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KulturFilm & KunstMoritz de Hadeln – Mister Filmfestival

Moritz de Hadeln – Mister Filmfestival

Moritz de Hadeln, der von 1980 bis 2001 die Geschicke der Berlinale verantwortete, war ein polyglotter, weltgewandter Kulturschaffender, der das Kino liebte und in der deutschen Kulturgeschichte tiefe Spuren hinterlassen hat. Mit großem Einfallsreichtum und politischem Geschick bewältigte er in Nyon, Locarno und Berlin viele Herausforderungen und stellte seine Kunst dann auch noch in Venedig unter Beweis. Im Alter von 85 Jahren ist de Hadeln am 4. Juli in Nyon gestorben.

 

 

Die Weltgewandtheit von Moritz de Hadeln war schon auf den ersten Blick so offensichtlich, dass man sich keine bessere Tätigkeit für ihn hätte ausdenken können als die eines Festivaldirektors. Sein dickes Telefonbuch mit Kontakten in alle Gewerke des Filmbusiness hätten sich auch andere zulegen können; doch seine Anrufe kamen an, wurden mit Aufmerksamkeit wahrgenommen und hatten weitreichende Folgen.

Das Polyglotte war dem in Exeter geborene de Hadeln, der in Florenz aufwuchs und zum Studium an die Sorbonne nach Paris ging, schon in die Wiege gelegt. Die zahlreichen Sprachen, die er beherrschte, vereinte er kurzerhand zu einem eigentümlich-individuellen Esperanto, auch „deHandelnsch“ genannt, mit dem er 21 Jahre lang die Geschicke der „Berlinale“ durch alle Untiefen führte. Von 1980 bis 2001 leitete er das Festival in Berlin, das mit Cannes und Venedig damals noch zu den „großen Drei“ zählte, bei dem sich die mächtigen Player der US-Studios ebenso tummelten wie die wenig bekannten Autorenfilmer aus aller Welt.

 

Ein erfolgreicher Kulturmanager

Als solcher hatte sich der Schweizer Moritz de Hadeln Anfang der 1960er-Jahre in verschiedenen Funktionen selbst versucht. Doch seine eigentliche Bestimmung als Kulturmanager im Kinobereich fand er erst 1969. Damals gründete er zusammen mit seiner Frau Erika de Hadeln das Dokumentarfilmfestival in Nyon, das noch heute als „Visions du Réel“ einer der bedeutendsten Orte fürs dokumentarische Filmemachen ist. De Hadeln war zehn Jahre lang Chef dieses Festivals und auch später weiter an der Entwicklung seiner erfolgreichen Erfindung interessiert, die bis in die frühen 1990er-Jahre von Erika de Hadeln verantwortet wurde. Da hatte ihr Mann längst das repräsentative Filmfestival von Locarno übernommen, das er von 1972 an leitete und wo man ihm noch heute die identitätsstiftende Idee zurechnet, die Piazza Grande als gigantisches Freiluftkino ins Zentrum des Festivals gestellt zu haben. Bis 1977 führte er das Erstaufführungsfestival für den Jungen Film und machte es über die Schweiz hinaus zu einem renommierten cineastischen Begegnungsort.

Moritz de Hadeln und Berlins Bürgermeister Eberhard Diepgen (© imago Seeliger)

 

So sahen die Veranstalter der Berliner Filmfestspiele, damals der Bund und das Land Berlin, in Moritz de Hadeln den geeignetsten Kandidaten für die Übernahme der Leitung des größten deutschen Filmfestivals, das sich von seiner Krise nach der Ablösung von Alfred Bauer und der kurzzeitigen Übernahme durch den Filmjournalisten Wolf Donner, der die Berlinale in den Februar verlegte, noch nicht erholt hatte. Zwischenzeitlich hatte sich allerdings das Internationale Forum des Jungen Films als Parallelveranstaltung unter Ulrich und Erika Gregor und ihren „Freunden der deutschen Kinemathek“ etabliert. De Hadeln fand damit ein schwieriges Projekt vor. Das Profil des Berliner Festivals als einer dezidiert politischen Veranstaltung sollte beibehalten werden; zugleich aber wollte man die Attraktivität des Festivals als Premierenstandort für Hollywood und damit auch die Präsenz von US-Stars ausbauen, um das Publikum der Stadt bei der Stange zu halten und die mehr cineastisch geprägten Zuschauer des „Forums“ ans Hauptfestival heranzuführen. Die Erfüllung dieser Aufgaben prägte die Arbeit de Hadelns ebenso wie später die Wiedervereinigung der geteilten Stadt und der Umzug an die neuen Spielstätten am Potsdamer Platz, die er noch vollendete, bevor dann ab 2001 Dieter Kosslick übernahm.

