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KulturFilm & KunstUnbekannte Nachbarn

Unbekannte Nachbarn

Obwohl Tschechien und Böhmen von Berlin aus eigentlich nur einen Katzensprung entfernt liegen, ist die Kinematografie der beiden Nachbarländer in Deutschland kaum bekannt. Dem will eine hochkarätige Filmreihe abhelfen, die unter dem Titel „In weiter Ferne, so nah! Tschechische und slowakische Kinolandschaften“ zentrale Werke aus der Zeit zwischen den 1930er- und 2000er-Jahren versammelt. Eine cinephile Einladung, sich mit dieser wichtigen Film- und Kulturregion intensiver zu beschäftigen.

 

Der Titel dieser hochspannenden, sich über acht Dekaden erstreckenden Präsentation mag zunächst verwundern, assoziiert man damit zunächst doch einen deutschen Spielfilm, Wim Wenders missglückte Fortsetzung seines emblematischen Werkes „Himmel über Berlin“ (1987). Damit hat die Retrospektive aber nichts zu tun. Ihr Titel umschreibt vielmehr sehr genau einen aus zeit- und filmgeschichtlicher Perspektive fast beschämenden Wahrnehmungszustand. Obwohl Tschechien von Berlin aus in nur wenigen Stunden erreichbar ist, scheint es sich immer noch weitgehend um eine cineastische Terra incognita zu handeln. In noch höherem Maße trifft dies auf das slowakische Kino zu. Bekannt sind hierzulande nur wenige prominente Namen und Filmtitel.

Um diesem Defizit Abhilfe zu schaffen, hat der Kurator Ralph Eue die aktuelle Reihe „In weiter Ferne, so nah!“ initiiert. Er holte sich mit Brigitte Mayr und Michael Omasta zwei Fachleute aus Österreich als Co-Kuratoren ins Boot. Von der Donau aus sind Böhmen, Mähren und die Slowakei ohne Zweifel besser wahrnehmbar als von der Spree aus. Folgerichtig erscheint die Publikation zur Filmreihe demnächst auch im Wiener Synema Verlag. Mit dem umfangreichen Filmprogramm und dem nachgereichten Buch wird die Leerstelle natürlich nicht schlagartig gefüllt – wohl aber eine vernehmliche Einladung ausgesprochen, sich endlich intensiver mit dieser wichtigen Film- und Kulturregion zu beschäftigen.

 

Ein weites Spektrum

Schon ein erster Blick auf das Programm macht ein sehr weites Spektrum von Namen, Inhalten und Stilen auf. Es wird deutlich, dass hiermit ein Anfang gemacht wird, dem weitere Stufen der Beschäftigung folgen sollten. Unter dem hintersinnigen Motto „Freu Dich nicht zu spät“ liefen im Juli in Berlin zunächst neun Filme, darunter Arbeiten von Miloš Forman („Der Feuerwehrball“, ČSSR 1967) und Věra Chytilová („Panelstory oder Wie eine Wohnsiedlung entsteht“, ČSSR 1979). Die beiden weltweit berühmten Filmschaffenden konnten während des historisch kurzen „Prager Frühlings“ von 1963 bis 1968 ihre Idealvorstellungen eines von inneren und äußeren Zwängen weitgehend befreiten Kinos realisieren. Forman emigrierte nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen 1968 in den Westen und schaffte es als Regie-Star bis nach Hollywood. Chytilová verblieb in der Heimat, nahm die unvermeidlichen zensorischen Einschränkungen auf sich und vermochte nach Jahren des Berufsverbots unter Kompromissen weiterzuarbeiten.

Szene aus „Der Feuerwehrball“ (© imago/Capital Pictures)

 

