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"Mit Dauergeläut die Menschen wachgerüttelt" / Vor fünf Jahren warnte Ordensbruder Dirk die Beyenburger vor der Flut

Es gibt Tage, die teilen das Leben in ein Davor und ein Danach ein. Denn eine Katastrophe und ihre Folgen verankern sich meist im kollektiven Gedächtnis der Betroffenen. Sie markieren eine Zäsur, und nicht selten bleibt ein solches Extremereignis auf Jahre ein Trauma, mit dem eine neue Zeitrechnung beginnt. 

Auch für die Menschen im Wuppertaler Ortsteil Beyenburg, mit der alten Klosterkirche St. Maria Magdalena hoch auf dem Berg eher ein bergisches Idyll und angrenzend an die Städte Schwelm, Ennepetal, Radevormwald und Remscheid, bleibt jenes Datum immer präsent. Und trotzdem hatten sie Glück im Unglück. 

Zwar lässt sich an den neuen Häuserfassaden mit den sorgfältig geschieferten Wänden, den weiß glänzenden Haustüren und schmucken grünen Fensterläden ablesen, dass hier viele Gebäude frisch renoviert wurden, weil 55 Haushalte in jener Nacht bis zur Hälfte im Wasser standen, die unaufhaltsame Flut tiefer gelegene Gebäude innerhalb kurzer Zeit versinken ließ, doch Menschenleben sind in jener Nacht – wie im Ahrtal – nicht zu beklagen. 

Im Verlauf des 14. Julis hatte anhaltender Starkregen in großen Regionen Westdeutschlands Flüsse und Bäche zum Überlaufen gebracht – so auch die Wupper und ihre Zuläufe –, so dass das Wasser zunächst in Kellergeschosse, schon bald aber auch in Erdgeschosse und Wohnetagen eindrang und für ein unaufhaltsames Zerstörungswerk sorgte, viele Bewohner obdachlos machte und manche ihr gesamtes Hab und Gut verloren. 

Leben mit der Natur 

Als der Pegel seinen Höchststand erreicht hatte, standen tiefer gelegene Teile Beyenburgs, die Kohlfurth und das Morsbachtal großflächig unter Wasser. Wenn sich Bruder Dirk Wasserfuhr, der letzte verbliebene Mönch des Kreuzherrenordens in Beyenburg und ausgebildeter Krankenpfleger, die Bilder von damals abruft, kommen ihm immer noch die Tränen. 

Bewegend erzählt der 66-Jährige von den ersten Anzeichen des sich ankündigenden Unglücks. “Da es schon den ganzen Tag in Strömen geregnet hatte, die Meteorologen Unwetter vorausgesagt hatten, fuhr ich am Spätnachmittag zur Furt an der Schemmerbrücke, um nach dem Pegelstand der Wupper zu sehen. 

Die seit Stunden ansteigende Wupper erreichte zu diesem Zeitpunkt fast das Straßenniveau. Da wurde mir zum ersten Mal klar: Das geht nicht gut.” Schließlich lebe man in einem solchen Dorf mit der Natur. 

Im Gottesdienst um 18.30 Uhr fordert er die Gemeinde dann auf, dafür zu beten, dass Beyenburg vor der drohenden Überflutung bewahrt bleibe. Die Feuerwehr hatte er vorher bereits auf die Gefahr hingewiesen. Doch wenige Minuten nach der Andacht – wieder macht er sich auf zum tiefsten Punkt des Unterdorfs – sei ihm das Wasser schon entgegengeströmt, berichtet er. 

Da war es 19.20 Uhr. Ohne zu zögern sei er mit dem Auto nach oben zur Kirche “zurückgerast”, um dann das zu tun, was seine Ordensbrüder schon im Mittelalter gemacht haben, wenn sie auf drohendes Unheil aufmerksam machen wollten: Er stellt die sogenannte “Sturmglocke” auf halbstündiges Dauergeläut. 

