Werbungspot_imgspot_img

Angelsachsen kamen per Schiff statt zu Fuß

Im Jahr 1066 eroberten die Normannen das angelsächsische England – es war ein Meilenstein der britischen Geschichte. Doch jetzt zeigt sich, dass ein Schlüsselereignis dieser Eroberung nicht so stattfand, wie es in den Geschichtsbüchern steht. Denn der gut 320 Kilometer lange Gewaltmarsch der angelsächsischen Armee zur Schlacht von Hastings ist ein Mythos, wie ein Historiker herausgefunden hat. Schuld daran war ein missverstandener Passus in der Angelsächsischen Chronik.

Im Jahr 1066 regierte der angelsächsische König Harold Godwinson, auch bekannt als Harald II., über England – allerdings nicht unangefochten. Sein Anspruch auf den Thron wurde erst von seinem eigenen Bruder Tostig angefochten, später von Wilhelm II., Herzog der Normandie. Denn Haralds Vorgänger, der später als Heiliger verehrte Angelsachsenkönig Edward der Bekenner, benannte zwar zunächst Harold als seinen Nachfolger, soll dies aber auf seinem Sterbebett widerrufen haben – und stattdessen den Normannenherzog Wilhelm zum Thronfolger ernannt haben.

Legendärer Marsch der Angelsachsen auf dem Prüfstand

Diese Querelen führten dazu, dass Harald II. im Jahr 1066 an gleich zwei Fronten kämpfen musste: Im September griffen Tostig und eine norwegische Flotte im Nordosten Englands an. Dem Angelsachsenkönig und seiner Armee gelang es zwar, diesen Eroberungsversuch abzuwehren. Er geriet aber dadurch in Zeitnot, als im Oktober 1066 die Normannen unter Wilhelm II. im Süden Englands landeten. Nach gängiger Überlieferung musste die Armee der Angelsachsen in einem Gewaltmarsch innerhalb von nur zehn Tagen die gut 320 Kilometer bis nach Südengland zurücklegen, um dann in der Schlacht von Hastings gegen die Normannen zu kämpfen.

Doch dieser legendäre Marsch der Angelsachsen zur Schlacht von Hastings ist ein bloßer Mythos, wie nun der Historiker Tom Licence von der University of East Anglia herausgefunden hat. Denn statt zu Fuß gelangten die angelsächsischen Truppen größtenteils per Schiff nach Südengland. „Haralds Feldzug war kein verzweifelter Gewaltmarsch durch England, sondern eine kluge Land-See-Operation“, erklärt Licence. „Der heroische Marsch ist eine viktorianische Erfindung.“ Zu diesem Schluss kam Licence, als er zeitgenössische Quellen durchforstete, um die Ereignisse unmittelbar vor der Schlacht von Hastings zu rekonstruieren.

(Video: University of East Anglia)

Per Schiff statt zu Fuß

„Ich stellte fest, dass mehrere zeitgenössische Autoren Haralds Flotte erwähnten. Demnach sandte Harald hunderte Schiffe nach Süden, um sich den Normannen entgegenzustellen“, berichtet Licence. Die Annahme, dass der Angelsachsenkönig seine Flotte aufgelöst hatte, sei ein auf einer missverständlichen Formulierung in der Angelsächsischen Chronik beruhender Irrtum. In dieser Beschreibung der Ereignisse im September 1066 heißt es, dass „die Schiffe heimkamen“. Dies wurde von viktorianischen Historikern so verstanden, dass König Harald seine Marine auflöste und die Schiffe nach dem Kampf gegen die Norweger nach Hause geschickt hatte. Als dann die Normannen in Süden angriffen, blieb ihm keine Wahl, als seine Armee zu Fuß dorthin zu schicken.

Doch von einem solchen Gewaltmarsch der Angelsachsen fehlt in den zeitgenössischen Quellen jede Spur: „Ich habe nach Hinweisen auf einen solchen Marsch gesucht, aber keinen einzigen gefunden“, sagt der Historiker. Zudem seien auch die Zeitangaben nicht plausibel: „Dass Haralds abgekämpfte Soldaten nach der Schlacht gegen die Norweger die rund 320 Kilometer zu Fuß in nur zehn Tagen gelaufen sein sollen, ist unrealistisch“, sagt Licence. Angesichts des schlechten Zustands der mittelalterlichen Straßen und der Erschöpfung der Männer sei eine solche Strecke in so kurzer Zeit nicht zu schaffen. „Und nur ein verrückter oder unfähiger General wurde alle seine Männer zu Fuß auf einen solchen Marsch schicken, wenn er Schiffe zur Verfügung hatte“, so der Historiker.

„Geschehen von 1066 in neuem Licht“

Damit ist die gängige Darstellung der Ereignisse vor der Schlacht von Hastings falsch – und der berühmte Marsch der Angelsachsen gegen die Normannen ein bloßer Mythos. „Die neuen Erkenntnisse zeigen das Geschehen von 1066 in neuem Licht und unterstreichen einen zuvor übersehenen Aspekt der angelsächsischen maritimen Fähigkeiten“, sagt Licence. „König Harald war kein erschöpfter, nur reagierender Kommandeur. Er war ein Stratege, der Englands Marine nutzte, um eine koordinierte Verteidigung zu lancieren.“

Ähnlich sieht es auch Roy Porter von English Heritage, Kurator des Schlachtfelds von Hastings: „Was wir von König Haralds früheren militärischen Feldzügen wissen, passt zur Vorstellung, dass er die Flotte zum Transport seiner Soldaten und zum Kampf gegen Wilhelm einsetzte“, so Porter. „Auch in Überlieferungen der Normannen finden sich Hinweise darauf. Demnach wollte der Angelsachsenkönig Landtruppen und Schiffe nutzen, um die Normannen auf der Halbinsel von Hastings in die Zange zu nehmen. Allerdings schlug dieser Plan fehl: Die angelsächsische Flotte traf zu spät ein und die Normannen konnten dadurch die Überhand gewinnen. König Harald II. starb in der Schlacht und Wilhelm der Eroberer wurde Herrscher von England.

Quelle: University of East Anglia


Quelle:

www.wissenschaft.de