Brasilien gibt sich selbstbewusst. In Hannover präsentierte sich das Land als Vorreiter für erneuerbare Energien und Elektromobilität.
“Wir wollen zeigen, dass Brasilien nicht nur eine Agrarmacht, sondern auch ein Global Player für Industrietechnik ist”, stellt Patricia Gomes von der Brasilianischen Außenwirtschaftsagentur ApexBrasilklar. Ziel sei es, Brasilien als Vorreiter einer grünen, digitalen und resilienten Industrie zu positionieren.
Das Land ist in Lateinamerika Anführer bei Elektromobilitätund beim Ausbau intelligenter Ladestationen. 2025 waren dort 224.000 Elektrofahrzeuge zugelassen, ein Plus von rund 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Fokus Energie
Damit deckt das Partnerland eines der wichtigsten Themen der Messeab, nämlich Energieeffizienz und Energietechnik. “Durch die aktuelle geopolitische Lage gewinnen die Messethemen rund um Energieversorgung, Resilienz von Infrastrukturen und alternative Energielösungen zusätzliche Relevanz”, bestätigte Messe-Sprecherin Onuora Ogbukagu gegenüber der DW. “Energiesicherheit rückt stärker in den Fokus.”
Rund 4000 Unternehmen aus 60 Ländern, darunter Amazon Web Services, Bosch, Siemens, SAP, Microsoft, Huawei und Accenture, präsentieren sich auf der globalen Industrieschau. Partnerland Brasilien ist mit insgesamt mehr als 300 Unternehmen vertreten.
Hoffnungsträger Mercosur
Einen Schub soll der Messe das Mercosur-Freihandelsabkommen zwischen der EU und den südamerikanischen Ländern Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay verleihen. Das Abkommen tritt nach über 25 Jahren Verhandlungen am 1. Mai in Kraft.
“Es ist zu erwarten, dass der Maschinenbau besonders stark vom Mercosur-Abkommen profitieren wird”, erklärt Yvonne Heidler vom Verband deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) gegenüber der DW. “Die deutschen Maschinenlieferungen in den vier Mercosur-Ländern könnten von derzeit 3,5 Milliarden Euro bis 2040 auf bis zu fünf Milliarden Euro steigen.”
Iran-Krieg überschattet Konjunkturaussichten
Die Hoffnungen kontrastieren jedoch mit einem weltweit schwierigen wirtschaftlichen Umfeld. Laut einer Konjunkturumfrage des Ifo-Wirtschaftsinstituts fällt es im März 78,6 Prozent der Unternehmen in Deutschland schwer, ihre zukünftige Geschäftsentwicklung einzuschätzen.
Der Krieg im Iran habe “die Unsicherheit in der deutschen Wirtschaft spürbar erhöht”, sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo-Umfragen. Besonders ausgeprägt sei die Unsicherheit in der Industrie. Dort liegt der Anteil laut Ifo bei 87,7 Prozent.
Sowohl in Deutschland als auch international sind die Konjunkturprognosen für dieses Jahr eher mäßig. Von den fünf größten Wirtschaftsmächten USA, China, Deutschland, Japan und Indien verzeichneten laut Branchenberichten nur Indien Zuwachsraten von mehr als sechs Prozent. China weist über vier Prozent auf, allerdings verlangsamen sich die Zuwachsraten im Vergleich zum Vorjahr.
Auch Partnerland Brasilien gehört nicht zu den Wachstumstreibern. Nach Angaben der Brasilianischen Zentralbank wird das Land 2026 vermutlich nur um 1,6 Prozent wachsen, im vergangenen Jahr lag die Rate noch bei 2,3 Prozent. Prognosenseien aufgrund der Konflikte im Nahen Osten und deren Auswirkungen auf Preise und Konsumverhalten sehr unsicher.
“Ein bisschen brasilianisch”
Doch es gibt Lichtblicke. So verzeichnet der Bereich Elektromobilität in Brasilien große Wachstumssprünge, von denen viele Firmen profitieren. Dazu gehören auch die deutsche Technologiegruppe Harting, spezialisiert auf Verbindungstechnik und Ladeequipment, der weltweit führende Anbieter von Antriebstechnik SEW Eurodrive aus Baden-Württemberg und das brasilianische Unternehmen WEG, das sowohl Elektromotoren als auch Ladesysteme anbietet, und diese in Hannover präsentiert.
Auch Brasiliens größter Werkzeugmaschinenhersteller ROMIverzeichnete 2025 ein Wachstum gegen den Trend von rund acht Prozent. Mehr noch: Von den insgesamt 13 Produktionsstätten des Konzerns befinden sich mittlerweile zwei in Deutschland. Denn 2012 übernahm ROMI den deutschen Werkzeughersteller Burkhardt+Weber aus Reutlingen.
“Ich bin sicher, dass die Kollegen in Deutschland es gut finden, ein bisschen brasilianisch zu sein!”, sagt ROMI-Präsident Luiz Cassiano Rosolen im Gespräch mit der DW. Bei ROMI in Brasilien sei man jedenfalls stolz, dass der “Porsche unter den Maschinenbauern” zu ROMI gehörte.
Cassiano wird dabei sein, wenn Brasiliens Staatschef Luíz Inácio Lula da Silva und Bundeskanzler Friedrich Merz die Industriemesse eröffnen. Die beiden Staatschefs trafen sich bereits auf dem UN-Klimagipfel COP30 im brasilianischen Belém im November 2025.
Merz hielt sich bei seinem Blitzbesuch gerade einmal 21 Stunden in Belém auf. Nach seiner Rückkehr hatte er sich in Berlin abwertend über die Gastgeberstadt der COP30 geäußert.
Nun wird sich Hannover vermutlich auf einen kritischen Blick der brasilianischen Delegation gefasst machen müssen. Eines steht fest: Präsident Lula wird sich länger als 21 Stunden in der Landeshauptstadt halten. Merz hat auch mehr Zeit für eine deutsch-brasilianische Klimaverbesserung.
Quelle:
www.dw.com


