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SportArrivederci Calcio? Wie sich Italien vom Fußball entliebt

Arrivederci Calcio? Wie sich Italien vom Fußball entliebt

Stand: 13.04.2026 • 14:49 Uhr

Italiens Fußball steckt in der Krise – doch gleichzeitig feiern andere Sportarten große Erfolge. Die Soziologen Beppe Russo und Marco Bifulco sowie Leichtathletik-Präsident Stefano Mei erklären, was hinter diesem Wandel steckt.

Dass der 24. Juni 2014 für den italienischen Fußball eine Zäsur markieren würde, war zu diesem Zeitpunkt nicht abzusehen. 0:1 verlor das Team von Cesare Prandelli damals gegen Uruguay – eine Niederlage, die vor allem durch den Biss von Luis Suárez in Giorgio Chiellinis Schulter in Erinnerung geblieben ist. In der Nachbetrachtung wurde sie aber aus einem anderen Grund fast schon historisch: Es ist das vorerst letzte Spiel einer “Squadra Azzurra” bei einer Weltmeisterschaft.

Zwölf Jahre dauert der Fiebertraum der italienischen Tifosi nun schon an, und seit der bitteren Playoff-Pleite im Elfmeterschießen gegen Bosnien steht fest, dass mindestens vier weitere Jahre hinzukommen. Ein unwirkliches Szenario für eine frühere Fußballmacht, deren WM-Erfolge Italiens Jugend nur noch vom Hörensagen kennt.

Vom Fußball-Tief zur sportlichen Renaissance

Doch parallel dazu spielt sich eine andere Geschichte ab. Während der Fußball am Boden liegt, erlebt das Land einen sportlichen Aufschwung wie lange nicht.

Freude bei Formel-1-Fahrer Kimi Antonelli nach seinem Sieg beim GP von Japan

Tennis-Star Jannik Sinner begeistert Millionen, in der Formel 1 gilt Andrea Kimi Antonelli als eines der größten Talente seiner Generation, Leichtathletik und Volleyball feiern internationale Erfolge – und auch bei den bei den Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina gehörte Italien zuletzt zu den stärksten Nationen.

Dieser Gegensatz wirft eine zentrale Frage auf: Verliert der Fußball seine Rolle als unumstrittener Leitstern der italienischen Sportkultur?

“In einer Situation, in der der Fußball so schwach ist, besteht das Risiko, dass er als führender Sport der Italiener ersetzt wird”, bestätigt der Soziologe Beppe Russo von der Universität Florenz. “Das ist auch ein großer kultureller Wandel, weil der Fußball für Italien wie die Autobiografie der Nation ist. Wer verstehen will, wie sich das Land kulturell und wirtschaftlich verändert, muss den Wandel im Fußball lesen.”

Fußball als Spiegel der gesellschaftlichen Krise

Dass der Calcio in diesem Land derart taumelt, sei ein Zeichen für eine Veränderung der “Italianità” – also der italienischen Identität – und auch ein Moment großer Unsicherheit. “Es sind diese Veränderungen, bei denen man weiß, dass man sie durchläuft, aber nicht genau, wohin sie führen”, führt Russo fort. “Der Fußball hilft uns mit seinen Schwächen zu verstehen, wie heikel dieser kulturelle Übergang des Landes insgesamt ist.”

Das Dilemma spiegelt sich auch im ambivalenten Verhältnis zwischen der Nationalmannschaft und ihrer Tifosi wider. “Das Team wird derzeit mit einer gewissen Resignation wahrgenommen”, erklärt Marco Bifulco, Sportsoziologe an der Universität Neapel. “Man weiß, dass es sich in einer langen Phase ohne herausragende Spieler, Talente und mittelfristige Erfolgsperspektiven befindet. Niemand versteht genau die Gründe, auch weil sie sehr komplex und nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen sind.”

Italienische Fans sitzen nach einer Niederlage ihrer Mannschaft enttäuscht auf der Tribüne

Strukturelle Probleme im Nachwuchs

Die Unfähigkeit des italienischen Fußballsystems, Spitzenleistungen zu erbringen, erzeuge dabei öffentliche Irritation. “Wer in Bars oder öffentliche Orte geht, merkt sofort, dass die Leidenschaft für diesen Sport weiterhin lebendig ist”, erklärt Bifulco. “Es ist schwer nachzuvollziehen, wie ein Land, das noch vor wenigen Jahren Champions hervorgebracht hat, heute so große Schwierigkeiten hat, sich für eine Weltmeisterschaft zu qualifizieren.”

