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KulturFilm & KunstWer mit dem Wolf tanzt

Wer mit dem Wolf tanzt

Der Begriff „Indianer“ gilt inzwischen als verpönt, und Filme wie „Das Kanu des Manitu“ rufen Proteste hervor. Die Frage, wer indigene Kulturen wie darstellt, ist zum Politikum geworden. Das Kino hatte in Gestalt des Westerngenres zunächst wesentlichen Anteil an der Verfestigung kolonial geprägter „Indianer“-Bilder, ringt aber seit den 1960er-Jahren auch um neue Wege der Darstellung. Eine Passage durch die Filmgeschichte der „American Natives“.

 

 

Thomas Rainwater (Gil Birmingham) braucht keinen Tomahawk, um sich Respekt zu verschaffen, und er muss auch niemanden skalpieren. Die Figur aus der Serie „Yellowstone“ von Taylor Sheridan, Häuptling der „Black Rock“-Stämme und Besitzer des Grey Wolf Peak Casinos, zeigt deutlich, wie sehr sich die Bilder, die die Popkultur und nicht zuletzt Filme und Serien von den indigenen Völkern Nordamerikas in Umlauf bringen, geändert haben. Rainwater ist kein böser Wilder, auch kein edler Wilder, und schon gar kein Opfer, das einen weißen Retter braucht. Er entspricht keinem der Stereotypen, die so lange als „Indianer“ die Leinwände füllten, sondern er ist ein Charakter mit Ecken und Kanten. Und er ist nicht allein: Indigene Held:innen wie die aus dem Marvel- Universum stammende Superheldin in „Echo“, die sich streitbar gegen einen außerirdischen Predator behauptende Heldin aus „Prey“ oder die pubertierenden jugendlichen Protagonisten der Serie „Reservation Dogs“ leisten ihren Beitrag dazu, das popkulturelle Bild der „American Natives“ umzukodieren.

Moderne “American Natives”: “Reservation Dogs” (© 2021 FX Productions)

 

Trotzdem sind uns die tradierten Vorstellungen vom „Indianer“– ein Bild, das weniger aus historischer Erfahrung als aus filmischer Überlieferung stammt – weiter präsent. Schon weil die Filme, die es wesentlich mitgeprägt haben, die Western aus der Goldenen Ära Hollywoods, aber auch ihre europäischen Varianten, etwa die Karl-May-Verfilmungen der 1960er Jahre, vielgeliebte Klassiker sind.

Über Jahrzehnte hinweg schien ein stillschweigender Konsens darüber zu bestehen, wie „die Indianer“ aussahen, lebten – und schließlich verschwanden. Doch dieses scheinbar selbstverständliche Bild war eine Konstruktion. So wie der Begriff „Indianer“ selbst auf einem historischen Irrtum beruhte, nämlich auf der Fehlannahme der spanischen Conquistadores, statt in Nordamerika in Indien gelandet zu sein, so ist auch das visuelle und erzählerische Inventar, das mit ihm verbunden wird, weniger historisch gewachsen als medial erzeugt. Der Westerngenre fungierte dabei als zentrales Dispositiv: ein kulturelles Gedächtnis, das Vorstellungen von indigenen Kulturen nicht nur speichert, sondern aktiv formt, verdichtet und über Generationen hinweg stabilisiert.

 

Der „Indiander“ als Mythentransformationen

Diese Bilder sind nicht unverfänglich. Sie sind eingebettet in ein weitreichendes Mythensystem, das eng mit der US-amerikanischen „Frontier“-Ideologie, mit kolonialen Machtverhältnissen und nationalen Selbstentwürfen verknüpft ist. In dieser Perspektive erscheint der Western als eine Art Mythentransformationsmaschine. Historische Konflikte werden hier nicht dokumentiert, sondern symbolisch aufgeladen, moralisch codiert und narrativ zugespitzt. Die Grenze zwischen „Zivilisation“ und „Wildnis“, zwischen „Eigenem“ und „Fremdem“, wird immer wieder neu gezogen – und mit ihr die Position des „Indianers“ als Projektionsfläche kultureller Ängste, Wünsche und Selbstvergewisserungen verhandelt. Der Blick auf die Filmgeschichte offenbart dabei ein ganzes Spektrum an Darstellungsformen, die weniger über indigene Realitäten als über die jeweiligen ideologischen Kontexte ihrer Entstehung aussagen.

