“Hiroshima hat gestern bei einem Luftangriff erheblichen Schaden davongetragen. Die Kinder haben das mit überraschender Gelassenheit hingenommen. Das hat mich ein wenig beruhigt.” – Zitat aus einem Klassenbuch der Nakajima Grundschule in Japan. Das war “ein sonniger Dienstag am 7. August 1945”.
Zwei bis drei Tage später hieß es, die Stadt sei von einem neuen Bombentyp getroffen worden. “Es hat so ausgesehen, dass eine einzige Bombe die ganze Stadt ausgelöscht hat”, erinnerte sich Yozo Umeno, der als Schüler das Klassenbuch von seinem Lehrer übernahm und später der Dauerausstellung im Hiroshima-Friedenspark spendete.
Am 6. August 1945 warf die US-Luftwaffe die erste Atombombe über der japanischen Stadt Hiroshima ab. Das war der erste Einsatz von Atomwaffen in einem Krieg. Drei Tage später traf die erste Wasserstoffbombe eine andere japanische Stadt – Nagasaki. Schätzungsweise 250.000 Menschen verloren durch die beiden Luftangriffe oder den Spätfolgen ihr Leben. Am 15. August 1945 kapitulierte Japan. Der Zweite Weltkrieg in Asien ging zu Ende.
Bevölkerung verunsichert – “Ich habe Angst!”
Als Lehre aus dem Krieg habe Japan eine pazifistische Verfassung angenommen, sagt Masako Wada. Dadurch habe sich das Land international als Staat etabliert, der “versprochen hat, nie wieder Krieg zu führen.”
Wada ist die stellvertretende Generalsekretärin von Nihon Hidankyo, der Japanischen Vereinigung der Opfer von Atom- und Wasserstoffbomben. Ihre Organisation wurde 2024 mit dem Friedensnobelpreis für die Bemühungen um eine atomwaffenfreie Welt ausgezeichnet. “Aber die derzeitige Regierung zerstört alles”, sagt Wada besorgt. Sie war ein Jahr alt, als die Atombombe fiel.
Yuki, die Führungen durch den Hiroshima-Friedenspark anbietet, ist unzufrieden mit der politischen Entwicklung. Als am 21. Oktober 2025 die rechtspopulistische Sanae Takaichi zur Premierministerin gewählt wurde, gab sie dem DW-Reporter gerade eine Führung. “Ich habe Angst!”, sagte sie in Englisch nach der Wahl Takaichis.
Dann spendete Yuki symbolisch einen kleinen Geldbetrag vor dem Sammelgrab unbekannter Bombenopfer auf dem Gelände des Friedensparks und betete für Frieden. Das mache sie bei jeder Führung, so Yuki. Unter dem Grabgewölbe befindet sich die Asche von mehr als 70.000 Todesopfern, die nicht identifiziert werden konnten. Seit Jahrzehnten wird das Grab von Ehrenamtlichen und Überlebenden gepflegt.
“Menschen wurden spurlos getötet. Nicht einmal ihre Knochen sind übrig geblieben. Das ist das wahre Wesen der Atombomben”, sagt die 73-jährige Takako Nakamura mit ihrer brüchigen Stimme gegenüber der DW. Ihre Eltern hatten den Bombenanschlag überlebt.
Japan rüstet massiv auf
Die 65-jährige Premierministerin Takaichi von der Dauerregierungspartei LDP hat nach dem Amtsantritt eine Reihe von Maßnahmen zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeiten umgesetzt. Ihre Verteidigungsausgaben 2026 überstiegen umgerechnet 48 Milliarden Euro und erzielte damit einen neuen Höchststand.
Ein Teil der Ausgaben fließt in den Aufbau des Verteidigungssystems SHIELD, ein Schutzschild mit unbemannten Drohnen. Das Ziel ist die Küstenverteidigung gegen Schiffe, U-Boote und Marineinfanterie. Außerdem erlaubte Tokio im April 2026 den Export tödlicher Waffen ins Ausland. Auch die sogenannten “Drei nicht-nuklearen Prinzipien” von 1971 stehen auf dem Prüfstand. Diese grundlegende politische Leitlinie besagt, dass Japan keine Atomwaffen entwickelt, keine Atomwaffen besitzt und keine Atomwaffen ins Land einführt.
“Japans Aufbau von militärischen Kapazitäten unterscheidet sich nicht vom Wettrüsten im Zweiten Weltkrieg”, sagt die 84-jährige Masashi Ieshima. Sie war drei Jahre alt, als ein US-Bomber die Atombombe unter dem Code-Namen “Little Boy” über Hiroshima abwarf.
Aber das Verteidigungsministerium in Tokio sieht dringenden Handlungsbedarf. “Wer zuerst zuschlägt, hat einen überwältigenden Vorteil. Das ist nun mal die Realität”, erklärt das japanische Ministerium der Verteidigung gegenüber der DW. “Aus diesem Grund halten wir es für unerlässlich, Japans Verteidigungsfähigkeiten noch schneller zu stärken und umzugestalten, um die Abschreckungskraft des Landes zu erhöhen.”