Vor allem im Jugendbereich sei der Kontrast zu anderen Sportarten auffällig. “Während etwa der Tennissport oder die Leichtathletik junge Talente gezielt fördern, fehlen solche Entfaltungsmöglichkeiten im Fußball”, erklärt Bifulco. Ex-Weltmeister Jürgen Klinsmann, der zu den Glanzzeiten der Serie A das Trikot von Inter Mailand trug (1989 – 1992), vermutete kürzlich im Interview mit der “Gazzetta dello Sport” sogar, dass “Yamal und Musiala in Italien wahrscheinlich in die Serie B geschickt würden, um dort Erfahrung zu sammeln”.

Leichtathletik als Erfolgsmodell

Wie es besser funktioniert, zeigt ein genauerer Blick auf die Strukturen der italienischen Leichtathletik, wo sich durch gezielte Förderung und systematische Nachwuchsarbeit junge Talente entwickeln und langfristig an die Spitze des internationalen Sports geführt werden.

“Wir haben stark in die Nachwuchsarbeit investiert, mit gezielten Projekten wie dem Talentförderungsplan – und heute ernten wir die Früchte dieser Arbeit”, erklärt Verbandspräsident Stefano Mei. “Die jungen Stars wie Weitspringer Mattia Furlani oder Langstreckenläuferin Nadia Battocletti sorgen nicht nur für den notwendigen Generationswechsel, sondern heben auch das Niveau der gesamten Leichtathletik.”

Stefano Mei, Präsident des italienischen Leichtathletikverbandes

Als Italien bei der Leichtathletik-EM 2024 in Rom mit neun Siegen im Medaillenspiegel ganz vorne lag, schob der damalige DLV-Sportchef und heutige Vorstand Jörg Bügner die Triumphe der “Azzurri” noch auf den Heimvorteil – ein Irrtum, wie sich längst herausgestellt hat. “Italien ist heute stabil unter den wettbewerbsfähigsten Sportnationen Europas”, sagt Mei.

Der italienische Weitspringer Mattia Furlani feiert seine Goldmedaille bei der Leichtathletik-WM 2025

Sinner sorgt für Linderung

Für eine Linderung der geschundenen Volksseele sorgt allerdings hauptsächlich der Südtiroler Tennisstar Jannik Sinner, der eine ähnliche Begeisterung wie einst Boris Becker in den 1980er Jahren in Deutschland entfacht hat. “Sinners Popularität ist entscheidend für das gestiegene mediale Interesse. Sie bringt Identifikation, Begeisterung und neue Abonnenten”, sagt Bifulco.

Die Zahlen bestätigen dies: Tennisübertragungen erzielen selbst auf Pay-TV-Kanälen hohe Einschaltquoten, aber auch die Volleyball-Nationalmannschaft der Frauen und die Erfolge der Leichtathletik wecken die Begeisterung junger Generationen. Der Sport in Italien ist nicht mehr monothematisch – er differenziert sich, auch wenn der Fußball weiter das Herz vieler Tifosi ist.

Eine neue, vielfältige Sportkultur

Russo fasst den kulturellen Wandel zusammen: “Der Fußball verliert nicht sofort seine Vorherrschaft, aber die Identifikationen der Fans werden heterogener. Junge Italiener definieren sich auch über Einzelsportarten, wie Tennis oder Leichtathletik. Die Kultur des Sports wird vielfältiger.”

Italien steht damit an einem Scheideweg: einerseits die nostalgische Sehnsucht nach der glorreichen Vergangenheit des Fußballs, andererseits eine neue Ära, in der junge Talente in mehreren Disziplinen glänzen, die Sportlandschaft diversifizieren und neue Vorbilder schaffen.

“Dennoch bezweifle ich, dass diese sportlichen Triumphe die italienischen Fans angesichts des Scheiterns der Nationalmannschaft vollständig trösten können”, sagt Bifulco. “Fußball bleibt durch Tradition, Leidenschaft und Erwartungen ein nach wie vor zentraler kollektiver Identifikationsanker.”


Quelle:

www.sportschau.de

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