Die Ostsee ist zum Schauplatz hybrider Kriegsführung geworden: Manipulierte GPS-Signale, Drohnenflüge über Werften und zerstörte Tiefseekabel bedrohen die maritime Infrastruktur. Die Identifizierung der Täter scheitert bisher oft an starren, lückenhaften Überwachungssystemen. Das Fraunhofer-Center für Maritime Logistik und Dienstleistungen (CML) in Hamburg hält nun mit „Kirmes“ dagegen. Das System wird derzeit auf der Kieler Förde erprobt, um Spione und Saboteure in Echtzeit zu entlarven.
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Kirmes bricht mit dem traditionellen Ansatz teurer stationärer Küstenüberwachung, wie das CML erläutert. Statt auf langwierige Genehmigungsverfahren für feste Bauten zu warten, setzt das Team um Forschungsleiter Maximilian Reimann auf Mobilität. Kernstück des Projekts sind „Cells on Wheels“: mobile Anhänger mit Sensoren, die zusammen mit dem Forschungsschiff Vektor ein flexibles Netzwerk bilden.
Das System soll einem NDR-Bericht zufolge verdächtige Schiffsbewegungen identifizieren. Großer Vorteil: Im Gegensatz zu permanenten Anlagen lässt sich Kirmes innerhalb weniger Tage an jedem Küstenabschnitt ohne langwierige Genehmigungsverfahren in Betrieb nehmen.
Intelligente Datenfusion statt isolierter Signale
Technisch gesehen fungiert Kirmes als digitaler Staubsauger für maritime Daten. Die mobilen Einheiten erfassen eine Vielzahl von Signalen wie GPS, das Identifikationssystem AIS sowie ADS-B-Daten von Flugobjekten. Sogar der analoge Seefunkverkehr wird automatisch verschriftlicht und analysiert. Der Durchbruch liegt in der intelligenten Zusammenführung: Eine KI fusioniert diese Quellen zu einem digitalen Abbild der maritimen Lage.
Das System ist darauf trainiert, Anomalien zu entdecken. Es erkennt etwa, wenn ein Schiff sein AIS-Signal deaktiviert oder wenn Positionsdaten durch GPS-Spoofing manipuliert werden, um den tatsächlichen Standort zu verschleiern. Solche Taktiken wurden in der Vergangenheit immer wieder bei Vorfällen beobachtet. So geriet etwa im November 2024 unter diesen Umständen ein chinesischer Frachter in Verdacht, ein Datenkabel in der Ostsee vorsätzlich zerstört zu haben.
Diese Detektion ermöglicht es dem CMS zufolge, Einsatzkräfte automatisch zu alarmieren, bevor physischer Schaden an Pipelines oder Windparks entsteht. Das System nutzt dabei eine modulare Mikroservice-Architektur, wobei es jederzeit um neue Analysealgorithmen erweitert werden kann. So soll die Abwehr flexibel gegenüber sich ständig ändernden Taktiken hybrider Angreifer bleiben.
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Schnelle Einsatzbereitschaft
Das Testgebiet an der Kieler Förde bietet durch das hohe Verkehrsaufkommen ideale Bedingungen, um die Algorithmen zu trainieren. Mit einer Reichweite von bis zu 30 Seemeilen sichert das System weite Abschnitte der Küstengewässer ab. Neben der Polizei und der Bundeswehr sollen auch Hafenbetreiber und Unternehmen der Energiewirtschaft von den präzisen Echtzeit-Daten zur Gefahrenabwehr profitieren.
Geplant ist, bis Ende des Jahres die Testphase abzuschließen. Eine mobile Einheit wird voraussichtlich einen niedrigen sechsstelligen Betrag kosten. Kirmes könnte so eine effiziente Antwort auf die russische Schattenflotte und anonyme Drohnen bieten, um die maritime Souveränität digital und mobil zu sichern.
(wpl)
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Quelle:
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