Seit der Geburt des Kinos Ende des 19. Jahrhunderts dominierten bis in die 1960er-Jahre hinein stereotype und dämonisierende Bilder von indigenen Figuren. Sie erscheinen als gesichtslose Bedrohung, als homogene Masse ohne individuelle Kontur. Der klassische Hollywood-Western etablierte eine Bildsprache und Erzählmuster des radikalen „Othering“, des Anderssein, in der das Fremde zur Projektionsfläche von Gewalt und Angst wurde. Die Wurzeln dafür reichen tiefer zurück als das Kino selbst. Bereits im 19. Jahrhundert prägten Wildwest-Groschenromane, sogenannte „Dime Novels“, Figurentypen und Erzählmuster des Genres. Populäre Spektakel wie die durch die Vereinigten Staaten und Europa tourenden Wildwest-Shows inszenierten ein koloniales Schauspiel, in dem indigene Menschen als exotische Attraktionen auftraten. Diese frühen Inszenierungen etablierten visuelle Codes, die das Kino nahezu bruchlos übernahm. Mit der technischen Reproduzierbarkeit des Films wurden sie massenmedial verbreitet – und damit global wirksam.

Das frühe Kino etwa von David Wark Griffith verfestigte zugleich zentrale Narrative: das Bild des „verschwindenden Indianers“, dessen Untergang als naturgesetzlicher Prozess erscheint, entzieht koloniale Gewalt jeder moralischen Verantwortung. Der Western der klassischen Phase schrieb diese Mythen fort, indem er sie in klare dramaturgische Strukturen überführt: hier die zivilisatorische Ordnung, dort die bedrohliche Wildnis. Indigene Figuren bleiben dabei funktional – notwendig für den Konflikt, aber ausgeschlossen aus der Perspektive, wie das in John Fords „Höllenfahrt nach Santa Fe“ (1939) deutlich wird.

John-Ford-Klassiker: "Höllenfahrt nach Santa Fe"
John-Ford-Klassiker: “Höllenfahrt nach Santa Fe” (© imago/Everett Collection)

 

Erst ab den 1950er-Jahren setzte innerhalb des Westerngenres eine vorsichtige Revision der etablierten Darstellungsweisen ein, die jedoch lange Zeit von Ambivalenzen und Widersprüchen geprägt blieb. Zwar begannen einige Regisseure, die bis dahin vorherrschenden eindimensionalen Feindbilder aufzubrechen, dennoch blieb die Perspektive meist diejenige der weißen Gesellschaft. Indigene Figuren wurden zwar differenzierter dargestellt, erhielten jedoch selten die Möglichkeit, selbst als handelnde Subjekte ihrer eigenen Geschichte aufzutreten.

Ein bedeutendes Beispiel für diesen Wandel ist John Fords „Der schwarze Falke“ (1956). Der Film gilt als einer der einflussreichsten Western der Filmgeschichte und markiert zugleich einen Wendepunkt in der Darstellung indigener Gruppen. Zwar stehen die Comanchen weiterhin als Gegenspieler der weißen Siedler im Zentrum des Konflikts, doch Ford verzichtet auf die einfache Gegenüberstellung von „Zivilisation“ und „Wildnis“. Stattdessen richtet sich der kritische Blick zunehmend auf den Protagonisten Ethan Edwards (John Wayne). Dessen fanatischer Hass auf die Comanchen erscheint nicht als heroische Tugend, sondern als Ausdruck von Rassismus, Gewalt und persönlicher Obsession. Die eigentliche Bedrohung geht damit weniger von den Indigenen als von den zerstörerischen Konsequenzen dieses Hasses aus. Dennoch bleibt die Darstellung ambivalent, da die indigene Perspektive weitgehend ausgespart wird und die Handlung weiterhin aus Sicht der weißen Figuren erzählt wird.

