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KulturFilm & KunstKreativität kann heilen

Kreativität kann heilen

Der spanische Filmemacher Daniel Sánchez Arévalo schätzt die Mischung aus Komik und Ernst. Das zeigen bereits seine ersten Filme: „Dunkelblaufastschwarz“ (2006) und „Gordos – Die Gewichtigen“ (2009). Sie erzählen mit schwarzem Humor als Tragikomödien viel über die spanische Gesellschaft. 2022 erschien seine Serie „Die Mädchen aus der letzten Reihe“; zwischendurch hat er auch einen Roman veröffentlicht, der 2018 unter dem Titel „Das Flüstern der Insel“ auch auf Deutsch erschienen ist. Mit „So klingt das Leben“ startet am 16. Juli nun sein neuer Film in Deutschland. Die Geschichte spielt in einem Fischerdorf in Galizien im Nordwesten Spaniens und erzählt mit viel Humor, wie Trauer und Traumata innerhalb einer Gemeinschaft gelindert und geheilt werden.

 

 

Sie sind Drehbuchschreiber, Romanautor und Regisseur. In welcher Rolle fühlen Sie sich am wohlsten?

Daniel Sánchez Arévalo: Ich liebe die Arbeit mit Schauspielern, auch wenn ich manchmal sehr streng am Drehbuch festhalte. Meine Dialoge haben mich schließlich viel Arbeit gekostet. Ich mag die Atmosphäre am Set. Aber am wohlsten fühle ich mich, wenn ich zu Hause eine Geschichte entwickle und in aller Ruhe, ohne Zeitdruck, fabulieren kann.

 

Was bedeutet Ihnen die Gratwanderung zwischen tragischen und komischen Momenten in Ihren Filmen?

Sánchez Arévalo: Auf diese Mischung kommt es an! Sie begeistert mich als Zuschauer, und deshalb möchte ich sie auch als Filmemacher beherrschen. Ich glaube, dass „So klingt das Leben“ in dieser Hinsicht gut gelungen ist. Fast alle meine Filme haben einen sehr dramatisch-tragischen Ausgangspunkt. Über die Figuren versuche ich, Licht in die Geschichte zu bringen. Mit wachsender Erfahrung habe ich gelernt, Situationen nicht zu überstrapazieren, also weder die dramatischen Momente noch die komischen, sondern sie auf natürliche Weise entstehen zu lassen. Wenn man eine gute Geschichte mit guten Figuren hat, ergibt sich das fast von selbst.

Daniel Sánchez Arévalo (l.) mit den Darstellern von “So klingt das Leben” (© imago/Future Image)

 

 

Spiegelt Ihr Film über ein Fischerdorf in Galizien auch die Tragödien wider, die wir alle erlebt haben – die Pandemie und ihre Folgen?

Sánchez Arévalo: Es gibt eine Parallele zwischen dem in Trauer erstarrten Dorf und unserer kollektiven Erstarrung während der Pandemie. In diesen Momenten der Lähmung hat mich das Schreiben tatsächlich gerettet. Meine kleine Tochter wurde mit einem Herzfehler geboren. Ich erinnere mich, dass ich die ersten Monate im Krankenhaus verbrachte. Das Einzige, was mir half, nicht in Sorgen zu versinken, war mein Notizbuch, in das ich schrieb, während ich neben dem Bett meiner Tochter saß. Heute geht es ihr gut, alles ist in Ordnung. Das verschaffte mir eine große Erleichterung. Darum geht es auch in „So klingt das Leben“: um diese Erleichterung, die Musik, Kultur und ein gemeinsames Projekt verschaffen können. Es ist wichtig, sich in tragischen Momenten nicht lähmen zu lassen. Kreativität und Kunst können uns dabei helfen und sogar heilen.

 

Sie arbeiten mit Laienschauspielern. Wie ist Ihre Erfahrung damit?

