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UmweltWie sich das Ahrtal vor der nächsten Flutkatastrophe schützt

Wie sich das Ahrtal vor der nächsten Flutkatastrophe schützt

Wenn Alexandra Wiemer an die Nacht des 14. Juli 2021 zurückdenkt, erinnert sie sich vor allem daran, wie das Wasser plötzlich “praktisch von allen Seiten” kam. Es war 22.30 Uhr, als sie merkte, wie es auf sie zuströmte.

Normalerweise ist die Ahr ein ruhiger kleiner Fluss. Sie entspringt im Bergland im Westen Deutschlands und legt mehr als 85 Kilometer zurück, bevor sie in den Rhein mündet. An diesem Abend trat sie mehr als sieben Meter hoch über die Ufer. Was folgte, war eine der schwersten Hochwasserkatastrophen der jüngeren deutschen Geschichte.

Innerhalb von nur zwei Tagen fiel in der Region so viel Regen wie sonst in einem ganzen Monat. Aus dem normalerweise kleinen Fluss wurde ein reißender Strom. Die Wassermassen rissen Autos, Häuser, Bäume und anderes Treibgut mit sich, das wiederum Brücken zum Einsturz brachte.

Alexandra Wiemer und ihr Sohn konnten sich in Sicherheit bringen. Viele andere hatten weniger Glück. Die Flut forderte 135 Menschenleben. Die meisten Opfer gab es in Wiemers Heimatstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler. Rund 80 Prozent des Stadtgebiets wurden überschwemmt. An Häusern und Infrastruktur entstanden Schäden in Milliardenhöhe.

Ein Haus, dessen Fassade komplett weggerissen wurde, wird von Menschen betrachtet
Die Überschwemmungen verursachten enorme Schäden an Häusern, Brücken, Straßen und Bahnstrecken. Bild: Thomas Frey/dpa/picture alliance

Fünf Jahre danach ist das Tal noch immer eine einzige große Baustelle. Mehrere Milliarden Euro, überwiegend aus Mitteln von Bund und Land, fließen in den Wiederaufbau und in Maßnahmen, die die Region auf künftige Hochwasser vorbereiten sollen.

Wie sich die Städte an der Ahr gegen die Fluten wappnen 

Direkt am Fluss in Bad Neuenahr-Ahrweiler – genau dort, wo das Wasser die mittelalterliche Stadtmauer durchbrach und die historische Altstadt überschwemmte – entsteht jetzt eine 480 Meter lange Staumauer als zusätzlicher Schutz.

“Das ist eine sehr stark verankerte Mauer. Mit Bohrpfählen, 1,20 im Durchmesser, 15 Meter tief gegründet”, erklärt Hermann-Josef Pelgrim, Geschäftsführer der örtlichen Aufbau- und Entwicklungsgesellschaft.

Viele andere Schutzmaßnahmen sind weniger auffällig, aber ebenso wirksam, sagt Pelgrim. Dazu gehört eine neue Feuerwache, die auf tief liegenden Stützen errichtet wird, damit sie nicht so leicht einstürzen kann. In der Innenstadt werden Grünflächen an unterirdische Versickerungs- und Entwässerungsanlagen angeschlossen, die Starkregen aufnehmen und ableiten sollen.

Auch die 16 Brücken, die 2021 zerstört wurden, werden neu geplant. Die Reste einer mittelalterlichen Brücke mit fünf Bögen bleiben als Mahnmal erhalten. Die Ersatzbrücke soll nur noch einen einzigen, breiten Bogen haben, damit Wasser und Treibgut sicher darunter hindurchfließen können.

“Diese Brücke wird auch im Extremhochwasser-Fall nicht umfallen”, sagt Pelgrim. “Auf gar keinen Fall.”

Über einem Fluss wird eine neue Brücke gebaut.
Alte Brücken, die von den Fluten weggerissen wurden, werden durch Konstruktionen ersetzt, die einer Flut besser standhalten können.Bild: Florian Kroker/DW

Um eine weitere Katastrophe zu verhindern, brauche es jedoch gemeinsame Anstrengungen über die Grenzen einzelner Gemeinden hinweg. Die Orte könnten sich auf das vorbereiten, was auf sie zukomme, sagt Pelgrim. Besser wäre es jedoch, wenn weniger Wasser bei ihnen ankäme.

“Alles was oben nicht aufgefangen wird, kommt unten am Fluss an”, sagt er. “Insofern ist es eine Gesamtverantwortung.”