Wie in den beiden Filmen von Chytilová und Forman überwogen auch bei den anderen Beispielen heitere Töne, die zwischen Ironie, Slapstick und Sarkasmus changierten. Diese Haltung blieb unter den verschiedenen politischen Zwangssystemen zwischen 1938 und 1945 sowie mit kurzer Unterbrechung zwischen 1948 und 1989 ein Kontinuum des tschechoslowakischen Kinos. Zwar konnte man die jeweiligen ideologischen Notlagen stets spüren, da die Filme immer etwas verklausuliert waren, doch sie bleiben unter einer feinen Folie von Kodierungen und Anspielungen verborgen. So zeichnet Martin Frič in „Kristian“ (1939) das Bild eines Hochstaplers, der sich in seinen wechselnden Rollenspielen aufzulösen scheint. Die turbulente Komödie wurde während der deutschen Besetzung gedreht; die Premiere fand eine Woche vor dem zwischen Hitler und Stalin koordinierten Überfall auf Polen statt, welcher zum endgültigen Ausbruch des Zweiten Weltkriegs führte. Unterschwellig bedrohliche, fast kafkaeske Töne schlug 25 Jahre später Hynek Bočan mit seiner Milan-Kundera-Verfilmung „Niemand wird lachen“ (1965) an. Das eben noch geordnete Leben eines Hochschullehrers gerät hier wegen einer scheinbar lapidaren Aufgabe irreversibel aus den Fugen.

Neben Beispielen aus den 1930er- bis 1980er-Jahren gab es im ersten Kapitel der Retrospektive mit „Rivers of Babylon“ (1998) von Vladimír Balco und mit „Tschechischer Traum“ (2004) von Vit Klusák und Filip Remunda auch zwei nach der „Samtenen Revolution“ entstandene Arbeiten. In ihnen wurden die Folgen des sozialen Wandels nach dem erfolgreichen Sturz der sozialistischen Diktatur ebenfalls komödiantisch aufgegriffen und zugespitzt – jedoch ohne jede Nostalgie. Der berühmte böhmische Humor erwies sich damit einmal mehr als eine flexible Überlebensstrategie.

 

Drei herbe historische Einschnitte

Die in der zweiten Augusthälfte startende zweite Staffel der Retrospektive mit dem Titel „Durch verwundete Zeiten“ fällt mit insgesamt 18 einzelnen Lang- und Kurzfilmen in zehn Programmen etwas umfangreicher aus, verzichtet dabei aber auf Beispiele aus postkommunistischen Zeiten. Dadurch werden die Einflüsse auf die tschechoslowakische Wirklichkeit durch Zugriffe von außen und die damit ausgelösten Zäsuren noch deutlicher. Kaum eine Biografie von Menschen, die im kreativen Bereich arbeiten – und damit die von ihnen geschaffenen oder unterdrückten Werke – blieb von den jeweils aktuellen Zwangslagen verschont. Zwischen den 1930er- und 1980er-Jahren stand, von kurzen Phasen des Atemholens abgesehen, zwischen Opportunismus und Widerstand kein großer Entscheidungsspielraum zur Verfügung.

"Svět patří nám" von Martin Frič
„Svět patří nám“ von Martin Frič (© Zeughaus Kino)

 

Drei historische Ereignisse griffen dabei ganz konkret auf zahllose Lebensläufe zu: 1938 die stufenweise Zerstörung und nachfolgende Besetzung der „Ersten Republik“ durch Nazi-Deutschland, möglich geworden auch durch die klägliche Appeasement-Taktik der westlichen Staaten. 1948 die Zerschlagung der demokratischen Nachkriegsordnung durch den von Moskau aus gesteuerten kommunistischen Putsch. Und 1968 die militärische Beendigung des „Prager Frühlings“ durch die direkte Invasion sowjetischer und anderer Warschauer-Pakt-Truppen. Sämtliche kurzen und langen Beiträge des „Durch verwundete Zeiten“-Reihe haben direkt oder indirekt mit diesen Ereignissen zu tun. Zwangsweise bleibt der Humor darin ein eher indirekter, was der Vitalität und Nachhaltigkeit der einzelnen Werke allerdings keinerlei Abbruch tut. Ganz im Gegenteil.

Eröffnet wird das zweite Kapitel am 22. August, also genau 58 Jahre nach dem staatsterroristischen Zugriff des Kreml auf Prag und die gesamte ČSSR. Gezeigt wird ein Kurzfilmprogramm mit meist heimlich, unter Lebensgefahr, aufgenommenen Sequenzen. Einige Teile wurden dabei auch von offiziellen Mitarbeitern des Armeefilmstudios gefilmt, die sich damit faktisch mit ihren Kameras auf die Seite der Demonstranten und Opfer stellten. Den Abschluss dieses ungemein beklemmenden, weil puren dokumentarischen Programms bildet der Film „Les“ (Wald) des slowakischen Regisseurs Ivan Balaďa. Zu sehen sind Bilder von der Beerdigung Jan Palachs, der sich als Protest gegen die Okkupation am 16. Januar 1969 auf dem Wenzelsplatz in Flammen gesetzt hatte und drei Tage später seinen Verletzungen erlag.

