Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) hat an die Konfliktparteien im Sudan appelliert, nicht länger “den Krieg auf Körpern der Frauen auszutragen”. Die registrierten Fälle sexueller Gewalt seien “nur die Spitze des Eisbergs”, sagte MSF-Krisenkoordinatorin Myriam Laaroussi vor Journalisten in der kenianischen Hauptstadt Nairobi.
Allein von Januar 2024 bis November 2025 wurden knapp 3400 Überlebende solcher Verbrechen in medizinischen Einrichtungen von MSF in den Regionen Nord- und Süd-Darfur behandelt. Betroffen sind überwiegend Frauen aus nichtarabischen Bevölkerungsgruppen wie Massalit, Zaghawa und Fur, die gedemütigt und eingeschüchtert werden sollen. Die Täter kommen laut einem Bericht der Hilfsorganisation vor allem aus den Reihen der paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) sowie verbündeter Milizen.
“Weit über die Frontlinien hinaus”
Notfallkoordinatorin Ruth Kauffmann erklärte, sexuelle Gewalt gehe “weit über die Frontlinien hinaus”. In Süd-Darfur wurden demnach ein Drittel der betroffenen Frauen bei der Arbeit auf Feldern angegriffen, weitere 20 Prozent, als sie Wasser oder Feuerholz holten. “Auch Kinder stehen im Zentrum dieser Krise”, sagte Kauffmanns Kollegin Laaroussi.
Mehr als 90 Prozent der Überlebenden sexueller Gewalt seien von bewaffneten Männern angegriffen worden, so der Bericht. Viele wurden Opfer von Gruppenvergewaltigungen. Ein Fünftel seien Minderjährige, darunter Mädchen unter fünf Jahren. Drei Prozent der Betroffenen insgesamt waren Männer und Jungen. Für diese Gruppe sei es noch schwerer als für Frauen, über sexuelle Gewalt zu sprechen, sagte MSF-Vertreterin Gloria Endres, die in Nord-Darfur im Einsatz war.
Stundenlang zu Fuß unterwegs
Die Untersuchung stützt sich auf Aussagen von Betroffenen und auf medizinische Daten von Kliniken. Die Opfer müssen nach der Tat oft stundenlang zu Fuß gehen, um ein Krankenhaus zu erreichen. In etlichen Regionen sei überhaupt keine Hilfe von Ärzten verfügbar. Abgesehen von MSF gebe es nur wenige Helfer, die zivile Kriegsbetroffene unterstützten könnten, besonders in Fällen von sexueller Gewalt, berichtete die Hebamme Andêza Trajano.
Der Sudan liegt im Nordosten Afrikas. Das Land mit rund 48 Millionen Einwohnern ist seit beinahe drei Jahren Schauplatz eines Bürgerkriegs. Die reguläre Armee von De-Facto-Staatschef Abdel-Fattah al-Burhan ringt mit dessen früherem Stellvertreter Mohamed Hamdan Daglo, welcher die RSF befehligt, um die Macht. Die Kämpfe haben eine der gravierendsten humanitären Krisen der jüngeren Vergangenheit ausgelöst; Millionen Menschen wurden vertrieben.
“Unvorstellbare Brutalität”
Beiden Konfliktparteien wurden wiederholt Angriffe auf die Zivilbevölkerung und die Zerstörung ziviler Infrastruktur vorgeworfen. Namentlich die Einnahme von Al-Faschir, der eineinhalb Jahre lang belagerten Hauptstadt Nord-Darfurs, im vergangenen Oktober sei von “unvorstellbarer Brutalität” begleitet gewesen, schreibt Ärzte ohne Grenzen. Auch viele Menschen, die aus der Stadt flohen, als die RSF-Miliz einmarschierte, wurden Opfer von Übergriffen, oftmals unter den Augen ihrer Angehörigen.
Inzwischen haben sich die Frontlinien des Krieges von Darfur in die Kordofan-Region im Zentrum und im Süden verlagert. Auch dort leben nichtarabische Bevölkerungsgruppen. “Wir befürchten, dass uns noch weitere Gräueltaten bevorstehen”, heißt es im Bericht der Hilfsorganisation. Alle Bemühungen um eine dauerhafte Waffenruhe im Sudan sind bislang gescheitert.
jj/se (dpa, afp, epd)
Quelle:
www.dw.com



