Werbungspot_imgspot_img
UmweltWadephuls Afrika-Mission: Energie, Handel, Wachstum

Wadephuls Afrika-Mission: Energie, Handel, Wachstum

In einem Zelt in der nigerianischen Millionenmetropole Lagos treffen zwei Welten aufeinander: Modisch gekleidete Influencer sitzen auf gepolsterten Hockern gegenüber Außenminister Johann Wadephul, leger ohne Sakko. Für eine halbe Stunde begegnen sich die junge Kreativszene Afrikas und die deutsche Außenpolitik.

Dialog mit Kreativen in digitalen Zeiten

Die jungen Leute gehören zu den Stars der nigerianischen Kreativbranche – in einem Land mit rund 240 Millionen Einwohnern und einem Medianalter von knapp 18 Jahren. Wadephul will wissen, was die junge Generation bewegt. Welche Themen treiben sie um? Wie blicken sie auf Deutschland? Und was erwarten sie von einer Zusammenarbeit? Nach kurzem Zögern antworten sie: Deutschland und Europa hörten ihre Musik, schauten sich ihre Kunst an und wollten mit ihnen zusammenarbeiten. Doch wer zur Fashion Week oder zum Filmfestival Berlinale in die deutsche Hauptstadt reisen wolle, bekomme kaum ein Visum, sagt ein junger Mann aus dem Publikum.

Ein Gruppe von acht Frauen und Männern.
Außenminister Johann Wadephul und Omar Touray (2.v.r), Präsident der Kommission der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas, rechts steht Claudia Roth, Fachsprecherin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung der Grünen-Bundestagsfraktion Bild: Soeren Stache/dpa/picture alliance

Wadephul versucht zu erklären. Ganz überzeugen kann er die jungen Kreativen damit allerdings nicht. Dennoch kommt man ins Gespräch, freut sich über den Austausch und lädt anschließend Gute-Laune-Videos auf Social-Media-Plattformen hoch – auf den Kanälen der Influencer ebenso wie auf denen des Auswärtigen Amts. So sucht die deutsche Diplomatie den direkten Draht zur jungen Generation Afrikas.

Nigeria als wertvoller Energielieferant

Der Außenminister wirbt nicht ohne Grund in Nigeria für Deutschland. “Das Land ist ein wirtschaftliches Kraftzentrum und als größter Binnenmarkt in Afrika auch ein Absatzmarkt für deutsche Exporte”, sagt er in Lagos. Die zweitgrößte Wirtschaft der Subsahara importiert schon Maschinen, Chemie und Nahrungsmitteln “Made in Germany”.

Aber den größten Anteil in der Handelsbilanz machen Nigerias Rohstoffe. Seit der Blockade der Straße von Hormus sind sie noch wichtiger geworden. “Im Juni kamen 25 Prozent der Kerosinlieferungen nach Europa aus Nigeria. Aber wir können da noch deutlich mehr tun”, betont Wadephul.

Wichtige Infrastrukturhilfe

Auf seiner dritten Afrika-Reise begleitet Wadephul eine Wirtschaftsdelegation. Zu ihr gehören Konzerne wie Siemens ebenso wie mittelständische Unternehmen. Eines von ihnen ist das Münchner KI-Unternehmen VIDA, das während der Reise einen Vertrag über mehrere Millionen Euro mit der nigerianischen Regierung abschließt. Im Mittelpunkt steht die KI-gestützte Infrastrukturplanung.

“Unsere Lösungen helfen dabei, neue Standorte zu finden und zu bewerten. Mit KI lässt sich deutlich schneller erkennen, welches wirtschaftliche Potenzial ein Standort hat und wie es um Sicherheit, Klimaentwicklung und andere Rahmenbedingungen vor Ort steht”, erklärt VIDA-Gründer Tobias Engelmeier. Sein Unternehmen setzt bereits Projekte in 20 afrikanischen Ländern um.

Wadephul und Odumegwu-Ojukwu schütteln sich die Hände vor den Fahnen ihrer Länder.
Wadephul trifft seine nigerianische Amtskollegin Odumegwu-OjukwuBild: Soeren Stache/dpa/picture alliance

Deutsche Unterstützung beim Infrastrukturaufbau ist vielerorts gefragt. Seit die EU im Rahmen ihrer Global-Gateway-Strategie ein 290 Millionen Euro schweres Paket auf den Weg gebracht hat, wächst in Afrika wie auch bei europäischen Unternehmen die Hoffnung auf schnellere Fortschritte beim Ausbau von Verkehrs-, Energie- und Versorgungsnetzen. Auch die nigerianische Regierung wirbt mit eigenen Programmen um deutsche Investitionen in die Modernisierung der Stromversorgung.

Unterschätzte wirtschaftliche und politische Bedeutung

Dabei hat Deutschland die wirtschaftliche und politische Bedeutung Nigerias lange unterschätzt. Gemessen am Potenzial des zweitwichtigsten deutschen Handelspartners in Subsahara-Afrika sind rund 100 deutsche Unternehmen vor Ort vergleichsweise wenig. Siemens beteiligt sich am Ausbau des Stromnetzes, Bayer plant gemeinsam mit regionalen Partnern eine Pharma-Produktion. Auch Mittelständler erschließen zunehmend den Markt, aber viele beklagen zu intransparenten Markt und Entscheidungsstrukturen.