Filme der nach der Absetzung des Reform-Parteichefs Alexander Dubček deklarierten „Normalisierung“ wurde bewusst weggelassen. Ausgewählt wurden aber zwei Spielfilme aus der „Ersten Republik“ sowie sieben zwischen 1948 und 1964 entstandene Arbeiten. Interessant dabei ist, dass sich darunter zwei Adaptionen von Karel-Čapek-Texten finden, eine aus dem Jahr 1937, die anderen aus dem Jahr 1948. Karel Čapek gehört in Tschechien bis heute zu den großen nationalen Identifikationsfiguren; seine Romane und Theaterstücke stellen eine kulturelle Kontinuität ersten Ranges dar. Setzt man sie zu den Zeitläuften ins Verhältnis, so ergeben sich daraus in der Tat starke visionäre Potenziale. Sein Theaterstück „Bílá nemoc“ (Weiße Krankheit) erschien 1937, wurde noch im selben Jahr uraufgeführt und durch den damals unglaublich produktiven Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur Hugo Haas auch verfilmt. Erzählt wird die Geschichte einer sich rasant ausbreitenden Seuche. Die Versuche eines Arztes, mittels eines Medikaments die mit fanatischer Kriegsbegeisterung einhergehende Epidemie zu bekämpfen, schlagen fehl. Offenbar will sich die Menschheit nicht retten lassen.

Das Theaterstück von "Die weiße Krankheit"
Das Theaterstück von „Die weiße Krankheit“ (© imago/CTK Photo)

 

Das noch heute hochaktuelle Stück und seine Verfilmung waren als eindringliche Warnung vor der Bedrohung durch Hitler geschrieben worden. Karel Čapek, der eng mit dem legendären Präsidenten Tomáš G. Masaryk (1850-1937) befreundet war, galt nach der Okkupation durch die Nazis als Staatsfeind. Er verstarb abgeschottet und observiert 1939 an einer Lungenentzündung. Sein Bruder, der Maler und Grafiker Karel Čapek, wurde 1939 von der Gestapo verhaftet; kurz vor Kriegsende erlag er in Bergen-Belsen Krankheit und Schwäche.

 

Umgang mit nationalen Traumata

Auch bei der im Schlüsseljahr 1948 durch den Routinier Otakar Vávra realisierten Čapek-Adaption „Krakatit“ geht es um eine Warnung vor bedenklichen Fehlentwicklungen der menschlichen Spezies. Als der Roman 1924 erschien, war der Stoff zunächst als Menetekel gegen neuerliche Aufrüstung und ideologische Radikalisierung gemeint. Nach 1945, als sich die düstere Prophezeiung erfüllt hatte, erlebte die Vorlage eine auf den Aufstieg der Atomkraft zur neuen Superbombe angewandte Neuinterpretation. Da der Film noch vor der Demontage der jungen Demokratie Ende Februar 1948 gedreht worden war, entging er einer banalisierenden Instrumentalisierung durch den Kalten Krieg. Seine Bedrohungsszenarien konnten sich auf der Leinwand weitgehend ohne konkrete Verortung auf der tagespolitischen Landkarte entfalten.

Dr. Prokop, der offenbar eine Erfindung mit ungeheurem Vernichtungspotential gemacht hat, wird von dunklen Mächten gejagt. Sie wollen ihm die potenzielle Waffe abjagen, um diese im globalen Machtkampf einzusetzen. Aus dieser Konstellation globalen Deliriums schöpft Vávra ungemein originelle Bild- und Inszenierungseinfälle. Der Film spielt mit irritierenden Raum- und Zeitverschiebungen; die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit verwischen sich zunehmend. So gerät „Krakatit“ phasenweise eher zum psychedelischen Trip als zum propagandistischen Pamphlet.