Noch deutlicher hinterfragt Robert Aldrich in „Massai – Der große Apache“ (1954) die traditionellen Narrative des Genres. Im Mittelpunkt steht mit Massai (Burt Lancaster) erstmals ein indigener Protagonist, dessen Widerstand gegen die gewaltsame Unterwerfung seines Volkes die Handlung bestimmt. Der Film schildert die Folgen der Vertreibung und Zwangsassimilation aus der Perspektive eines Angehörigen der Apache und stellt damit die Legitimität der US-amerikanischen Expansionspolitik infrage. Im Gegensatz zu vielen früheren Western präsentiert „Massai – Der große Apache“ den Konflikt nicht als notwendigen Fortschritt der Zivilisation, sondern als Erfahrung von Verlust, Entrechtung und kultureller Zerstörung. Dennoch bleibt auch dieser Film den Konventionen seiner Zeit verpflichtet, da die indigene Hauptfigur von einem weißen Schauspieler, Burt Lancaster, verkörpert wird. Die Anerkennung indigener Perspektiven erfolgt somit noch innerhalb eines Systems, das ihnen keine vollständige erzählerische Eigenständigkeit zugesteht. Diese Filme markieren daher den Beginn eines längeren Transformationsprozesses. Sie zeigen erste Zweifel an den traditionellen Mythen der Frontier und öffnen den Blick für die Gewaltgeschichte der US-amerikanischen Expansion.

Europäische Varianten des Westerns entwickeln parallel eigene Bildwelten. Der Italowestern integriert indigene Figuren, ohne die strukturelle Problematik ihrer Darstellung grundlegend zu lösen. In Westdeutschland erlebte das Westerngenre in Form der auf Karl Mays Werken fußenden „Winnetou“-Filme mit ihrer romantisierenden Darstellung von Apachen & Co. eine Blütezeit. Parallel dazu entwickelte sich im Osten ein bemerkenswert anders akzentuiertes Gegenmodell. Die Produktionen der DEFA, oft mit Gojko Mitić in der Hauptrolle, kehren die Perspektive des klassischen Westerns demonstrativ um. Hier stehen nicht mehr die weißen Siedler im Zentrum, sondern indigene Figuren, die als widerständige Subjekte gegen koloniale Gewalt auftreten. Filme wie „Blutsbrüder“ (1975) inszenieren ihre Protagonisten als politische Akteure, als Kämpfer gegen Unterdrückung, deren moralische Integrität außer Zweifel steht.

 

Politische Programmatik & populäres Genrekino

Diese Umcodierung folgt meist eigenen ideologischen Interessen. Der „Indianer“ wird in den Ost-Western zur Projektionsfigur eines antikolonialen, sozialistisch lesbaren Widerstands, der sich problemlos in die kulturpolitische Agenda der DDR einfügt. Gleichwohl markieren diese Filme einen Bruch mit der bis dahin dominierenden Ikonografie des barbarischen oder bloß exotischen Anderen. Indigene Figuren erhalten hier zumindest ansatzweise Handlungsmacht, Würde und historische Präsenz zurück – auch wenn sie weiterhin durch eine europäische Perspektive gefiltert bleiben. In dieser Spannung zwischen Gegenbild und Idealisierung entsteht ein eigentümlicher Zwischenraum, in dem sich politische Programmatik und populäres Genrekino überlagern.

Mit den gesellschaftlichen Umbrüchen der 1960er- und 1970er-Jahre verschiebt sich schließlich auch das filmische Bild. Der Western wird selbstreflexiver, kritischer, politischer. Doch auch hier bleibt die Versuchung der Idealisierung bestehen: Der „Indianer“ wird zur Projektionsfigur alternativer Lebensentwürfe, zur Chiffre für die Sehnsucht nach verlorener Authentizität und Naturnähe. Spätestens seit den 1970er-Jahren gerät das starre System stereotyper Repräsentation ins Wanken. Filme wie „Little Big Man“ (1970), „Das Wiegenlied vom Totschlag“ (1970) oder „Der mit dem Wolf tanzt“ (1990) versuchen, indigene Kulturen differenzierter darzustellen und ihnen eine eigene Stimme zu verleihen.