Dem Fluss wieder mehr Raum geben

Alte Karten aus der Zeit vor rund 220 Jahren zeigen, wie sich die Ahr früher frei durch den Talboden schlängelte, teilweise in mehreren Armen gleichzeitig. Doch als immer mehr Menschen in das Tal zogen, wurde der Fluss kanalisiert und seine Ufer wurden bebaut. Bei Hochwasser bleibt dem Wasser deshalb kaum ein anderer Weg, als direkt in bebaute und landwirtschaftlich genutzte Gebiete zu strömen.

Altenburg, wenige Kilometer flussaufwärts von Bad Neuenahr-Ahrweiler gelegen, ist ein Paradebeispiel wie dramatisch die Folgen sind. Während der Flut 2021 erreichte das Wasser dort einen der höchsten Pegel im Tal: mehr als sieben Meter statt der üblichen rund 70 Zentimeter Wasserhöhe. Auf einer damals aufgenommenen Luftaufnahme waren nur noch die oberen Stockwerke der Häuser zu sehen, alles andere war unter Wasser. 

Der Ingenieur Bruno Büchele koordiniert die Renaturierung des Flusses. Die größte Herausforderung bestehe nun darin, der Ahr ihren natürlichen Raum zurückzugeben, sagt er. Dafür hat die Kreisverwaltung Grundstücke am Fluss von Landwirten und privaten Eigentümern gekauft, um sie wieder in Überschwemmungsflächen umzuwandeln. Dort sollen Bäume, Sträucher und Büsche gepflanzt werden.

“Wir können hier am Gewässer durch Aufweiten, durch mehr Raum geben viel Vorsorge betreiben”, sagt Büchele. “Aber vollständig wird es natürlich erst, wenn auch Rückhaltemaßnahmen technisch den Abfluss reduzieren, der hier ankommt.”

Sowohl Büchele als auch Pelgrim sind überzeugt, dass der Hochwasserschutz viel weiter flussaufwärts beginnen muss, nämlich mit dem Bau von Dämmen und Rückhaltebecken an der Ahr selbst und ihren Nebenflüssen.

In einem Seitental existiert ein solcher Damm bereits. Nahe des Ortes Adenau überspannt er einen Bach und verwandelt die dahinterliegende Wiese bei Hochwasser in ein Rückhaltebecken. Steigt das Wasser, staut es sich hier hinter dem Damm.

Während der Flut 2021 hielt die Anlage rund 40 Millionen Liter Wasser zurück. Obwohl der Damm leicht undicht war, brach er nicht. Auch ein zweites Rückhaltebecken in der Nähe hielt viel Wasser zurück. Dadurch konnte eine Katastrophe in Adenau verhindert werde.

Weil sich das System bewährt hat, sind 17 weitere solcher Anlagen entlang der Ahr und ihrer Nebenflüsse geplant. Sie sollen jedoch deutlich größer werden. Die Dämme könnten bis zu 25 Meter hoch sein.

Die veranschlagten Kosten liegen bei mehr als 1,5 Milliarden Euro. Der Bau wird voraussichtlich Jahrzehnte dauern – vorausgesetzt, alles läuft nach Plan.

Neuer Anlauf für alte Pläne

Ähnliche Vorsorge-Pläne für das Ahrtal gab es bereits nach einer ähnlichen verheerenden Flut im Jahr 1910. Umgesetzt wurden sie jedoch nie. Die Erinnerung an die Katastrophe verblasste, und die dafür vorgesehenen Gelder flossen in andere Projekte – unter anderem in den Bau der nahe gelegenen Autorennstrecke Nürburgring.

Auf der einen Seite eine Straße, auf der anderen Seite des Flusses eine Überschwemmungsfläche
Überflutungsflächen, wo sich Wasser stauen kann, sind ein wichtiger Bestandteil der Maßnahmen zum Hochwasserschutz.Bild: Florian Kroker/DW

Doch selbst wenn die heutigen Pläne vollständig verwirklicht werden, trifft Alexandra Wiemer auch eigene Vorkehrungen. Nach der Flut zog sie in ein anderes Haus in der Nähe. Die Kellerfenster sind nun mit Hochwasserbarrieren gesichert. Daneben liegt ein Stapel Sandsäcke bereit, teilweise von Sträuchern verdeckt.

“Das sind Vorsichtsmaßnahmen: Wenn was wäre, können wir schnell handeln”, sagt sie.Wie alle Überlebenden der Flut, die sie kennt, ist Wiemer in der Stadt geblieben. Und sie lebt noch immer ähnlich nah am Fluss wie zuvor. Der Grund sei einfach. “Weil es schön ist, am Wasser zu wohnen, und weil ich keine Angst habe hier weiter zu wohnen an der Ahr. Punkt.“ 

Fünf Jahre nach der Flut hat sich im Ahrtal viel getan

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Der Text wurde aus dem Englischen adaptiert.


Quelle:

www.dw.com