 bis ins Jahr 1961, dem Erscheinen des „Glenzdorf“, im Vorspann eines deutschen Films stand. In keinem anderen Land der Welt war die eigene Filmgeschichte derart umfassend aufgearbeitet worden.

 

Ein unermesslicher Schatz

Bis heute weiß niemand, wie Glenzdorf auf die Idee kam, dieses Lexikon zu erstellen. Er besaß keinerlei Verbindungen in der Branche. Deshalb beschaffte er sich sämtliche Adressen von Filmschaffenden, deren er habhaft werden konnte, schickte ihnen einen Fragebogen und bat sie, ihn auszufüllen: Geburtstag und -ort, Eltern, Ausbildung, beruflicher Werdegang, Heiraten, Kinder, Auftritte im Theater, Filmrollen. Ein unermesslicher Schatz an häufig handschriftlichen Selbstauskünften sammelte sich in Glenzdorfs „Problem-Verlag“ in Berlin, mit persönlichen Informationen weit über die zur Veröffentlichung vorgesehenen Kategorien hinaus.

Stand in allen Redaktionen: Der “Glenzdorf” (© Prominent Verlag/Ivan Komm)

 

Die Frage nach der Karriere hatte Glenzdorf in drei Abschnitte eingeteilt: bis 1932, 1933-1945 und nach 1945. Die NS-Periode enthält den Zusatz „bei politischer Verfolgung Angabe zweckmäßig“. Erstmals seit den alliierten Fragebögen zur Entnazifizierung nach Kriegsende bekamen NS-Opfer die Gelegenheit, zu schildern, was ihnen angetan worden war. Der frühe Tonfilmstar Charlotte Ander schrieb „vom Dritten Reich kaltgestellt“. Der Regisseur Edo Leitner war von 1936 bis 1942 im KZ Buchenwald eingesperrt. Inge Meysel hatte „Berufsverbot wegen nichtarischer Abstammung“. Nicht alle füllten die Zusatzfrage aus. Es war in den 1950er-Jahren im Westen nicht unbedingt karrierefördernd, in der NS-Zeit verfolgt gewesen zu sein.

Glenzdorfs Projekt zog sich in die Länge. Von 1952 bis 1960 verschickte er seine Bögen in mehreren Wellen. Mittendrin erschien „Kürschners biographisches Theater-Handbuch“ über Künstler aus den Bereichen Schauspiel, Oper, Film und Rundfunk, das ebenfalls auf Fragebögen und Selbstauskünften beruhte, aber nur rund 5000 Personen enthielt; herausgegeben wurde es von Herbert A. Frenzel, der jahrelang Kulturredakteur bei der NSDAP-Parteizeitung „Der Angriff“ gewesen war. „Der Kürschner“ war eine etablierte Marke des Walter de Gruyter-Verlags und brachte Handbücher zur Literatur, Musikern, Bildenden Künstlern und Grafikern heraus, gut organisierte und finanzierte Nachschlagewerke.

 

Frühes Standardwerk zur Filmgeschichte

Glenzdorf dagegen war ein Einzelgänger. 1957 zog er von West-Berlin nach Bad Münder in Niedersachsen, benannte sein Unternehmen in „Prominent-Filmverlag“ um – und brachte Ende 1961 das Jahrhundertwerk tatsächlich heraus. Die drei Bände kosteten die damals enorme Summe von 200 Mark, fanden ungeteilte Zustimmung und standen bald im Handapparat der wichtigen Filminstitutionen. Damit war eine große Lücke gefüllt; „der Glenzdorf“ wurde zum Standardwerk. Doch trotz jahrelanger Nachfragen erschien nie eine zweite Auflage, und Johann Caspar Glenzdorf verschwand so spurlos und leise aus der Filmwelt, wie er sie betreten hatte. Stattdessen warf er sich auf die Familienforschung und gab, ebenfalls in drei Bänden, 1977 das „Internationale Genealogen-Lexikon“ heraus.