“Das war in früheren Jahrhunderten das übliche Telefonsystem”, erklärt Bruder Dirk das Warnsignal für alle Bewohner. Denn immer, wenn die Kirchenglocke geht, ist im Ort etwas passiert. Bis heute werde jeder Todesfall in Beyenburg mittags nach dem Angelus mit Geläut vermeldet. Doch diesmal sei es um Lebensgefahr gegangen, bekräftigt er. 

Bruder Dirk Wasserfuhr

“Ich wollte die Menschen wachrütteln, um sie zu warnen und möglichst viele Helfer zu mobilisieren. Manchmal funktionieren die einfachsten Mittel besser als modernste Technik.” 

“Die mächtige Strömung verhinderte vielfach, überhaupt an die Häuser zu gelangen. Autos standen unter Wasser und wurden fortgeschwemmt.” Auch in diesem Fall. Die meisten seien durch das Dauergeläut in der Tat richtig aufgeschreckt, erinnert sich der Ordensmann, der sich selbst in Windeseile in Arbeitszeug wirft und zum Spielplatz im Unterdorf rennt, um beim Befüllen von Sandsäcken aus den Sandkästen der beiden Kitas am Ort zu helfen. 

“Sofort packten alle mit an. Die Bewohner des höher gelegenen Ortes eilten denen in den Häusern des Unterdorfs zur Hilfe und organisierten Transporte – auch Krankentransporte. Andere schaufelten und schaufelten. Aber es half nichts mehr.” 

Die schnell ansteigenden Wassermassen seien zu stark gewesen, hätten die Sandsäcke überflutet oder weggespült. “Trotzdem konnten am Ende alle – auch eine ans Bett gefesselte Patientin, was zur besonderen Herausforderung wurde – mit Schwimmfahrzeugen oder über Stege und Leitern aus den oberen Stockwerken evakuiert werden.” 

In einem nächsten Schritt werden Notunterkünfte organisiert, auch im Kloster. “Es herrschte ein heilloses Durcheinander, und über allem dröhnte die schwere Glocke der Kirche”, weiß Bruder Dirk noch, als wäre es gestern gewesen. 

Was ihm besonders im Gedächtnis geblieben ist, berichtet er, sei das Gefühl der Menschen gewesen, hilflos in dieser Lage alleingelassen worden zu sein. “Keine Sirenen, keine Polizei, keine Feuerwehr oder sonstigen Hilfskräfte.” Die ersten seien schließlich nach zwei endlos langen Stunden verzweifelten Wartens gekommen, so dass sich die Beyenburger in der Zwischenzeit selbst hätten helfen müssen. 

Bis heute kann er kaum fassen, dass in dieser Situation nicht noch mehr passiert ist. Denn erst nach stundenlangem Waten durchs Wasser habe er bemerkt, dass die Transformatorenkästen “kochten und qualmten”, der Strom zu keiner Zeit abgestellt gewesen war. 

Höchster je gemessener Pegel 

Als das erfolgte, sei ganz Beyenburg in Dunkelheit versunken. Nun habe man mit Taschenlampen weitergearbeitet. Um 23 Uhr dann die Gefahrenmeldung, dass die Bevertalsperre zu brechen drohe und alle schleunigst das Überflutungsgebiet verlassen sollten, weil man eine neue Flutwelle erwarte. 

Am Ende hält die Bever, trotzdem übertrifft der Höchststand des Hochwassers in der Nacht die bis dato höchste Pegelmarkierung aus dem Jahr 1890 um einen halben Meter; insgesamt werden vier Meter über Normalstand gemessen. Das ganze Ausmaß der Verwüstung, die der reißende Strom in der Nacht angerichtet hat, zeigt sich bei Tagesanbruch. 

“Meterhoch und tonnenschwer”, so beschreibt es Bruder Dirk, habe sich das Treibgut an den Wupperbrücken aufgetürmt. “Ohne Uferbewaldung hätten umherschwimmende Baumstämme sicher auch so manches Fachwerkhaus mitgerissen”, mutmaßt er. 

“Wie viel Kraft da freigesetzt worden war, ließ sich am massiven stählernen Eisbrecher an der Bilsteiner Brücke ablesen, der völlig verbogen war.” Dann, nach dem Ablaufen des Wassers, habe man umgehend mit den ersten Aufräumarbeiten begonnen. 