Sánchez Arévalo: Für „So klingt das Leben“ hatten wir ein galicisches Ensemble aus Laien und Profis. Als wir unser Dorf gefunden hatten, haben wir direkt vor Ort gecastet. Die Laien haben viel gelernt, über Film, Selbstdarstellung und wie es ist, vor der Kamera zu stehen. Und die Profis konnten bei Ihnen abschauen, wie man Entenmuscheln von den Felsen schneidet. Davon leben die Menschen in dem Dorf A Guarda, wo wir gedreht haben. Aber auch alles andere, was Fischfang und das Dorfleben ausmachen. Und sie kamen mit der musikalischen Tradition in Galicien in Berührung.

 

„So klingt das Leben“ zeigt eine Dorfgemeinschaft, die durch die Erneuerung alter kultureller Formen ihr kollektives Trauma bewältigt.

Sánchez Arévalo: Mein Ausgangspunkt für den Film war ein YouTube-Video, das einen Auftritt einer Rondalla-Formation mit Heavy-Metall-Musik zeigte. Ich habe herausgefunden, dass auch andere lokale Rondallas solches tun. Es ist notwendig, sich bisweilen neu zu erfinden, ohne die Tradition über Bord zu werfen. Man muss ja auch die junge Generation ansprechen. Beim Wettbewerb spielen alle Rondallas diese Mischung. Von fünf Stücken sind drei traditionelle Werke; zwei aber dürfen „seltsam“ sein, also moderner und zeitgenössischer. Es ist toll, das zu sehen und dabei mitzufiebern. Aber auch die traditionellen Melodien haben mich in ihren Bann gezogen. Sie haben eine enorme Kraft – und die muss geschützt werden.

Die "Rondellas" spielen in "So klingt das Leben" eine wichtige Rolle
Die “Rondellas” spielen in “So klingt das Leben” eine wichtige Rolle (© Alamode Film)

 

Wie zeitgemäß ist ein Film über Volksmusik und Folklore?

Sánchez Arévalo: In Spanien fällt es uns schwer, stolz zu sein. Wir schätzen zu wenig, was wir haben. Deshalb schreckte der Titel „Rondallas“, wie „So klingt das Leben“ im Original heißt, sogar in Spanien viele Menschen ab, weil sie damit etwas Verstaubtes verbinden. Das ist schade. In Frankreich ist das ganz anders. Die Franzosen lieben ihre eigene Kultur. Als „Dunkelblaufastschwarz“ in Frankreich ins Kino kam, sah ich vor einem Kino riesige Schlangen. Ich dachte, dass sie für einen Sielberg-Film anstehen. Aber es waren französische Filme. Ich habe das sehr beneidet. In Spanien muss man sich fast entschuldigen, Filme zu drehen. Die meisten spanischen Filmemacher haben das Gefühl, dass man in anderen Ländern viel mehr geschätzt wird als zu Hause.

 

Worauf führen Sie diese Ablehnung des spanischen Kinos in Spanien zurück?

Sánchez Arévalo: Eine der Bemerkungen, die ich bei meinen Filmen am meisten gehört habe, lautete: „Das hat mir gefallen, der Film wirkte gar nicht spanisch.“ Ich finde, meine Filme sind sehr spanisch, denn es geht um ein Dorf in Galizien, um ein Dorf in Kantabrien oder um ein Stadtviertel in Madrid. Das Politische spielt darin stets eine große Rolle. Wir haben Position bezogen und wurden in eine bestimmte Ecke gedrängt. Im spanischen Film gibt es rechte und linke Strömungen, aber die spanische Rechte lehnt uns in weiten Teilen ab. Man wirft uns vor, dass wir über Subventionen finanziert würden, obwohl die Fördermittel für Filme in Spanien lächerlich gering sind; ich glaube, dass es nicht mehr als 70 Millionen Euro pro Jahr sind. In Frankreich stellen die Institutionen mehr als 300 Millionen zur Verfügung. Außerdem zahlt die Filmindustrie bei uns dieses Geld wieder zurück, weil es sich um lokale Investitionen handelt, die Arbeitsplätze schaffen. Dennoch hat man uns in Spanien das Stigma angeheftet, dass wir Subventionsempfänger seien, dass wir aus der Kasse schöpfen und Filme drehen, die niemand sehen will.