Szene aus "Die Hofnarrenchronik"
Szene aus „Die Hofnarrenchronik“ (© imago/United Archives)

 

In der tschechischen, teilweise aber auch der slowakischen Kulturgeschichte spiegeln sich nationale Traumata oft auf originelle, ja innovative Weise wider. Auch das Kino schlug aus möglichen oder tatsächlich stattgefundenen Katastrophen seine Funken –  was sich in allen drei von der aktuellen Werkschau umfassten historischen Phasen eindrucksvoll widerspiegelt. Mit „Bláznova kronika“ (Die Hofnarrenchronik) schuf Animationsfilm-Pionier Karel Zeman 1964 eine gleichzeitig innovative wie wunderschön „altmodische“ Reflexion auf die Glaubenskriege, welche in Böhmen besonders lange und hartnäckig tobten und ihre Auswirkungen bis an den Rand der Moderne ausübten. Die Abenteuer um einen böhmischen Simplizissimus werden hier als augenzwinkernde Moritat mit doppeltem Bühnenboden erzählt. Zeman nutzte die lose verknüpfte, wenig glaubwürdige Handlung, um seine bei der Arbeit an „Cesta do pravěku“ (Reise in die Urzeit, 1955) oder „Vynález zkázy“ (Die Erfindung des Verderbens, 1958) entwickelten tricktechnischen Methoden zu perfektionieren. Er erwies sich damit einmal mehr als ein würdiger Nachfolger seines Seelenverwandten Georges Méliès. Wie dieser verstand er das Kino nicht als Imitationsapparat von Wirklichkeit, sondern als Zauberspiegel, mit dessen Hilfe die Sollbruchstellen der menschlichen Zivilisation auf ironische Weise sichtbar gemacht werden.

 

Filmische Raritäten

Zwei bislang extrem selten zu sehende filmische Artefakte stehen am anderen Ende eines möglichen Spielraums im Umgang mit Zeitgeschichte. Sie entstanden im Abstand von zehn Jahren, markieren Tief- bzw. Wendepunkte mitteleuropäischer Historie. „Krize“ (Krise) wurde durch zwei tschechische und einen US-amerikanischen Filmemacher gewagt, die sich 1938 in das Innenleben der von Adolf Hitler finanzierten und gesteuerten Henlein-Bewegung begaben. Der Titel bezieht sich auf die als „Sudetenkrise“ kleingeredeten Versuche Nazi-Deutschlands, die junge tschechoslowakische Demokratie zum Straucheln zu bringen – was kurz nach den Dreharbeiten auch geschah. Der 1909 in Chicago geborene Herbert Kline drehte mit seinen tschechischen Kollegen in Nazi-Versammlungen, zeigte aber auch die demokratischen Gegenaktionen sowie den bedrohten Alltag der Zivilgesellschaft. Die Kamera führte der 30-jährige Alexander Hackenschmied, der sich wenig später dem möglichen Zugriff der Gestapo entzog und in die USA emigrierte. Dort änderte er seinen Nachnamen in Hammid. Mit Maya Deren drehte er später einige der schönsten Experimentalfilme der Welt.

Der zweite, lange Zeit quasi unsichtbare, zeitgeschichtlich aber gewichtige Film ist der 1949 vom späteren Gründer des legendären „Laterna magika“-Theaters Alfréd Radok realisierte Spielfilm „Daleká cesta“ (Weiter Weg). Die Auslöschung des europäischen Judentums wird von ihm als eine jede Sentimentalität entbehrende, komplexe Familien-Odyssee erzählt. Seine Bildsprache ist klar, die Montage präzise. Gedreht wurde an Schauplätzen, an den sich wenige Monate zuvor das im Film nachinszenierte Geschehen ereignet hatte. Die Familie des Regisseurs gehörte zu den Betroffenen. Radok geriet mit seiner schnörkellosen, doch künstlerisch zugespitzten Perspektive bald an die Grenzen der sozialistischen Kulturpolitik. Er floh 1968, nach der nächsten Invasion, nach Schweden.

 

Hinweis

Die Retrospektive „In weiter Ferne, so nah! Tschechische und slowakische Kinolandschaften“ läuft bis Mitte Dezember im Zeughauskino und im Kino Krokodil in Berlin. Das Buch zur Filmreihe erscheint im Herbstr im Synema Verlag in Wien.


Quelle:

www.filmdienst.de