Tokio mache sich Sorgen um “ein zunehmend schwieriges Sicherheitsumfeld” in Ostasien, so das Verteidigungsministerium. Und seine Sorgen haben einen Namen. So heißt es weiter:”China baut seine Nuklear- und Raketenstreitkräfte aus, ohne dabei Transparenz zu zeigen. Es verstärkt seine Versuche, den Status quo im Ost- und Südchinesischen Meer einseitig mit Gewalt oder Zwang zu ändern, während es gleichzeitig seine militärischen Aktivitäten, unter anderem rund um Taiwan, intensiviert.”
Die Militärausgaben Chinas 2026 betragen umgerechnet 233 Milliarden Euro und entsprechen fast dem Fünffachen von denen Japans.
Es sei “unerlässlich”, Japans Verteidigungsfähigkeiten mit einem stärkeren “Gefühl der Dringlichkeit und Krise als je zuvor” auszubauen und umzustrukturieren, erklärte Verteidigungsminister Shinjiro Koizumi im am Dienstag (040.8.26) veröffentlichten jährlichen Verteidigungsweißbuch.
Das Positionspapier hat ein Manga-Bild als Deckblatt, um die Aufmerksamkeit junger Menschen anzuziehen. Koizumi bekräftigte außerdem die “unerschütterliche” Allianz mit den USA sowie die engere Sicherheitszusammenarbeit mit anderen Verbündeten.
Rechtfertigung “nicht überzeugend”
Nach Ansicht des Verteidigungsministeriums muss Japan also sein Militär stärken, weil China nach Japan oder Taiwan einmarschieren könnte. Für viele Menschen in Japan sei dieses Argument jedoch “nicht überzeugend“, sagt Koichi Nakano, Politikwissenschaftler an der Sophia-Universität in Tokio.
“Japan wurde geschickt in ein Narrativ des Schwarz-Weiß-Bildes eingebunden, dass Japan sich den USA und Europa anschließen müsse, um den sogenannten Schurkenstaaten wie Russland, Nordkorea und China entgegenzutreten.”
“Länder wie Deutschland, Frankreich und Kanada bemühen sich um eine Verbesserung der Beziehungen zu China. Die Menschen in Japan würden es absurd finden, dass ihre Regierung nicht in der Lage ist, dasselbe zu tun”, sagt Politologe Nakano. “Japan muss verantwortungsbewusst Abrüstung anstreben und einen Dialog aufbauen. Es muss aufhören, China zu dämonisieren, und es als ein Land anerkennen, mit dem ein sinnvoller Dialog möglich ist.”
Friedensklausel erlaubt “kollektive Verteidigung”
Der Artikel 9 in der japanischen Friedensverfassung wurde 2014 unter Federführung vom inzwischen verstorbenen Premier Shinzo Abe, der als Mentor der aktuellen Premierministerin Takaichi gilt, neu interpretiert. Die Originalfassung aus dem Jahr 1946 verbietet jede kriegerische Aktivität und den Erhalt der Armee. Deswegen nennen sich die bewaffneten Einheiten in Japan “Selbstverteidigungsstreitkräfte”.
Nach Billigung im Parlament 2015 darf Japan offiziell das Recht auf “kollektive Selbstverteidigung” ausüben. Japanische Soldaten dürften nun in Konflikten an der Seite von Verbündeten kämpfen, auch wenn Japan nicht direkt angegriffen wird. Premierministerin Takaichi hatte im November 2025 erklärt, Japans Militär könnte im Falle eines chinesischen Angriffs auf Taiwan eingreifen. Trotz Protesten aus Peking hat sie ihre Stellungnahme nicht revidiert.
Danach herrschte zwischen beiden ostasiatischen Rivalen Funkstille und diplomatische Eiszeit. China streicht fast alle Flüge nach Japan und wirft Japan zunehmenden Militarismus vor.
Starke Friedensbewegung
“Ich möchte keinen Krieg”, sagt die 30-jährige Aktivistin Emi Hisamichi. “Das Risiko, dass Japan selbst in einen Krieg hineingezogen wird, steigt von Jahr zu Jahr. Das möchte ich verhindern.” “Wir sind sehr wütend darüber, dass Japan sich nicht angemessen mit seiner Kriegsvergangenheit auseinandergesetzt und darüber nachgedacht hat und nun versucht, Artikel 9 der Verfassung zu ändern”, sagt Aktivistin Tashiro.
Inzwischen bildet sich unter der jüngeren Generation in Japan eine Friedensbewegung. Anfang Juli versammelten sich rund 27.000 Menschen vor dem japanischen Parlament, mit bunt illustrierten Plakaten und Leuchtstäben. DJs legten dabei selbst komponierte Lieder auf.
Diese Art zum Protestieren gilt in Japan als “neu” und “hipp”. Das Ziel sei es, “den Menschen den ersten Schritt so leicht wie möglich zu machen, damit sie sich der Friedensbewegung anschließen”, so die 36-jährige Reina Tashiro, Mitglied der Bürgerinitiative “We Want Our Future” (“Wir wollen unsere Zukunft”). “Unsere Proteste sehen sehr stylisch aus.”
Die Bürgerinitiative organisiert außerdem Diskussionsrunden und Podcasts. Sie rührt die Trommel für den Frieden in einer Welt, die von zunehmender geopolitischer Spannung geprägt ist.
Quelle:
www.dw.com