“Die ersten Häuser wurden entschlammt und entrümpelt – eine großartige Gemeinschaftsleistung”, lobt Bruder Dirk auch noch im Nachhinein die letztlich etwa 1000 freiwilligen Helferinnen und Helfer aus ganz Wuppertal und Umgebung. 

“Die Hilfsbereitschaft war so groß, dass sogar über die Medien dazu aufgerufen wurde, nicht mehr nach Beyenburg zu fahren, da man hier den Strom an Freiwilligen nicht mehr bewältigen konnte. Aber es rührte einen zu Tränen, zu sehen, wie alle – einer Prozession gleich – mit Besen und Schaufeln von den Bushaltestellen und ortsnahen Parkplätzen zum Einsatzgebiet zogen.” 

Friedhofskapelle als zentrale Versorgungsstelle 

Gleichzeitig türmen sich entlang der Gassen und Straßen Unter-Beyenburgs meterhohe Halden aus Schutt, Möbeln, Hausrat, Pflanzen, Holz und vielem mehr. Auch der große Schützenplatz sei über und über mit haushohen Aufschüttungen voll gewesen – und das über Wochen und Monate. 

Die Friedhofskapelle wird schnell zur zentralen Versorgungsstelle mit Mensa, wo die Flutopfer, die Kontingente der inzwischen eingetroffenen Bundeswehrsoldaten und auch die anderen Hilfskräfte mit Mahlzeiten und Getränken versorgt werden – mittendrin immer Bruder Dirk, der allabendlich eine Mutmach-Rede von der Baggerschaufel herunter hält, damit das Gemeinschaftsgefühl der Beyenburger stärkt und obendrein Zuversicht verbreitet. 

Bruder Dirk Wasserfuhr

“Das hatte etwas von Urkirche und praktisch gelebtem Christentum. Alle Türen standen offen, jeder war willkommen.” 

“Diese Solidarität damals – toll! Einfach großartig!”, schwärmt er heute noch. “Wenn es nicht alles so dramatisch gewesen wäre, würde ich behaupten, es war die schönste Zeit meines Lebens. Das hatte etwas von Urkirche und praktisch gelebtem Christentum. Alle Türen standen offen, jeder war willkommen. Was es gab, wurde selbstverständlich miteinander geteilt – auch die große Not derer, die alles in der Flut verloren hatten.” 

Einen unglaublichen Zusammenhalt habe es gegeben. “Die Gemeinschaft untereinander – mit den Betroffenen, den Helfern, dem Militär – ist in dieser Zeit eng zusammengewachsen. Da sind viele Freundschaften entstanden. Schließlich standen wir tage- und wochenlang Seite an Seite meterhoch im Dreck, zwischen haushohen Schuttbergen. Alle waren wir mit einem Mal per Du. Es gab keine Unterscheidung mehr in Religionen, Konfessionen oder Titeln. Neuhinzugezogene wurden umgehend eingegliedert.”

Urlaub und Freizeit geopfert 

Von überall her seien Schaufeln, Aggregate, Baumaschinen, Werkzeuge, Trockner und Entlüfter oder Benzin für die Räumfahrzeuge geliefert worden. Den obdachlos Gewordenen stellt der Kirchenvorstand die Pilgerzimmer und für die vielen Sachspenden den Pfarrsaal der Klosterkirche zur Verfügung, während Oberstabsfeldwebel Arne Aust, ortsansässig in Beyenburg, den Katastropheneinsatz – vor allem auch die Helfer der Bundeswehr – logistisch koordiniert. 

“Ohne unsere Soldaten wären wir hoffnungslos überfordert gewesen”, stellt Bruder Dirk fest, und dass er diese Zeit nicht missen wolle. “Dass so viele Menschen an uns gedacht haben, Urlaube und Freizeit geopfert, Geld und Sachspenden gegeben haben – allein eine Million sind auf dem spontan eingerichteten ‘Fluthilfe-Konto’ der Gemeinde eingegangen, um durch einen Spendenrat auch unbürokratisch Direkthilfe leisten zu können –, das war einmalig.” 

