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25 Jahre Guantánamo – und noch kein Prozess für 9/11-Verdächtige


weltspiegel

Stand: 12.04.2026 • 20:46 Uhr

Fast 25 Jahre sind die Anschläge vom 11. September her – eigentlich sollte der Prozess gegen die mutmaßlichen Hintermänner längst begonnen haben. Doch noch immer werden sie ohne Prozess gefangen gehalten. Ein Besuch in Guantánamo.

Sarah Schmidt

Grauer Teppich, schwere Holztische, schwarze Kunstledersessel. Nur die in den Boden eingelassenen Ketten lassen erahnen, wer in diesem Gerichtssaal vor den Richter tritt.

Vier Männer, unter ihnen der so genannte “Architekt des Terrors”, Khalid Sheikh Mohammed, kurz KSM. Er gilt neben dem getöteten Terrorchef Osama bin Laden als Mastermind hinter den Anschlägen vom 11. September 2001.

15 Männer sind noch auf der US-Basis Guantanamo Bay in Kuba inhaftiert.

Immer wieder Besuche in Guantánamo

2.977 Menschenleben wurden an diesem Tag ausgelöscht. So wie das von Bill Kelly Jr.. Seine Schwester Colleen Kelly kommt seit Jahren auf die US-Militärbasis Guantánamo Bay in Kuba. Gemeinsam mit anderen Angehörigen und Überlebenden sitzt sie im Rücken der Angeklagten.

Durch dreifachverglaste Fenster kann sie die Männer sehen – traditionelle Gewänder, darunter Sportschuhe oder Schlappen. Sie sieht, wie die mutmaßlichen Hintermänner der Terroranschläge ihre Köpfe zusammenstecken, mit ihren Anwaltsteams sprechen. Die Stimmung scheint locker. Gefesselt sind sie nicht.

Bevor sie den Männern zum ersten Mal gegenübertrat, habe sie diese Vorstellung von bedrohlichen Monstern im Kopf gehabt, sagt Kelly. Dieses Bild sei geschrumpft wie ein Luftballon, aus dem schnell Luft entweiche. “KSM”, der Hauptangeklagte, sei so klein, vermutlich kleiner als sie selbst. Unscheinbar, einfach “no big deal”, so nehme sie ihn wahr.

Folter an den Inhaftierten

Was sie auch sieht: einen Angeklagten im Rollstuhl und eine leere Sitzreihe. Diese war für den Jemeniten Ramzi bin al-Shibh und seine Anwälte vorgesehen. Er soll die Hamburger Terrorzelle organisiert haben.

Vor drei Jahren erklärte ein Richter ihn für verhandlungsunfähig. Laut einem medizinischen Gutachten leidet er seit Jahren unter Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Ein Senatsbericht über die Folterpraktiken der CIA sieht darin die Folge von Schlafentzug, Schlägen ins Gesicht und in den Bauch, Isolation.

“Erweiterte Verhörmethoden”, so nannte die damalige US-Regierung das. Beim so genannten Waterboarding wird einem liegenden Gefangenen Wasser über das Gesicht geschüttet, bis er das Gefühl hat, zu ertrinken. Anderen wurde Wasser oder Nahrung über einen Schlauch gewaltsam in den Anus eingeführt. Der Angeklagte Mustafa al-Hawsawi sitzt wegen schwerer Verletzungen am Unterleib im Rollstuhl.

Komplizierte Vorverhandlungen

Auch deshalb hat der vielleicht wichtigste Prozess in der US-amerikanischen Geschichte noch nicht begonnen, sondern steckt in komplizierten Vorverhandlungen. Folter und ein ordnungsgemäßes Gerichtsverfahren – das passe nicht zusammen, sagt James Connell, Anwalt eines weiteren Angeklagten.

Auch sein Mandant sei gefoltert worden. Für ihn sei der Einsatz von Folter in den Geheimgefängnissen der CIA, den so genannten Black Sites, die “Ursprungssünde”. Die führe nun dazu, dass ungewiss sei, ob es jemals zu einem Prozess kommt.

Folter verstößt gegen US-amerikanisches Recht, die Menschenrechte. Das habe zur Folge, dass die Geständnisse vor einem US-Bundesgericht keinen Bestand hätten. Deshalb stehen die Angeklagten vor einem Militärgericht. Wie das allerdings damit umgeht, darum geht es in den jahrelangen Vorverhandlungen.

