Millionen Autos, Lkw und Lieferwagen sind täglich auf Europas Straßen unterwegs – fast alle noch immer mit Benzin oder Diesel im Tank. Wie können wir den Verkehr in Zukunft klimafreundlicher gestalten? Genau hier könnte ein bislang unterschätzter Rohstoff eine entscheidende Rolle spielen: Reststoffe aus Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Bioabfällen. Aus diesen lassen sich einer neuen Studie zufolge genug biogene Kraftstoffe erzeugen, um alle Fahrzeuge auf Europas Straßen fossilfrei anzutreiben.
Der Verkehrssektor zählt zu den größten Verursachern von Treibhausgasen. Zwar gewinnt die Elektromobilität weltweit und auch in Europa an Bedeutung, doch ein großer Teil der Fahrzeuge wird noch mit Verbrennermotoren betrieben – und das könnte auch noch länger so bleiben. Um den Verkehr dennoch klimaneutral zu machen, braucht es daher nachhaltigere Kraftstoff-Alternativen zu fossilem Benzin und Diesel.
Alternativen zu fossilen Kraftstoffen
Welche Alternativen das sein könnten, hat ein Forschungsteam um Olaf Toedter vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) untersucht. In ihrer Studie analysierten die Forschenden, welche Mengen biogener Rohstoffe – also pflanzliche Reststoffe, Holzreste oder Bioabfälle – in Europa vorhanden sind, wie sie sich technisch zu erneuerbaren Kraftstoffen umwandeln lassen und welchen Kraftstoffbedarf der Straßenverkehr künftig haben wird.
Dabei nahmen die Forschenden auch verschiedene Herstellungsverfahren in den Blick. Eine Möglichkeit ist das sogenannte „Hydrotreated Vegetable Oil“-Verfahren (HVO), bei dem ölhaltige Reststoffe zu einem Dieselersatz aufbereitet werden. Daneben untersuchten sie methanolbasierte Prozesse: Hier werden Pflanzenreste zunächst in ein Gas umgewandelt, das anschließend zu Benzin- oder Dieselersatz weiterverarbeitet wird.
Vom Reststoff zum Kraftstoff
Das Ergebnis der Studie ist grundsätzlich positiv: Europa könnte seinen gesamten Kraftstoffbedarf für den Straßenverkehr bis zum Jahr 2040 aus erneuerbaren Quellen decken – bis 2030 bereits mehr als zur Hälfte. „Angesichts der aktuellen Unsicherheiten auf den internationalen Energiemärkten ist das eine gute Nachricht. Wenn wir Rest- und Abfallstoffe effizient nutzen, können wir den Straßenverkehr unabhängiger von Energieimporten machen und gleichzeitig CO₂-Emissionen senken“, sagt Thomas Hirth, Senior-Autor der Studie.
Als Rohstoffe für die biogenen Kraftstoffe könnten insbesondere große Mengen an Rest- und Abfallstoffen genutzt werden, zum Beispiel Stroh aus der Landwirtschaft, Holzreste aus der Forstwirtschaft oder biogene Abfälle. Hinzu kommen Zwischenfrüchte sowie Energiepflanzen, die nicht mit der Nahrungsmittelproduktion konkurrieren. Diese Vielfalt sorgt dafür, dass die Rohstoffbasis stabil bleibt und nicht von einem einzelnen Stoff abhängt: „Viele glauben, dass Alt-Speiseöl die zentrale Quelle für erneuerbare Kraftstoffe ist. Tatsächlich macht es nur etwa ein Prozent des Rohstoffportfolios aus“, sagt Senior-Autor Thomas Koch. „Die wirklich großen Potenziale liegen beispielsweise in Pflanzenresten und Holzfasern. Diese Stoffe fallen ohnehin an – und können ausreichend klimafreundliche Kraftstoffe liefern.“
Das HVO-Verfahren ist zudem vielfältig einsetzbar. „Mit diesen Verfahren können wir aus sehr unterschiedlichen Reststoffen hochwertige Kraftstoffe herstellen“, sagt Toedters Kollege Nicolaus Dahmen. „Das ist wichtig, weil Europa über eine breite Palette an Biomassen verfügt. Die Technologien funktionieren auch dann, wenn der Rohstoffmix sich ändert.“ Während es HVO schon an der Zapfsäule gibt, sind Kraftstoffe aus anderen Verfahren noch in der Entwicklung. Sie werden am KIT bereits hergestellt und in Autos getestet. Mit den erprobten Verfahren lassen sich auch große Mengen Kraftstoff erzeugen. Die Studie zeigt außerdem: Wenn zusätzlich Wasserstoff zugeführt wird, steigt die Ausbeute nochmals deutlich.
Es braucht Unterstützung aus der Politik
Einschränkend weisen Toedter und seine Kollegen aber darauf hin, dass ihre Analyse auf einem optimistischen Szenario beruht, das sich an den Zielen des Pariser Klimaschutzabkommen orientiert und dessen Voraussetzungen politisch und gesellschaftlich erst noch geschaffen werden müssen. Damit erneuerbare Kraftstoffe den Straßenverkehr tatsächlich ersetzen können, braucht es laut Studie demnach verlässliche politische Vorgaben, Investitionen und einen schnellen Ausbau der Produktionskapazitäten. Kurzfristig könnten auch Importe eine Rolle spielen. Spätestens 2040 wäre dann eine weitgehend eigenständige Versorgung Europas möglich.
Quelle: Karlsruher Institut für Technologie (KIT); Fachartikel: KITopen, 2026. doi: 10.5445/IR/1000191584
Quelle:
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