Brüche in der starren Repräsentation: "Feinde"
Brüche in der starren Repräsentation: “Feinde” von Scott Cooper (© Universum)

 

Insbesondere „Der mit dem Wolf tanzt“ wurde für seine Verwendung der Lakota-Sprache und die Einbindung indigener Darsteller vielfach gewürdigt, später jedoch als „White Savior“-Erzählung kritisiert, da auch hier die weiße Perspektive dominiert. Gerade neuere Produktionen wie „Feinde“ (2017) bemühen sich um eine komplexere Zeichnung der Beziehungen zwischen US-Armee und indigenen Nationen, indem sie Gewalt, Trauma und kulturelle Differenz nicht länger ausblenden. Doch dieser Perspektivwechsel bleibt weiterhin unvollständig. Die erzählerische Vermittlung erfolgt häufig durch die Augen weißer Protagonisten – ein Verfahren, das als mutmaßlich imperiale Nostalgie beschrieben worden ist. Die indigene Welt erscheint dabei weniger als eigenständiger Erfahrungsraum denn als moralischer Resonanzraum für die Entwicklung der weißen Hauptfigur. Ihre Funktion verschiebt sich: vom Feindbild zur Projektionsfläche von Schuld, Läuterung und Sinnsuche.

Ein früher Film, der diese Ambivalenzen bereits andeutet, ist „Keine Gnade für Ulzana“ (1972) von Robert Aldrich. Hier wird der Guerillakrieg eines Apachen-Anführers nicht einfach dämonisiert, sondern in seiner eigenen Logik ernst genommen. Die Figur des von Burt Lancaster gespielten Scouts bewegt sich zwischen den Fronten, als Vermittler und Beobachter zugleich. Der Film verweigert sich jedoch einer einfachen moralischen Zuordnung und macht gerade in dieser Uneindeutigkeit sichtbar, wie tief die Gewaltstrukturen in das Denken aller Beteiligten eingeschrieben sind.

Noch einen Schritt weiter geht Ryszard Bugajski in „Clearcut – Die Rache des Wolfes“ (1991), der die Konflikte zwischen indigener Bevölkerung und kolonialen Machtstrukturen aus dem historischen Western-Raum in die Gegenwart verlagert. Im Zentrum steht ein Rechtsstreit um die Abholzung von Land, das für eine indigene Gemeinschaft von spiritueller Bedeutung ist. Anders als klassische Western, die Gewalt häufig als Mittel zur Herstellung von Ordnung inszenieren, zeigt „Clearcut“ die Gewalt als Folge fortdauernder kolonialer Herrschaftsverhältnisse. Die Figur des von Graham Greene gespielten Protagonisten Arthur verkörpert dabei eine radikale Form des Widerstands, die sich bewusst den Regeln des liberalen Rechtsstaats entzieht. Wie Ulzana bei Aldrich verweigert auch Arthur die Rolle des passiven Opfers und reagiert auf jahrhundertelange Enteignung und kulturelle Zerstörung mit Gegengewalt.

Graham Green in "Clearcut - Die Rache des Wolfes"
Graham Green in “Clearcut – Die Rache des Wolfes” (© Kinowelt)

 

Zwar macht „Clearcut“ die strukturelle Gewalt sichtbar, die indigene Gemeinschaften bis in die Gegenwart prägt, doch die Eskalation der Handlung verhindert eine einfache Identifikation mit einer der Figuren. Der indigene Widerstand erscheint gleichermaßen nachvollziehbar wie verstörend. Dadurch stellt der Film die Frage, ob Gerechtigkeit innerhalb bestehender Machtverhältnisse überhaupt erreichbar ist oder ob das koloniale System selbst Gewalt hervorbringt und reproduziert. In dieser Hinsicht kann „Clearcut“ als Bindeglied zwischen den revisionistischen Western der 1970er-Jahre und den neueren Produktionen des 21. Jahrhunderts verstanden werden. Der Film verschiebt den Fokus von den historischen Schlachtfeldern der Frontier auf die anhaltenden Folgen von Landraub, Ressourcenausbeutung und kultureller Marginalisierung und deutet damit bereits jene Themen an, die später in Werken wie „Wind River“, der Serie „Reservation Dogs“ oder „Killers of the Flower Moon“ eine zentrale Rolle spielen.

 

Mythisierung gegen Dekonstruktion

So zeigt sich auch in der filmhistorischen Phase des Umbruchs, dass sich die Dekonstruktion kolonialer Bilder nicht linear, sondern in Brüchen, Überlagerungen und Rückgriffen vollzieht. Zwischen kritischer Revision und neuerlicher Mythologisierung bleibt der Western ein umkämpftes Terrain – ein Genre, in dem sich historische Schuld, kulturelle Projektionen und der Wunsch nach moralischer Orientierung immer wieder neu verschränken. Erst die jüngeren Entwicklungen deuten auf eine nachhaltigere Transformation hin. Die stärkere Einbindung indigener Stimmen, die differenziertere Darstellung sozialer Realitäten und die Verlagerung der Konflikte in die Gegenwart eröffnen neue Perspektiven. Dabei wird deutlich, dass es nicht nur um Sichtbarkeit geht, sondern um Deutungshoheit – um die Frage, wer erzählt und aus welcher Perspektive.

