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Extreme Klimafolgen schon bei zwei Grad Erwärmung möglich

Die meisten Klimaprognosen beruhen auf Durchschnittswerten mehrerer Klimamodelle und globaler Trends. Doch dadurch werden bestimmte Klimafolgen möglicherweise unterschätzt, wie nun eine Studie demonstriert. In ihr haben Klimaforscher ermittelt, dass die eigentlich erst für drei bis vier Grad Erwärmung gegenüber präindustriellen Werten vorhergesagten Wetterextreme für einige Regionen und Modelle schon bei zwei Grad Erwärmung auftreten könnten. Dies betrifft beispielsweise Dürren in wichtigen Getreideanbaugebieten, Starkregen in Ballungsräumen oder feuerbegünstigendes Wetter in Wäldern. Die gängigen Prognosen könnten demnach das Risiko für solche Klimafolgen substanziell unterschätzen – allerdings sind die Unsicherheiten extrem groß.

Typischerweise werden Prognosen für Klimafolgen und das Risiko für kommende Wetterextreme durch Simulationen mehrerer unterschiedlicher Klimamodelle erstellt – das trägt dazu bei, die Eigenheiten der Modelle auszugleichen. Für das Endergebnis werden die Resultate der verschiedenen Modelle gemittelt. Das bedeutet aber auch, dass Ausreißer nach beiden Seiten in diesem Endergebnis nicht mehr auftauchen. Das Problem dabei: Bisher ist nicht klar, welche dieser Klimamodelle die künftige Entwicklung am realistischsten wiedergeben. „Es gibt erhebliche Unsicherheiten darüber, welche klimatischen Treiber bei den verschiedenen Graden der Erwärmung zum Tragen kommen“, erklären Emanuele Bevacqua vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig und seine Kollegen. Das könnte bedeuten, dass einige der als Ausreißer deklarierten Modelle möglicherweise treffsicherer sind als die mit ihren Prognosen in der Mitte liegenden. Unterschlägt man diese breite Spanne der Prognoseergebnisse, übersieht man daher möglicherweise Klimarisiken, vor allem auf regionaler Ebene.

Große Spannbreite auch zum Schlechten

„Im Sinne einer verantwortungsvollen Risikobewertung sollten wir deshalb über die wahrscheinlichsten Entwicklungen hinausblicken und auch extreme Szenarien berücksichtigen, die schwerwiegende gesellschaftliche oder ökologische Folgen haben könnten“, sagt Bevacqua. Für ihre Studie haben er und sein Team daher die Prognosen für drei Bereiche ausgewählt, die eine besondere gesellschaftliche und ökologische Bedeutung haben. Dazu gehören Starkniederschläge in dicht besiedelten Regionen, Dürren in wichtigen Agrargebieten und extreme Feuerwetterbedingungen in Wäldern. Für ihre Simulationen nutzten sie die CMIP6- Klimamodelle – die Suite an Modellen, auf denen auch die Berichte des Weltklimarats (IPCC) beruhen. Für jede der drei Wetterextreme identifizierten die Forscher die sektorspezifischen Klimafaktoren und ließen dann Klimaprojektionen unter Annahme fortschreitenden Klimawandels bis zur Erwärmung von zwei Grad durchlaufen.

Das Ergebnis war für jede der drei betrachteten Unterszenarien ein breit gefächertes Spektrum von Projektionen. Das Entscheidende dabei: Für alle drei Szenarien lagen einzelne Prognosen deutlich über oder unter den normalerweise betrachteten Mittelwerten. Im oberen Extrem zeigte sich dabei, dass Klimafolgen in Form von Waldbränden, Trockenheit in Anbaugebieten oder Starkregen in Ballungsräumen einigen Modellen zufolge schon bei zwei Grad Erwärmung extremer ausfallen könnten, als bislang für drei bis vier Grad prognostiziert. Konkret bedeutet dies beispielsweise, dass die wichtigen Anbauregionen für Mais, Weizen, Soja und Reis schon bei zwei Grad Erwärmung bis zu 50 Prozent mehr Dürren erleben könnten. „Zehn der 42 untersuchten Modelle liefern bei zwei Grad Ergebnisse, die deutlich über dem Modellmittel bei vier Grad Erwärmung liegen“, berichtet Bevacqua. Sollten diese Modelle Recht behalten, wären die Folgen für die Ernährungssicherheit, globale Lieferketten und internationale Märkte erheblich. Ähnliche Worst-Case-Resultate ergaben einige Modelle für Starkregen in Ballungsräumen oder Feuerwetter in Wäldern.

Extreme Unsicherheiten

„Unsere Ergebnisse bedeuten nicht, dass eine Zwei-Grad-Erwärmung insgesamt so gravierend wäre wie eine deutlich stärkere Erwärmung“, betont Co-Autor Jakob Zscheischler vom UFZ. „Vielmehr zeigen sie, dass extreme Auswirkungen in besonders verwundbaren oder gesellschaftlich wichtigen Sektoren auch bei einer moderaten Erwärmung von zwei Grad auftreten können.“ Eine gemäßigte globale Erwärmung sei daher keine Garantie für moderate Auswirkungen. „Weil die Projektionen mit großen Unsicherheiten behaftet sind, sind extreme Klimaentwicklungen selbst bei einer globalen Erwärmung um zwei Grad möglich und werden häufig unterschätzt, wenn der Fokus auf Modellmittelwerten liegt“, sagt Bevacqua. „Die Orientierung an Durchschnittswerten kann zu einem falschen Sicherheitsgefühl beitragen.“

Ähnlich sehen es auch nicht an der Studie beteiligte Klimaforscher: „Die Studie führt uns nochmals eindrücklich vor Augen, wie unsicher wir uns noch darin sind, was eine bestimmte globale Erwärmung schlussendlich bedeutet. Seien es Änderungen bezüglich Starkregen an bevölkerten Orten, Dürren in landwirtschaftlich wichtigen Regionen oder Feuerwetter in Waldgebieten: In diesen und anderen wichtigen Bereichen ist es noch längst nicht klar, was eine globale Erwärmung um zwei Grad Celsius tatsächlich bedeutet“, kommentiert Helge Gößling vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven. Die Studie sollte jedoch nicht im Sinne von ‚alles wird noch viel schlimmer‘ interpretiert werden. „Vielmehr zeigt sie eindrücklich, dass wir noch eklatante Wissenslücken bei den zu erwarteten Klimafolgen haben, die dringend geschlossen werden sollten.“ Gleichzeitig liefern die Ergebnisse aber auch einen weiteren Grund, warum der Klimawandel auf eine Erwärmung möglichst unter zwei Grad begrenzt werden sollte: Solange wir nicht wissen, ob nicht doch das Worst-Case eintritt, sollten wir auf Nummer sicher gehen.

Quelle: Emanuele Bevacqua (Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ, Leipzig) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-026-10237-9


Quelle:

www.wissenschaft.de