Die Historikerin und Studienautorin zu sexualisierter Gewalt und Missbrauch in der katholischen Kirche, Sylvia Schraut, hat geltende Datenschutzregeln als Täterschutz und Hindernis für die Aufarbeitung kritisiert. “Meiner Meinung nach ist der Datenschutz, so wie wir ihn im Moment haben und wie er derzeit in Gerichtsurteilen entschieden wird, ein Täterschutz”, sagte die Mannheimer Historikerin am Freitag im Interview der Zeitschrift “Publik Forum”. Sie kritisierte zu strenge Auflagen bei Anonymisierung selbst bei überführten Missbrauchstätern.
Schraut wies auch Vorschläge zurück, Personalakten grundsätzlich bereits nach 20 Jahren zu vernichten. “Das würde bedeuten, dass man keine Missbrauchsforschung machen kann, weil es keine Akten gibt. Die Betroffenen melden sich aber oft erst 20 bis 30 Jahre später.”
Schraut forderte, “überzogene Datenschutzbestimmungen” aufzuheben. Auch die strafrechtliche Verjährung von Missbrauchstaten müsse abgeschafft werden. “Das ist relativ leicht zu machen, und man hat das ja auch beim Nationalsozialismus gemacht. Damit kann man Missbrauch länger ahnden”, sagte die Historikerin. “Ich kenne sehr viele Fälle, die von den Staatsanwaltschaften niedergeschlagen werden mit dem Argument Verjährung, obwohl alle Beteiligten noch leben”, kritisierte sie.
Drohungen wegen Papst Benedikt
Auch der Münchner Jurist Ulrich Wastl, der an mehreren Missbrauchsstudien für deutsche und ausländische Diözesen mitgearbeitet hat, wies überzogene Datenschutzregeln zurück. “Es gibt Leute, die versuchen, auf diesem Weg Ergebnisse zu verhindern. Ich habe das am eigenen Leib erlebt, als es um Papst Benedikt ging. Was mir da alles angedroht wurde, wenn ich auch nur ansatzweise irgendwas veröffentliche. Aber bis zum heutigen Tag hat mich noch niemand verklagt”, sagte Wastl.
Der Jurist arbeitete auch an Untersuchungen zur Verantwortung bei Missbrauch und Vertuschung im Erzbistum München mit, das zwischen 1977 und 1982 vom späteren Papst Benedikt XVI. geleitet wurde.
“Für die Prävention ist es so wichtig, dass wir Täternetzwerke erkennen und uns mit Täterstrategien beschäftigen”, sagte Wastl der Zeitschrift “Publik-Forum”. Er forderte, man müsse sich “von der Vorstellung verabschieden, dass die Kirche außerhalb der Gesellschaft lebt”. “Es ist zu erwarten, dass die Netzwerke von pädosexuellen Priestern auch Verbindungen haben zu Kriminellen außerhalb der Kirche.”
Graues Feld der Mitwisser
Wastl plädierte zudem für eine klare Verantwortungsübernahme. “Wir müssen wegkommen davon, dass am Ende des Tages keiner schuld ist.” Es gebe das Modell einer umgedrehten Pyramide: “Ich habe oben ein weißes Feld, die wissen von nichts, und ganz unten sind die Täter, dazwischen gibt es aber ein graues Feld.” Dieses Modell gelte es, gesamtgesellschaftlich zu verstehen.
Beide Experten stellten sich gleichzeitig hinter den Datenschutz und das Recht auf Anonymität der Missbrauchsbetroffenen. “Der Schutz gilt für mich absolut. In keinem meiner Gutachten sind Betroffene erkennbar”, sagte Wastl. Viele Betroffene hätten zwar mit dem Täter abgeschlossen, aber sie wollten verstehen, wie die Taten in der Gesellschaft oder in einer Organisation überhaupt passieren konnten, gerade wenn Mitwisser bis heute Schuld von sich wiesen. “Das ist der graue Bereich, der die Taten mit ermöglicht hat. Und bei Täternetzwerken ist die konstitutive Rolle der anderen für den Missbrauch besonders dramatisch”, sagte Wastl.
Quelle:
www.domradio.de