Damit hätte die Geschichte des „Glenzdorf“ beendet sein können, denn seine Bedeutung nahm mit jeder neuen Filmgeneration ab, die darin nicht mehr aufgenommen wurde. Dann jedoch erfuhr der Kulturhistoriker Ulrich Liebe, der Autor von „Verehrt, verfolgt, vergessen“ über von den Nationalsozialisten umgebrachte Filmkünstler, dass der sagenhafte Glenzdorf nicht weit von ihm entfernt lebte. Genauer gesagt: Wilhelm Bernhard Rost, denn der Name „Glenzdorf“ entpuppte sich als ein Alias.

Mehrfach versuchte Liebe, Kontakt zu Glenzdorf/Rost aufzunehmen. Doch seine Mühen waren vergeblich; der große Eigenbrötler, der hauptberuflich wohl ein Reisebüro betrieb, ließ sich nicht aus der Deckung locken. Schließlich erfuhr Liebe 2003, dass Rost im Alter von 94 Jahren gestorben war. Er fand dessen Nachlassverwalter, der ihm Zugang zu Rosts Wohnung verschaffte, wo der Jäger des verschollenen Schatzes fündig wurde: Auf einem Tisch lagen acht Ordner mit den Originalfragebögen des Film-Lexikons!

Die Originalunterlagen von Johan Caspar Glenzdorf
Die Originalunterlagen von Johan Caspar Glenzdorf (© Prominent Verlag)

 

Dies hätte das Happy-End der Glenzdorf-Saga sein können. 5000 Fragebögen hatte der Herausgeber verschickt, 1250 Angeschriebene hatten reagiert, für Tausende hatte Glenzdorf in Eigenrecherche Adresse und Filmografie geliefert. Ulrich Liebe nahm einen Kredit auf und die Ordner mit nach Hause. Doch dort konnte nicht ihr endgültiger Bestimmungsort sein; sie mussten in das Archiv einer der großen Kulturinstitutionen.

 

Kein Einzelfall

Hier beginnt das Happy-End sich einzutrüben. Wo immer Liebe anfragte – im Münchner Theatermuseum, in der Berliner Kinemathek, im Frankfurter Deutschen Filminstitut, bei der Theatersammlung im Kölner Schloss Wahn, Film- und Theatermuseum in Düsseldorf – liefen die Reaktionen nach einem ähnlichen Muster ab. Die Leiter der Sammlungen zeigen sich von dem Fund begeistert und hätten ihn gerne in ihrem Haus gehabt. Doch wenn es darum ging, das nötige Geld freizugeben, waren ihre Hände gebunden. Liebe wollte 25.000 Euro für das Konvolut, was für ein derartiges Zeugnis deutscher Filmgeschichte nicht sonderlich viel ist. Doch die Ankaufetats der Institutionen sind offenbar dermaßen ausgehungert, dass für alles, was nicht Marlene Dietrich oder Rainer Werner Fassbinder heißt, anscheinend kein Geld mehr vorhanden ist.

Der „Glenzdorf“ ist kein isolierter Fall. Vor zehn Jahren tauchte die lange verschollene „Faust-Bibel“ wieder auf, eine dicke Schwarte mit Zeichnungen und Fotos von den Dreharbeiten zu Friedrich Wilhelm Murnaus legendärem „Faust“-Film, die dem Regisseur von seiner Mannschaft zum Geschenk gemacht worden war. Eine Versteigerung konnte im letzten Moment verhindert werden; die Berliner Kinemathek hätte das Buch kaufen können, doch sie besaß nicht genug Interesse oder nicht genügend Mittel. Dieses deutsche Filmerbe par excellence wurde schließlich von der Cinémathèque française in Paris erworben, die das Artefakt restauriert hat und im Oktober 2026 als Faksimilebuch für Liebhaber herausbringt.

 

 


Quelle:

www.filmdienst.de