In diesem Kontext gewinnt auch die theoretische Auseinandersetzung an Bedeutung. Die Frontier-Theorie etwa, einst als Erklärung für die Herausbildung der US-amerikanischen Identität formuliert, erweist sich als tief in koloniale Denkmuster eingebettet. Sie konstruiert die Expansion nach Westen als Fortschrittsgeschichte und blendet die Gewalt, auf der sie basiert, systematisch aus. Gerade das Kino hat diese Erzählung lange reproduziert – und damit zu ihrer kulturellen Verfestigung beigetragen. Gleichzeitig zeigt sich, wie anpassungsfähig diese Mythen sind. Die Frontier verschwindet nicht, sie verlagert sich: von der geografischen Grenze zur innergesellschaftlichen Bruchlinie. In modernen Western und verwandten Genres wird sie neu inszeniert – als Konflikt zwischen sozialen Gruppen, als Ausdruck ungelöster historischer Spannungen. So erweist sich der Western als ein Genre im Wandel – und als Spiegel jener Gesellschaft, die ihn hervorgebracht hat. Seine Bilder sind keine statischen Abbilder der Vergangenheit, sondern dynamische Konstruktionen, in denen sich Machtverhältnisse, Ideologien und kulturelle Selbstverständnisse sedimentieren.

Wasé Chief in "Horizon: An American Saga"
Wasé Chief in “Horizon: An American Saga” (© Tobis)

 

Im Western wurden historische Konflikte häufig vereinfacht oder ideologisch überformt. Insbesondere indigene Bevölkerungen erschienen lange Zeit als Hindernis für den Fortschritt oder als Relikte einer verschwindenden Vergangenheit. Aktuelle Westernfilme und Serien greifen diese Traditionen auf, hinterfragen sie jedoch zunehmend. Filme wie „Killers of the Flower Moon“ (2023), „Horizon: An American Saga“ (2024) von Kevin Costner oder die Serie „American Primeval“ (2025) von Peter Berg inszenieren Gewalt nicht mehr primär als notwendiges Mittel zur Durchsetzung von Ordnung, sondern eher als Ausdruck sozialer, politischer und historischer Konflikte. Dadurch wird der Western zu einem Ort der kritischen Auseinandersetzung mit den Machtverhältnissen, die den Gründungsmythos der USA geprägt haben.

 

Koloniale Gewalt & moderne Gesellschaft

Deutlich wird dies in Martin Scorseses „Killers of the Flower Moon“. Der Film spielt in den 1920er-Jahren in Oklahoma und schildert die systematische Ermordung von Angehörigen der Osage Nation, nachdem auf ihrem Land große Erdölvorkommen entdeckt wurden. Anders als klassische Western, die die Konflikte zwischen Siedlern und Indigenen häufig auf militärische Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts beschränken, zeigt Scorsese eine Form kolonialer Gewalt, die sich innerhalb moderner gesellschaftlicher Strukturen vollzieht. Die Osage sind nicht die „Wilden“ an der Grenze der Zivilisation, sondern wohlhabende Bürgerinnen und Bürger, die durch ein Netzwerk aus Korruption, Rassismus und wirtschaftlichen Interessen bedroht werden.

Dabei greift der Film indirekt das Motiv des „verschwindenden Indianers“ auf, das den klassischen Western über Jahrzehnte geprägt hat. In vielen älteren Filmen erscheinen indigene Gemeinschaften als zwangsläufig aussterbende Kultur, deren Untergang als natürliche Folge des Fortschritts dargestellt wird. „Killers of the Flower Moon“ dekonstruiert dieses Narrativ. Die Osage verschwinden nicht aufgrund historischer Unvermeidlichkeit, sondern weil sie gezielt Opfer einer organisierten Gewalt werden. Der Film macht sichtbar, dass das vermeintliche „Verschwinden“ indigener Bevölkerungen oftmals das Ergebnis politischer und ökonomischer Unterdrückung war. Die Gewalt erscheint hier nicht als Grenzkonflikt zwischen Kulturen, sondern als Fortsetzung kolonialer Machtverhältnisse innerhalb einer modernen Gesellschaft.

