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Was Piratengold über afrikanisches Kulturerbe verrät

Im Jahr 1717 sank vor der US-Ostküste das Flaggschiff des berüchtigten Piraten Samuel Bellamy. Mit an Bord: Goldschmuck und Nuggets von der westafrikanischen Goldküste. Mithilfe moderner Analysemethoden haben Forscher nun mit einem kolonialen Vorurteil über dieses Gold der Akan aufgeräumt: Angeblich sollen die Akan ihr Gold mit Silber, Kupfer und anderen Beimischungen gestreckt und so die Europäer betrogen haben. Doch die Analysen zeigen etwas anderes.

Goldvorkommen in Westafrika weckten jahrhundertelang Begehrlichkeiten bei europäischen Kolonialherren und Händlern. Vor allem die Lagerstätten im sogenannte Ashantigürtel im heutigen Ghana verliehen diesem Gebiet den Beinamen Goldküste. Schon im 15. Jahrhundert errichteten die Portugiesen in diesem rund 550 Kilometer langen Küstenstreifen erste Niederlassungen, in den folgenden Jahrhunderten folgten Handelsposten und Forts anderer europäischer Länder, die dort Sklaven, Gold und andere Güter akquirierten.

Südliches Ghana mit dem Ashanti-Goldgürtel: Die wichtigsten britischen Festungen des frühen 18. Jahrhunderts sind rot markiert. Elmina, das niederländische Hauptquartier in Westafrika, ist blau markiert.© Tobias Skowronek

War das Akan-Gold gestreckt?

Besonders hoch im Kurs stand das Gold der Akan, einer großen ethnischen Gruppe in Westafrika. Die Goldgewinnung und -verarbeitung war für ihre Kultur zentral, sie fertigten aus dem Metall Schmuck und produzierten Kakras, eine Art Goldnuggets, die als Tausch- und Zahlungsmittel entlang der Goldküste gängig waren. Europäische Händler schätzten allerdings weniger die Kunstfertigkeit der Akan-Schmuckstücke, sondern sahen in ihnen primär den Goldwert. Sie verschifften das Akangold und schmolzen es in Europa ein.

Allerdings gab es auch Misstrauen in Bezug auf die Qualität des Akan-Golds: „Ein wiederkehrendes Thema in den frühen europäischen Quellen ist die Ansicht, dass die Akanhändler oft gestrecktes, weniger wertvolles Material als hochkarätiges Gold ausgaben“, schreiben Tobias Skowronek von der Universität Bonn und seine Kollegen. Demnach werde das Gold oft mit Silber und Kupfer verschnitten, sogar Sand sei manchmal in betrügerischer Absicht untergemischt, so der Vorwurf. Allerdings: Diese Berichte waren selten neutral, da sie aus der Perspektive europäischer Händler geschrieben wurden.

Piratenwrack als Zeitzeuge

Ob diese Vorwürfe begründet waren, haben nun Skowronek und sein Team mithilfe hochmoderner Technik und eines spektakulären Fundort überprüft – einem versunkenen Piratenschiff. Denn 1717 sank vor der Küste von Massachusetts das Flaggschiff „Whydah“ des berüchtigten Piraten Samuel „Black Sam“ Bellamy bei einem Sturm. Dieses Schiff war einige Monate zuvor von der Goldküste Afrikas aus nach Jamaika gesegelt, wo es der Pirat gekapert hatte. Da die Piraten ihre zuvor gemachte Beute auf die Whydah brachten, enthielt das Wrack ein enormes Sammelsurium von Goldmünzen, Nuggets und Schmuck, darunter auch 300 Stücke Akan-Gold. Einen Teil davon haben die Forscher nun mit verschiedenen Analysemethoden auf ihre Zusammensetzung hin untersucht.

Das Ergebnis: Das Gold der Akan weist keinerlei Anzeichen von systematischer Streckung auf. Im Gegenteil: Manche Proben bestehen aus fast 100 Prozent reinem Gold. Allerdings schwankt der Gehalt der Verunreinigungen zwischen den einzelnen Stücken erheblich, manche Stücke enthielten bis zu 25 Prozent Silber, wie die Analysen ergaben. Dies liegt jedoch nicht an absichtlichen Beimischungen durch die Akan, wie Skowronek und seine Kollegen ermittelten. „Stattdessen entspricht die Zusammensetzung des gehandelten Goldes den silberreichen geologischen Lagerstätten des Ashanti-Goldgürtels“, so das Team. Diese Goldvorkommen hatten einen von Natur aus stark schwankenden Silbergehalt.

Vorwurf war unbegründet

Demnach ist der Vorwurf einer absichtlichen Streckung des Akan-Golds durch Silber- oder Kupferbeimischungen höchstwahrscheinlich unbegründet. Weil die europäischen Händler die geologischen Hintergründe nicht kannten, witterten sie jedoch Betrug. Diese Mär vom „falschen Gold“ wurde über Jahrhunderte ungeprüft wiederholt und immer weiter ausgeschmückt. Erst die modernen Analyseverfahren haben nun geholfen, jahrhundertealte koloniale Vorurteile zu entlarven und die Geschichte des westafrikanischen Handels neu zu bewerten.

Quelle: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn; Fachartikel: npj heritage science, doi: 10.1038/s40494-026-02441-7


Quelle:

www.wissenschaft.de