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SportBei der Barrierefreiheit nur Kreisklasse

Bei der Barrierefreiheit nur Kreisklasse

Stand: 16.04.2026 • 09:55 Uhr

55 Prozent der Menschen mit Behinderungen in Deutschland machen keinen Sport. Nicht weil sie nicht wollen, sondern weil sie nicht können: Zu wenig Inklusionsvereine, kaum Barrierefreiheit und wenig Anerkennung.

Sein Trainer, sagt Jan Ginader, nennt ihn immer “Keule”. Weil er immer alles gibt, beim Kampf um den Ball. “Sport ist wichtig, dass auch im Alter die Muskeln dableiben”, sagt Jan Ginader, der 22 Jahre alt ist und in diesem Moment etwas neunmalklug wirkt. Jan Ginader ist ein junger Mann mit Down-Syndrom, dem Sport sehr viel bedeutet. Schwimmen, Fußball und Handball sind seine Hobbys.

Bei der TG Jahn Trösel kickt er in einem Handicap-Team, bei den Wiesloch Wiesel spielt er Handball – im ersten inklusive Handballteam im Rhein-Neckar-Raum. Fast zwölf Jahre gibt es die Wiesel nun schon – und seit Jahresbeginn sind sie ein eigener Verein.

Wenig Angebote für inklusiven Sport

Ein Vorzeigeprojekt: Doch die Neugründung der Wiesel zu Jahresbeginn als eigener Verein bedeutete auch die Abspaltung der 90 Sportlerinnen und Sportler von der TSG Wiesloch. Ein großer Verein, der nun keine Inklusionssportabteilung mehr hat. Denn was von außen betrachtet rund elf Jahre lang harmonisch wirkte, war schon länger in Wahrheit eine gestörte Beziehung zwischen den behinderten Sportlerinnen und Sportlern und dem Verein.

Manfred Walter, der Vorsitzende der TSG Wiesloch betont heute, da die Trennung vollzogen ist, es sei eine gute Zusammenarbeit gewesen, “auch finanziell haben wir als Hauptverein unseren Beitrag geleistet”. Jutta Wallenwein, die Gründerin der Wiesel, Vereinschefin und Trainerin, sieht das anders. Man sei nie wirklich inkludiert worden, habe sich um alles selbst kümmern müssen. “Sie wollten einerseits nicht, dass wir gehen – aber andererseits war das Interesse an uns nicht so richtig da”, sagt auch Sophia Schneeberger, Jutta Wallenweins Tochter, Sonderpädagogin und ebenfalls Trainerin in dem Verein, der eine Art Familienbetrieb ist.

Verein müsse sich anpassen – nicht umgekehrt

Bei offiziellen Terminen zum Thema Inklusion habe der Vorstand durchaus warme Worte gefunden für seine Behinderten, “aber das Gerede ist das eine und das Handeln war das andere”, klingt Jutta Wallenwein ein wenig verbittert. “Das war nie nachhaltig. Fakt war, dass wir ganz unterschiedliche Vorstellungen von Inklusion hatten. Es war für mich ganz klar, dass nicht unsere Leute an den Verein anpassen müssen, sondern der Verein muss sich an unsere Leute anpassen.”

Inklusion ist ein schwieriges Feld. So schwierig, dass nicht einmal jeder vierte der knapp 86.000 deutschen Sportvereine überhaupt inklusiven Sport anbietet. Vor drei Jahren, beim Erstkontakt der Sportschau mit den Wieseln und der TSG Wiesloch, in dem sie die eine Abteilung bildeten, knirschte es schon. Schon damals reiften die Pläne zur Selbständigkeit, kürzlich wurden sie vollzogen.

Manfred Walter ließ damals noch durchklingen, dass die Behinderten doch schon sehr betreuungs- und kostenintensiv seien. Heute weicht er solchen Nachfragen aus. Man könnte sagen: Verein und all die Menschen mit Handicap haben sich auseinander gelebt – aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen zu Inklusion. Man habe die Arbeit des Trainerteams wertgeschätzt, behauptet Walter.

Streit um Geld und Hallenzeiten

“Wir haben ihnen oft gesagt: Wir fühlen uns wie eine Randgruppe. Auch finanziell kommt überhaupt nichts von Euch. Ihr kassiert unsere Mitgliedsbeiträge, aber wir sehen davon nichts”, sagt Wallenwein. Selbst um das banale Thema Geld habe es Streit gegeben, weil die meisten Wiesel in Werkstätten für Menschen mit Behinderung arbeiten, für wenig Geld. Sie wollten ein Entgegenkommen. Und einen Inklusionsbeauftragten im Verein. Viele Versprechen seien unerfüllt geblieben.

Da der Kampf um die besten Hallenzeiten, bei dem die Inklusionsteams das Gefühl hatten, sie würden benachteiligt. Das bestreitet Vereinschef Walter. Er führt infrastrukturelle Probleme an, die viele Vereine hätten und für die sie nicht selbst verantwortlich seien. Kein Wort aber zu dem Gefühl, dass die Inklusionssportler hatten: Dass sie den anderen egal seien.

Inklusion als Herzenssache

Für Jutta Wallenwein, 58 Jahre alt, ist Inklusion Herzenssache – und Kampf um Gerechtigkeit. Bei der TSG Wiesloch hat man das umgedreht und ihr missionarischen Eifer vorgeworfen. Das Trainerteam speist sich komplett aus ihrem direkten Umfeld. Ihr Mann ist dabei, die Tochter, der Schwiegersohn. Sie geben alles für die gute Sache.