Lily Gladstone, Leonardo DiCaprio in "Killers of the Flower Moon"
Lily Gladstone, Leonardo DiCaprio in “Killers of the Flower Moon” (© Paramount)

 

Auch Kevin Costners Horizon-Filme verschieben die Perspektive des Genres. Zwar greifen sie auf zahlreiche klassische Motive des Westerns zurück – die Besiedlung des Westens, die Reise durch unbekannte Landschaften und den Aufbau neuer Gemeinschaften –, doch die Darstellung der Frontier erfolgt deutlich komplexer als in traditionellen Genrevertretern. Die Expansion nach Westen erscheint nicht als einheitliche Erfolgsgeschichte, sondern als Prozess konkurrierender Interessen. Siedler, indigene Gruppen, Militärangehörige und Unternehmer verfolgen unterschiedliche Ziele und geraten in Konflikte um Land, Ressourcen und politische Kontrolle.

Die Filme zeigen damit, dass die Frontier kein leerer Raum war, der lediglich auf seine Erschließung wartete. Vielmehr wird sie als umkämpfter sozialer Raum inszeniert, in dem verschiedene Gruppen um Macht und Zugehörigkeit ringen. Gewalt fungiert dabei nicht als heroische Tat einzelner Revolverhelden, sondern als Konsequenz struktureller Konflikte. Die traditionelle Gegenüberstellung von „Zivilisation“ und „Wildnis“ wird dadurch aufgelöst. Die ökonomischen und politischen Interessen hinter der Besiedlung des Westens treten in den Vordergrund.

Eine noch radikalere Perspektive bietet die Serie „American Primeval“. Die Handlung spielt im Utah der 1850er-Jahre und konzentriert sich auf die gewaltsamen Konflikte zwischen Siedlern, indigenen Gemeinschaften, religiösen Gruppen und staatlichen Institutionen. Anders als viele klassische Western präsentiert die Serie das Frontier-Grenzgebiet nicht als Ort der Freiheit, sondern als Raum permanenter Unsicherheit und Brutalität. Gewalt erscheint hier allgegenwärtig und betrifft sämtliche gesellschaftliche Gruppen.

Besonders auffällig ist, dass die Serie auf klare moralische Gegensätze verzichtet. Weder staatliche Institutionen noch religiöse Gemeinschaften oder einzelne ethnische Gruppen können eindeutig als Träger von Ordnung oder Fortschritt identifiziert werden. Stattdessen entsteht das Bild einer Gesellschaft, deren Machtstrukturen noch nicht stabilisiert sind und deren Konflikte mit extremer Gewalt ausgetragen werden. Die Frontier wird dadurch als historischer Raum sichtbar, in dem sich unterschiedliche Vorstellungen von Herrschaft, Zugehörigkeit und Identität gegenüberstehen.

Gemeinsam ist diesen modernen Werken, dass sie die Gewalt des Westens nicht mehr als notwendige Voraussetzung gesellschaftlicher Entwicklung legitimieren. Während klassische Western häufig die Perspektive der Sieger einnahmen und die Expansion der Vereinigten Staaten als Fortschrittsgeschichte erzählten, richten neuere Produktionen den Blick verstärkt auf die Opfer dieser Entwicklung. Die Frage lautet nicht mehr, wie Ordnung hergestellt wird, sondern welche Menschen von den bestehenden Machtverhältnissen ausgeschlossen oder zerstört werden.

Damit verändert sich auch die Funktion des Genres. Der Western dient nicht länger ausschließlich der Mythenbildung, sondern wird zunehmend zum Instrument historischer Reflexion. Die Auseinandersetzung mit Kolonialismus, Rassismus, wirtschaftlicher Ausbeutung und kultureller Verdrängung zeigt, dass die Vergangenheit des amerikanischen Westens bis in die Gegenwart hineinwirkt. Die dargestellten Konflikte sind folglich nicht abgeschlossen, sondern spiegeln aktuelle Debatten über Erinnerungskultur, soziale Ungleichheit und nationale Identität wider.