Parallelwelten auf der Basis

Keine zehn Autominuten entfernt herrscht Alltagsleben auf der Militärbasis. Ein Fastfood-Restaurant, ein Irish Pub, der damit wirbt, der einzige auf kommunistischem Boden zu sein. Im Freiluftkino laufen abends die neuesten Hollywood-Blockbuster. Über die Bowling-Bahnen schallt “What doesn’t kill you makes you stronger”, gesungen von Kelly Clarkson. Es scheint in Anbetracht dessen, wofür Guantánamo Bay auch steht, fast unangemessen.

Bilder der ersten Gefangenen in orangenen Overalls, eingesperrt in Käfige statt Zellen, gingen um die Welt. Das berüchtigte Camp X-Ray, aus dem sie stammen, ist lange geschlossen. Wellblechdächer, verfallene Wachtürme und die Käfig-Zellen sind von der Straße aus aber noch sichtbar. Büsche überwuchern das Gelände.

Die Bilder von gefesselten Gefangenen in orangenen Overalls im Camp X-Ray gingen um die Welt.

Haftbedingungen für Presse nicht zu sehen

Die Haftbedingungen haben sich für die verbliebenen 15 Gefangenen über die Jahre verbessert, sagt Anwalt Connell. Sehen dürfen Journalisten das nicht. Die Reise nach Guantánamo wurde vom Pentagon organisiert. Was gefilmt und fotografiert werden darf, unterliegt strengen Regeln, die das US-Militär festlegt.

Vor dem Rückflug werden die Aufnahmen angeschaut, jedes Foto, jeder Videoclip muss freigegeben werden. Was der Prüfung nicht standhält, wird gelöscht. In einem Charterflugzeug bringt das Verteidigungsministerium Anwälte, Journalisten und Angehörige auf die Militärbasis.

Unweit des Gefangenenlagers herrscht auf der US-Basis ein komplett anderes Leben.

Den Angeklagten droht die Todesstrafe

Colleen Kelly ist nicht die einzige Betroffene, die nach Guantánamo gereist ist. Colonel John Grote hat den Anschlag auf das Pentagon überlebt. Das verfolge ihn bis heute. Er erinnert sich noch an das Kerosin, das auf ihn herunter tropfte, während er versuchte, Verschüttete zu retten.

Als die Decke einzustürzen drohte, musste er sich selbst retten, obwohl er die Schreie anderer noch in den Ruinen hören konnte. Bis heute plagen ihn Schuldgefühle, dass er überlebt hat und so viele andere nicht, erzählt er.

Den Angeklagten droht die Todesstrafe. Darauf blicken Kelly und er sehr unterschiedlich. Sie ist grundsätzlich gegen die Todesstrafe. Man dürfe nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Sie hat mit anderen Betroffenen der Anschläge die Organisation Peaceful Tomorrows ins Leben gerufen.

John Grote ist mittlerweile pensioniert. Seine Position: “Ich will, dass sie sterben, und daraus mache ich keinen Hehl. Für mich ist das die einzige Gerechtigkeit.” Welche Strafe könne es sonst geben, wenn man 3.000 Menschen ermorde?

John Grote überlebte den Anschlag auf das Pentagon knapp. Er wünscht sich Urteile – und die Todesstrafe.

Verlangen nach Gerechtigkeit

Was Colleen Kelly und ihn eint: der Wunsch nach Gerechtigkeit durch einen Prozess. Ein rechtsstaatliches Verfahren für die Angeklagten, aber vor allem ein Urteil, damit sie zumindest mit diesem Teil ihrer Geschichte abschließen können. Dass heute, knapp 25 Jahre nach den Terroranschlägen, noch immer niemand wisse, ob und wann dieser beginnen wird, ist für beide nicht zu glauben.

“Auch ich werde älter, und viele betroffene Menschen sind schon tot”, sagt Colonel Grote. “Ich hoffe, dass ich nicht vor den Angeklagten sterbe. Ich möchte noch da sein, bis Gerechtigkeit geübt ist und wir unser Leben weiterleben können.”

Das hofft auch Kelly. Und: “Wenn Khalid Sheikh Mohammed heute Nacht stirbt, würde er rechtlich gesehen als Unschuldiger sterben. Das fühlt sich falsch an.”

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Weltspiegel – am Sonntag um 18.30 Uhr im Ersten.


Quelle:

www.tagesschau.de