 

Im Feuer der Kritik

Moritz de Hadeln machte aus der eher gesichtslosen Nebenveranstaltung „Info-Show“ die auch als Spielort für den queeren Film gedachte „Panorama“-Sektion mit ihrem renommierten Filmpreis Teddy Award; er unterstützte auch die filmhistorischen Retrospektiven im Rahmen der „Berlinale“, um aktuelle Entwicklungen der Filmkunst in ihre historischen Kontexte einzuordnen. Bald waren die „Retros“, etwa zu Ernst Lubitsch, den Siodmak-Brüdern, dem Farbfilm oder dem Cinemascope-Format, echte Schmuckstücke und Alleinstellungsmerkmale der Filmfestspiele. Auch die Erstaufführung der im Zuge der Perestroika wiederentdeckten russischen Filme wie „Die Kommissarin“ (1967) von Alexander Askoldow war eine Sternstunde des Festivals. Und mit „Rotes Kornfeld“ von Zhang Yimou fand das chinesische Kino endlich eine große Weltbühne.

Goldener Ehrenbär für Shirley MacLaine, Moritz de Hadeln
Goldener Ehrenbär für Shirley MacLaine, Moritz de Hadeln (© imago images/BRIGANI-ART)

 

Um die wirtschaftliche Grundlage der Berliner Filmfestspiele zu sichern, wurde ein Filmmarkt fast von der Größe dessen von Cannes ins Leben gerufen. Auch das geht auf de Hadeln zurück. Für alles, für das er gelegentlich gelobt wurde, gab es von der Fach- und der Hauptstadtpresse auch heftige Kritik. Die großen Filmregisseure kamen und gingen, und es gab Festivalausgaben mit merkwürdigem Verlauf. 1984 hatten beispielsweise alle deutschen Kritiker schon ihren Totalverriss der Berlinale geschrieben, als am allerletzten Tag „Love Streams“ von John Cassavetes uraufgeführt wurde. Dieses Meisterwerk rettete das Festival. Immer wieder kritisiert wurde de Hadelns Umgang mit den deutschen Filmen, mit denen ihn keine besondere Liebe verband. Es kam zu den gefürchteten „Schlachtfesten“ des Berliner Publikums, das die kleinste Andeutung von Romantik mit Gelächter und dem ironischen Ruf „Tu’s nicht!“ quittierte.

Erst Dieter Kosslick fand mit seiner Erfindung der Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ ausschließlich für deutsche Filme eine Lösung für den Umgang mit dem Deutschen Film. De Hadelns Abschied von der Berlinale war auch deshalb alles andere als harmonisch. Erst als er mit zwei Ausgaben der Filmbiennale von Venedig, die er unmittelbar im Anschluss an seinen Ausstieg aus der Berlinale verantwortete, seine Kompetenz als Kurator von Kunstausstellungen für den Film erneut unter Beweis stellte, wandelte sich der Blick seiner deutschen Kritiker.

Moritz de Hadeln hat in seinen verschiedenen Funktionen das Kino geliebt und gelebt und in der deutschen Kinogeschichte tiefe Spuren hinterlassen. Nicht ohne Grund betitelt Christian Jungen seine Biografie über Moritz de Hadeln mit „Mister Filmfestival“. Das ist er gewesen: das personifizierte Filmfestival. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Moritz de Hadeln mit 85 Jahren am 4. Juli 2026 in einem Krankenhaus in Nyon gestorben.

 


Quelle:

www.filmdienst.de