 

Taylor Sheridan und seine Western-Produktionen

Einen weiteren wichtigen Beitrag zur Neubewertung indigener Perspektiven im modernen Western leisten die Werke von Taylor Sheridan. Mit dem Film „Wind River“ (2017) sowie den Serien „Yellowstone“ (seit 2018), „1883“ (2021) und „1923“ (seit 2022) verfolgt Sheridan einen Ansatz, der sich deutlich von vielen traditionellen Darstellungen des Genres unterscheidet. Während indigene Figuren im klassischen Western häufig stereotypisiert oder auf Nebenrollen reduziert wurden, rücken sie hier als eigenständige Akteure mit eigenen Interessen, kulturellen Traditionen und historischen Erfahrungen mehr ins Zentrum. Besonders hervorzuheben ist dabei die bewusste Besetzung indigener Rollen mit indigenen Schauspielerinnen und Schauspielern sowie die Verwendung und Bewahrung stammesbezogener Sprachen und Dialekte. Dadurch entsteht ein höheres Maß an kultureller Authentizität, das den oftmals vereinfachenden Darstellungen früherer Western entgegenwirkt.

Andere Perspektive: "Wind River" von Taylor Sheridan
Andere Perspektive: “Wind River” von Taylor Sheridan (© Wild Bunch)

 

Vor allem „Wind River“ macht auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam, die in der US-Öffentlichkeit lange wenig Beachtung fanden. Der Film thematisiert die hohe Zahl vermisster und ermordeter indigener Frauen in Reservaten und verbindet die Kriminalhandlung mit einer kritischen Auseinandersetzung über soziale Marginalisierung, Armut und institutionelles Versagen. Auch in den Serien „Yellowstone“, „1883“ und „1923“ werden Konflikte um Landrechte, kulturelle Selbstbestimmung und die Folgen kolonialer Politik wiederholt aufgegriffen. Die Reservate erscheinen nicht als isolierte Randräume, sondern als Orte, an denen die historischen Folgen der Expansion des US-Westens bis in die Gegenwart hinein sichtbar bleiben. Sheridan verschiebt damit den Fokus des Westerns von der traditionellen Erzählung der Grenzeroberung hin zu den langfristigen Konsequenzen dieser Geschichte für indigene Gemeinschaften.

 

Indigene Stimmen in der Gegenwart

Diese Entwicklung verdeutlicht erneut, wie stark sich das Genre verändert hat. Während indigene Völker im klassischen Western oftmals als Teil einer vermeintlich vergangenen Welt inszeniert wurden, erscheinen sie in modernen Produktionen als lebendige Gemeinschaften, deren kulturelle Identität, politische Anliegen und soziale Herausforderungen untrennbar mit der Geschichte und Gegenwart der Vereinigten Staaten verbunden sind. Der Western wird dadurch zunehmend zu einem Medium, das historische Verdrängungen sichtbar macht und lange marginalisierte Perspektiven in den gesellschaftlichen Erinnerungsdiskurs integriert.

Die stärkere Einbindung indigener Stimmen, die differenziertere Darstellung sozialer Realitäten und die Verlagerung der Konflikte in die Gegenwart eröffnen dabei neue Perspektiven auf den Western und seine Geschichte. Dabei geht es längst nicht mehr nur um die Sichtbarkeit indigener Figuren innerhalb etablierter Erzählmuster, sondern um die Frage der Deutungshoheit: Wer erzählt die Geschichte des amerikanischen Westens, aus welcher Perspektive wird sie erzählt und welche Erfahrungen gelten als historisch relevant?

Während Produktionen wie „Wind River“ oder „Yellowstone“ indigene Lebenswelten stärker berücksichtigen, bleibt die narrative Perspektive dort häufig noch mit nicht-indigenen Hauptfiguren verbunden. In den vergangenen Jahren sind deshalb zunehmend Filme und Serien entstanden, die indigene Erfahrungen nicht lediglich darstellen, sondern aus einer indigenen Perspektive heraus erzählen. Ein wichtiges Beispiel ist „The Rider“ (2017) von Chloé Zhao. Der Film bewegt sich zwar formal im Umfeld des modernen Westerns und zeigt die Weiten South Dakotas sowie die Tradition des Rodeos, verschiebt den Fokus jedoch weg von den klassischen Mythen der Frontier. Stattdessen erzählt er von den sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen im Leben junger Menschen in einer Region, die eng mit den Reservaten der Lakota verbunden ist. Die Grenzlandschaft erscheint hier nicht als Ort heroischer Selbstverwirklichung, sondern als Raum sozialer Unsicherheit, in dem Fragen von Identität, Gemeinschaft und kultureller Zugehörigkeit im Vordergrund stehen.

