Wenn Honigbienen nach der Futtersuche in ihren Bienenstock zurückkehren, zeigen sie ihren Nestgenossinen mit Hilfe des Schwänzeltanzes den Weg zu vielversprechenden Futterquellen. Doch wie eine Studie nun zeigt, verändern die Bienen ihren Tanz, je nachdem, wer ihnen zuschaut: Während sie bei einem großen Publikum aus anderen Sammlerinnen präzise Bewegungen ausführen, werden sie nachlässiger, wenn nur wenige andere Bienen zugegen sind oder sich die Zuschauerinnen überwiegend aus Jungbienen zusammensetzen, die selbst nicht auf Futtersuche gehen. Der Schwänzeltanz ist demnach keine einseitige Informationsübertragung, sondern ein Kommunikationsprozess in beide Richtungen.
Mit dem Schwänzeltanz kodieren Honigbienen komplexe Wegbeschreibungen. Sobald eine Kundschafterin nach der Entdeckung einer guten Nahrungsquelle zum Bienenstock zurückkehrt, beginnt sie mit ihrem Tanz. Dabei krabbelt sie mit wackelndem Hinterleib schnell einige Zentimeter geradeaus, kehrt dann in einem Bogen zum Ausgangspunkt zurück, wiederholt die Darbietung und kehrt in entgegengesetzter Richtung erneut zurück. Auf diese Weise entsteht ein Muster in Form einer Acht mit geschlängelter Mittellinie. Der Winkel der Mittellinie vermittelt dabei die Richtung der Nahrungsquelle im Verhältnis zur Sonne, die Dauer der Aufführung gibt Aufschluss über die Entfernung der Nahrungsquelle. Andere Sammlerinnen schauen der Tänzerin zu, berühren sie mit ihren Antennen und machen sich anschließend selbst auf den Weg zum beschriebenen Ort.
Besserer Tanz vor größerem Publikum
„Der Schwänzeltanz der Honigbiene wird oft als einseitige Informationsübertragung von den Tänzerinnen zu den Signalempfängerinnen angesehen“, erklärt ein Team um Tao Lin von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Yunnan. Doch wie neue Untersuchungen der Forschenden zeigen, trifft diese Annahme nicht zu. Für ihre Studie veränderten sie in einem Testbienenstock die Anzahl und die Zusammensetzung der Zuschauerinnen. „Unsere Daten zeigen, dass das Feedback des Publikums das Signal selbst prägt“, berichtet Lins Kollege Ken Tan. „In diesem Sinne sendet die Tänzerin nicht nur Informationen, sondern reagiert auch auf die sozialen Bedingungen auf der Tanzfläche.“
Waren viele andere Sammlerinnen als Zuschauerinnen zugegen, führte die Tänzerin präzise Bewegungen aus, die den Ort der Nahrung genau kodierten. Bei einem kleineren Publikum dagegen machten die Tänzerinnen dagegen größere Bewegungen – womöglich, um mehr Nestgenossinnen auf sich aufmerksam zu machen. Dabei vernachlässigten sie jedoch die Präzision. „Nicht nur Menschen verhalten sich je nach Publikum unterschiedlich“, sagt Co-Autor Lars Chittka von der Queen Mary University in London. „Unsere Studie zeigt, dass Honigbienen buchstäblich besser tanzen, wenn sie wissen, dass jemand zusieht. Wenn nur wenige Zuschauerinnen da sind, wandern die Tänzerinnen umher und suchen nach Publikum – und dabei werden ihre Signale unschärfer.“
Abgestimmte Hinweise
Doch offenbar ist es nicht allein die Anzahl der Zuschauerinnen, die das Tanzverhalten der Kundschafterin prägt. Auch die Qualifikation der Beobachterinnen spielt eine Rolle. Setzten die Forschenden junge Bienen ins Publikum, die selbst nicht auf Nahrungssuche gehen, zählten diese offenbar für die Tänzerin nicht. „Selbst wenn die Tanzfläche mit jungen Bienen überfüllt war, die den Tänzen nicht folgen, zeigten die Tänzerinnen denselben Präzisionsverlust“, berichtet das Team. Es kommt also nicht nur darauf an, wie viele zuschauen, sondern auch wer zuschaut. Die Informationen über ihr Publikum erhält die Tänzerin wahrscheinlich durch Antennen- und Körperkontakt mit zuschauenden Sammlerinnen. Diese taktilen Hinweise ermöglichen nicht nur den Beobachterinnen, den Tanz besser zu verarbeiten, sondern auch der Tänzerin, ihre Darbietung anzupassen.
Die Ergebnisse lassen sich womöglich auch auf andere kollektive Spezies übertragen und könnten potenziell auch die Leistung autonomer, gemeinsam agierender Roboter verbessern. „Die neuen Erkenntnisse zeigen, dass die Genauigkeit eines Signals von der Verfügbarkeit von Empfängern abhängen kann, nicht nur von der Motivation des Senders“, sagt Chittkas Kollege James Nieh. „Diese Art von Rückkopplung könnte in Tiergesellschaften, künstlich geschaffenen Schwärmen und anderen verteilten Systemen wichtig sein, in denen die Qualität der Informationen mit der Dynamik des Publikums steigen oder fallen kann.“
Quelle: Tao Lin (Chinesische Akademie der Wissenschaften, Yunnan, China) et al., Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.2518687123
Quelle:
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