“Es ist ein schwieriger Markt mit hohen operativen Kosten. Deshalb braucht man unbedingt lokale Partner, die die verschiedenen Strukturen in den 36 Bundesländern verstehen”, sagt Sabine Dal´Omo, Geschäftsführerin von Siemens Subsahara und Vorsitzende des Afrikavereins der Deutschen Wirtschaft.

Zu den Unternehmen, die noch abwarten, gehört der Erneuerbare-Energien-Anbieter Enertrag. “Für uns hat Nigeria sehr viel Potential – es gibt starken Bedarf im Inland und gute Voraussetzungen für den Export von grüner Energie. Aber die Rahmenbedingungen insgesamt sind uns noch zu unsicher für ein langfristiges Investment”, sagt Vorstandsmitglied Anne Bendzulla.

Mehrere Frauen und Männer sitzen an einem langen Tisch. vor ihnen Wasserflachen, Mikrophone und kleine Fahnen.
Außenminister Wadephul beim Runden Tisch mit Vertretern der nigerianischen Wirtschaft in LagosBild: Soeren Stache/dpa/picture alliance

Stattdessen investiert Enertrag seit einigen Jahren erfolgreich in Südafrika. Dort ist das Unternehmen nach eigenen Angaben bereit, rund 850 Millionen Euro in Windenergie zu investieren. Der Grund: Die Rahmenbedingungen seien deutlich verlässlicher und die Sicherheitslage besser als in vielen anderen Ländern der Region, so Bendzulla.

Wer zu spät kommt, der verpasst Chancen

Die Sicherheitslage in Nigeria ist tatsächlich ein Thema für deutsche Wirtschaft. Die Bundesregierung stellt deshalb weitere Mittel für die Zusammenarbeit mit der nigerianischen Regierung und den Polizeibehörden zur Verfügung, “damit das wirtschaftliche Engagement nicht dadurch eingeschränkt wird”, so der Außenminister nach einem Treffen in der Hauptstadt Abudja.

Er appelliert an deutsche Wirtschaft, nicht zu lange zu zögern. “Wer heute nicht in Afrika präsent ist, der riskiert, entscheidende Chancen zu verpassen”, sagt Wadephul vor Ort. Das Land mit seiner jungen Bevölkerung verfüge über großes Potenzial und reiche Ressourcen. “Es wäre grobfahrlässig, wenn wir das übersehen.” 

600 deutsche Firmen investieren in Südafrika

Zum Abschluss seiner Afrika-Reise besucht Johann Wadephul Südafrika, den wichtigsten deutschen Wirtschaftspartner auf dem Kontinent. Südafrikas Außenminister Ronald Lamola macht gleich zu Beginn deutlich, welchen Stellenwert deutsche Unternehmen für sein Land haben: “600 deutsche Firmen investieren in Südafrika und sichern hunderttausende Arbeitsplätze in unserem Land“, sagt er bei der Pressekonferenz in der Hauptstadt Pretoria.  

Wadephul und Lamola geben sich die Hände. Hinter ihnen stehen Polstersitze und die Fahnen ihrer Länder.
Wadephul mit seinem südafrikanischen Amtskollegen Ronald Lamola in PretoriaBild: Phill Magakoe/AFP

Beide Länder hatten ihre Strategische Partnerschaft im April 2026 mit einem neuen Abkommen bekräftigt. Der 90 Punkte umfassende Aktionsplan sieht vor allem eine engere Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft, Energie und Sicherheit vor. Dazu gehört die deutsche Unterstützung für die Energiewende in Südafrika, wo noch immer rund 80 Prozent des Stroms aus Kohle stammen.

Kritik an Trumps Südafrika-Politik

Bei politischen Gesprächen in Pretoria kritisiert der deutsche Außenminister die Haltung von US-Präsident Donald Trump gegenüber Südafrika. Er fordert ein Ende des faktischen Ausschlusses des Landes aus dem G20-Prozess durch die USA: “Als einziges afrikanisches G20-Mitglied hat Südafrikas Stimme globales Gewicht. Wir wollen, dass diese Stimme gehört wird.“ Deutschland werde sich dafür einsetzen, “dass diese Unterbrechung nicht dauerhaft ist“. Südafrika solle wieder als vollwertiges Mitglied im nächsten Jahr im G20-Rahmen mitarbeiten, sagt Wadephul. 

Trump wirft Südafrika einen Genozid an weißen Farmern vor. Die südafrikanische Regierung sowie zahlreiche Experten weisen die Darstellung eines angeblichen Völkermords zurück. Trump boykottierte bereits den letzten G20-Gipfel in Johannesburg im November 2025.

Wadephul betont auch seine Unterstützung für die afrikanische Vertretung im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Die Länder hätten zurecht das Gefühl, nicht angemessen vertreten zu sein, so der deutsche Außenminister. 

Die viertägige Afrika-Reise Wadephuls zeigt, wie stark Deutschland in Zeiten der Krise des Multilateralismus den Dialog mit Demokratien und regionalen Mittelmächten sucht. Auch als Reaktion auf den wachsenden Einfluss Chinas und Russlands in Afrika will die Bundesregierung gemeinsam mit Europa die Beziehungen zu den Staaten des Globalen Südens stärken.


Quelle:

www.dw.com