"The Rider" von Chloé Zao
“The Rider” von Chloé Zao (© Weltkino)

 

Noch konsequenter nimmt „Fancy Dance“ (2023) von Erica Tremblay eine indigene Perspektive ein. Der Film folgt einer jungen Seneca-Frau, die nach dem Verschwinden ihrer Schwester deren Tochter betreut und sich auf die Suche nach der Vermissten macht. Damit greift der Film ein Problem auf, das bereits in „Wind River“ thematisiert wird: die hohe Zahl vermisster und ermordeter indigener Frauen. Im Unterschied zu Sheridans Film wird die Geschichte jedoch vollständig aus der Perspektive der betroffenen Frauen erzählt. Die Handlung konzentriert sich auf familiäre Beziehungen, kulturelle Traditionen und die Erfahrungen indigener Gemeinschaften im Umgang mit staatlichen Institutionen. Gewalt erscheint hier nicht als spektakuläres Genreereignis, sondern als alltägliche soziale Realität.

Besonders deutlich wird die Verschiebung der Perspektive in der Serie „Reservation Dogs“ (2021–2023), die von Sterlin Harjo und Taika Waititi entwickelt wurde. Die Serie begleitet vier indigene Jugendliche in einem Reservat in Oklahoma und verbindet Humor, Coming-of-Age-Elemente und soziale Beobachtung. Anders als viele frühere Darstellungen indigener Gemeinschaften definiert sich die Serie nicht über Konflikte mit weißen Siedlern oder historische Traumata allein. Stattdessen zeigt sie den Alltag, die Freundschaften, die kulturellen Praktiken und die Zukunftsvorstellungen ihrer Figuren. Historische Erfahrungen von Kolonisierung und Ausgrenzung bleiben präsent, werden jedoch in gegenwärtige Lebensrealitäten eingebettet. Dadurch entsteht ein Gegenbild zum klassischen Motiv des „verschwindenden Indianers“: Die indigene Gemeinschaft erscheint nicht als Relikt der Vergangenheit, sondern als lebendige, dynamische Kultur der Gegenwart.

Auch frühere Werke indigener Filmschaffender wie „Smoke Signals“ (1998) von Chris Eyre oder „Rhymes for Young Ghouls“ (2013) von Jeff Barnaby haben bereits entscheidend dazu beigetragen, die Perspektive des Genres zu verändern. Während „Smoke Signals“ als erster von einem indigenen Regisseur realisierter Film mit breiter US-Kinoauswertung den Alltag moderner indigener Gemeinschaften in den Mittelpunkt stellte, setzt sich „Rhymes for Young Ghouls“ kritisch mit den Folgen des kanadischen Internatssystems auseinander. Beide Filme machen deutlich, dass indigene Geschichten nicht zwangsläufig um die Frontier oder die Konfrontation mit Siedlern kreisen müssen, sondern eigene Themen, Erinnerungen und Erzähltraditionen hervorbringen.

Diese Produktionen markieren einen grundlegenden Wandel innerhalb des Genres und seiner Randbereiche. Die Geschichte des US-amerikanischen Westens wird nicht länger ausschließlich aus der Perspektive der Eroberer erzählt. Stattdessen treten Stimmen hervor, die lange marginalisiert wurden und die etablierten Narrative hinterfragen. Der moderne Western im weiteren Sinne entwickelt sich damit zunehmend von einer Erzählung über indigene Menschen zu einer Erzählung mit und durch indigene Menschen. Gerade in dieser Verschiebung der Perspektive liegt sein gegenwärtiges kritisches Potenzial.

 

Literaturhinweis

Mediale Projektionen des Anderen. Indigene Kulturen im Genrekino. Von Marcus Stiglegger. Springer VS Verlag 2026. 144 Seiten, zahlreiche s-w und farbige Abb. 29 Euro. Bezug: In jeder Buchhandlung oder hier.


Quelle:

www.filmdienst.de