Jeden Samstag wird trainiert, fünf Stunden lang in verschiedenen Gruppen, es gibt eine Kindergruppe, die Youngsters, Wettkampfbetrieb, sogar eine Tanzgruppe – dazu kommen die Spiele am Wochenende. Menschen mit unterschiedlichen geistigen Behinderungen, zwei Handicap- und ein Unified-Teams, in dem auch Menschen ohne Behinderung mitspielen.

Weite Wege zum Verein

Viele Sportlerinnen und Sportler, wie Jan Ginader, nehmen weite Wege auf sich, weil sie in ihrer Nachbarschaft keine entsprechenden Angebote gefunden haben. In Ginaders Fall sind das 45 Kilometer. Marco Ginader, Jans Vater, ist auch Fußballtrainer beim Handicap-Team der TG Jahn Trösel. Dort funktioniert die Inklusion prima, die Behinderten werden bei Vereinsfesten als Helfer eingebunden, die Herrenteams kicken häufiger gegen ihre Inklusionsmannschaften.

Er und sein Sohn haben unlängst sogar eine gemeinsame Tandem-Trainerausbildung über eine DFB-nahe Stiftung absolviert. Das klingt alles geradezu perfekt. Aber Marco Ginader berichtet auch davon, wie er einst lange von Schwimmvereinen abgewiesen wurde, weil sie seinen behinderten Sohn nicht integrieren wollten – oder es nicht konnten. Er habe häufig “eine ablehnende Haltung” gespürt, bei Trainer und Vereinschefs, Überforderung und Hemmungen.

Das ist bei den Wieseln anders. “Wir sehen nicht die Behinderung, wir sehen nur den Menschen und das was er kann. Wir sehen nicht die Schwächen, sondern die Stärken”, sagt Jutta Wallenwein. Das führte einige der Wiesel auch schon zu den Special Olympics Weltspielen. Ein Erfolgsprojekt, bei dem deutlich wird: Inklusion findet auch in den Köpfen statt.

Behindertenbeauftragter kritisiert bestehende Barrieren

Dass es von solchen Vereinen wie den Wiesloch Wieseln zu wenige gibt, kritisiert auch Jürgen Dusel, der Beauftragte der Bundesregierung für Menschen mit Behinderung. “Es ist letztlich eine Frage der Einstellung, ob ein Verein exklusiv oder inklusiv unterwegs sein will”, sagt er der Sportschau.

Der Behindertenbauftragte der Bundesregierung Jürgen Dusel

Vor wenigen Wochen war Dusel in Mailand und Cortina, schwer beeindruckt von den sportlichen Leistungen bei den Paralympics. Gut, dass die Behinderten “für einige Tage”sichtbar waren, sagt er, “aber Zuhause sind wieder Barrieren vorhanden”. Denn, so Dusel weiter: “In Bezug auf Inklusion ist Deutschland noch nicht unbedingt olympiareif.” Hierzulande seien selbst die großen Stadien in Sachen Barrierefreiheit “noch nicht auf Bundesliganiveau, sondern manchmal sogar nur auf Kreisliganiveau”.

Von fehlender Barrierefreiheit im Breitensport ganz zu schweigen. Ein Grund, warum 55 Prozent der acht Millionen Deutschen mit Behinderung gar keinen Sport treiben. Wo auch? “Der Grund liegt nicht in fehlendem Willen, Sport zu treiben, sondern in bestehenden Barrieren”, kritisieren der Deutsche Behindertensportverband (DBS) und das Nationale Paralympische Komitee. Zwar gibt es keine Zahlen, wie viele barrierefreie Sportanlagen es in Deutschland überhaupt gibt – aber laut DBS besteht definitiv “ein erheblicher Aufholbedarf”.

Barrierefreiheit für Sportstätten nicht verpflichtend

Seit 2025 schreibt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz zwar für bestimmte Produkte und Dienstleistungen wie etwa Bankgeschäfte verpflichtend Barrierefreiheit vor, aber für Sportstätten gibt es keine entsprechende Vorgabe. Das sehe man sehr kritisch, betont Benedikt Ewald, Vorstand Sportentwicklung beim DBS. Die Politik müsse deshalb “der Barrierefreiheit im Rahmen von Förderprojekten einen hohen und verbindlichen Stellenwert einräumen. Das gilt insbesondere für die sogenannte Sportmilliarde, die aktuell über das Bundesprogramm Sanierung kommunaler Sportstätten ausgeschüttet wird.”

Das Problem beginnt für viele Betroffene bereits bei der Anreise zum Sport, kritisiert Dusel. Die sei oft schwierig, langwierig, abschreckend. “Es ist wichtig, dass wir verstehen, dass Barrierefreiheit erstens ganzheitlich gedacht werden muss und zweitens ein Qualitätsmerkmal für eine moderne Infrastruktur ist”, sagt Dusel.

Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung sieht Deutschland weit entfernt von der Umsetzung von Artikel 30 der UN-Behindertenkonvention – gleichberechtigte Teilhabe auch im Sport. Obwohl auch im Grundgesetz der Gleichheitsgrundsatz festgeschrieben sei, können man “von gleichwertigen Lebensverhältnissen, auch im Bereich des Sports, noch nicht reden“.


Quelle:

www.sportschau.de