In der Not hält man zusammen – das sei für ihn die nachhaltigste Erfahrung des 14. Juli gewesen, auch wenn dieses Ereignis nicht automatisch dafür gesorgt hätte, dass die Leute danach zuhauf in die Gottesdienste gekommen seien. “Schon ein bisschen traurig”, bedauert der Ordensmann. “Allein aus Dankbarkeit hätten sie das doch tun können.”

Fünf Jahre später

Was bleibt fünf Jahre nach diesem kollektiven Trauma? “Die Erkenntnis, dass sich mit dem Erleben einer solchen Katastrophe vieles relativiert, man zu unterscheiden lernt, was wirklich wichtig ist, und dass nicht alles in unserer Hand liegt”, erklärt Bruder Dirk. 

“Wir haben erlebt, wie wichtig soziale Netzwerke und zwischenmenschliche Beziehungen sind, um die Tiefen des Lebens zu überstehen; dass Kirche mehr ist als die Sonntagsmesse, der eigentliche Gottesdienst wochenlang bei uns jeden Tag auf der Straße mit und unter den Menschen bei den gemeinsamen Aufräumarbeiten stattgefunden hat. 

Auch wenn es manchmal wenig ‘ora’ und viel ‘labora’ gab”, fügt Bruder Dirk, der auch Herbergsvater für vorbeikommende Pilger am Jakobusweg ist, lachend noch hinzu. Bruder Dirk Wasserfuhr “Wir haben eine großartige Gemeinschaftserfahrung am Ort gemacht, Solidarität, Hilfsbereitschaft und mitmenschliche Nähe erlebt.” 

Darüber hinaus habe die Flut gelehrt, sensibler für die Klimafrage zu werden, aber natürlich auch manche Angst geschürt, wenn heute Starkregen und Gewitter angekündigt würden. “Wir haben eine großartige Gemeinschaftserfahrung am Ort gemacht, Solidarität, Hilfsbereitschaft und mitmenschliche Nähe erlebt”, resümiert der letzte Beyenburger Kreuzherr überaus dankbar. 

“Wir haben Unterstützung durch unsere politischen Vertreter auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene erfahren, und zweimal kam Kardinal Woelki, um sich ein Bild zu machen, die Menschen in ihren Häusern aufzusuchen oder das, was davon übriggeblieben war – und um das Flutkreuz einzusegnen.” 

“Wir sind dankbar für die Handwerker aus dem Schwäbischen, die Helfer aus Dresden, die Soldaten aus Dänemark, Radiomoderatoren aus Niedersachsen, Schulklassen, Gemeinden aller Konfessionen und die vielen, die nicht lange gefragt, sondern mit angepackt haben.” Und das alles mitten in der Coronazeit. Trotzdem habe sich niemand angesteckt. 

Bruder Dirk wünscht sich, dass von all dem Guten, das in dieser Zeit der Not entstanden ist, etwas bleibt: von der innerdörflichen Verbundenheit, von der Offenheit füreinander, von der Großzügigkeit, einander etwas abzugeben, von der Freude, auch wieder miteinander feiern zu können, und von der Dankbarkeit, nicht zuletzt wegen des rechtzeitigen Alarms keine Toten betrauern zu müssen. 

“Und auf einmal war alles anders” – so hat er eine Broschüre mit Erinnerungen an die verheerende Flut und die Zeit danach betitelt. Darin hat er festgehalten, wie die Beyenburger eine beispiellose Hilfsaktion aus dem Boden gestampft und diese traumatische Herausforderung gemeinschaftlich bewältigt haben.

Die Flutkatastrophe im Ahrtal und der Wiederaufbau nach fünf Jahren in Zahlen

In der Flutnacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 starben allein im Ahrtal 135 Menschen. Häuser, Straßen, Zugstrecken, Hotels und Weinberge wurden zerstört, etliche Menschen erlitten ein Trauma. Vieles ist in der Zwischenzeit aber auch wieder aufgebaut worden, zahlreichen Betroffenen konnte auf die eine oder andere Weise geholfen werden. Die Flutkatastrophe und der Wiederaufbau in Zahlen.

 


Quelle:

www.domradio.de