Daniel Sánchez Arévalo (r.) mit Darsteller Javier Gutiérrez
Daniel Sánchez Arévalo (r.) mit Darsteller Javier Gutiérrez (© Alamode Film)

 

Gibt es einen spezifisch spanischen Humor?

Sánchez Arévalo: Ich würde sagen: Ja. Zudem fällt mir bei der Untertitelung von Filmen auf, dass es Witze, Redewendungen und einen Humor gibt, die sich schwer übersetzen oder synchronisieren lassen. Wir besitzen durchaus die Fähigkeit, über uns selbst zu lachen. Wir können uns ein Beispiel an dem Regisseur Luis García Berlanga nehmen. Der griff das auf, was auf der Straße und in der Gesellschaft passierte, und verwandelte es in Humor und Komik – womit er gleichzeitig erzählte, wer wir sind. Das ist im spanischen Filmschaffen gang und gäbe. Aber heute ist die spanische Gesellschaft sehr polarisiert. Die extreme Rechte schart sich unter dem Banner des spanischen Nationalismus. Sie verachten den Humor, die Kultur, unser Selbstverständnis und den Zusammenhalt der Gesellschaft. Obendrein eignen sie sich die Flagge an. In Spanien wird die Flagge inzwischen mit den Rechten in Verbindung gebracht. Vielleicht würde ich auch gerne ein Armband mit der Flagge meines Landes tragen. Aber dann liefe ich Gefahr, für einen Faschisten gehalten zu werden.

 

Was für eine Botschaft wollen Sie in diesen zerrissenen Zeiten mit Ihrem Film vermitteln?

Sánchez Arévalo: Eigentlich will ich mit meinen Filmen keine Botschaften vermitteln, sondern gute Geschichten erzählen. „So klingt das Leben“ erzählt davon, wie man Trauer bewältigen kann. Tochter und Mutter sind die beiden zentralen Figuren, die das neue Leben akzeptieren müssen, das ihnen nun beschieden ist: wieder verliebt zu sein, oder zum Studium ins Ausland zu gehen und ein wenig den Träumen nachzujagen. Weiter voranzukommen und nicht stehen zu bleiben. Dieser Film ist mein vielstimmigster Ensemblefilm. Es gibt darin nicht nur viele Geschichten, sondern auch viele Menschen. Für mich ist es das Wichtigste, was mit jeder einzelnen Figur passiert, und wie die Rondalla ihnen hilft, ihre inneren Konflikte zu bewältigen. Mich interessieren die Konflikte, die jede einzelne Figur hat, weniger das Äußere und Auffällige. Es geht aber auch um die Dynamik zwischen Gruppe und Individuum. Der Film zeigt, dass jeder, und sei er auch noch so beliebt und verwurzelt, plötzlich zum Sündenbock werden und einsam dastehen kann.

 

War Ihnen von Anfang an klar, dass Sie die Liebesgeschichte nicht auf die klassische Art und Weise erzählen wollten?

Sánchez Arévalo: Ja, denn auch wenn es sich sozusagen um einen konventionellen Film im positiven Sinne handelt – in dem Sinne, dass er drei Akte, Figuren, Konflikte und eine Liebesgeschichte hat –, versuche ich immer, eine kleine Wendung einzubauen, die einen aus der Bahn wirft. Ich lasse die Enden gerne ein wenig offen, damit das Publikum die Lücken füllen und entscheiden kann. Ich mag es, wenn die Zuschauer nach dem Film darüber reden, diskutieren und spekulieren können.

 

so klingt das leben plakat


Quelle:

www.filmdienst.de