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WissenschaftBürgerkrieg bei Schimpansen

Bürgerkrieg bei Schimpansen

Einst waren sie Verbündete, nun bringen sie einander um: Die größte bekannte wildlebende Schimpansengruppe der Welt im Kibale-Nationalpark in Uganda hat sich in zwei Lager gespalten, die einander bis zum Tod bekämpfen. Zu den Opfern zählen neben erwachsenen Männchen auch zahlreiche Jungtiere. Eine Langzeitstudie, die die Tiere bereits seit 1995 begleitet, gibt Einblicke in die sozialen Dynamiken, die aus ehemaligen Freunden Feinde gemacht haben. Die Ergebnisse zeigen, dass Krieg ganz unabhängig von kulturellen, politischen oder religiösen Ideologien entstehen kann, wenn das soziale Gefüge im Umbruch sind.

Wenn wir Menschen Kriege führen, geht es oft um ökonomische Interessen, unterschiedliche politische und religiöse Ideale oder kulturelle und sprachliche Klüfte. Dabei fördern die unterschiedlichen Selbstverständnisse der Gruppen sowohl den Zusammenhalt innerhalb der Gemeinschaft als auch die Feindseligkeit gegen Außenstehende. Doch auch innerhalb ehemals geeinter Gesellschaften kann es zur Spaltung bis hin zum Bürgerkrieg kommen. In diesem Fall greift die Hypothese von unterschiedlichen Gruppenidentitäten als Auslöser zu kurz. „Ein alternatives Modell legt nahe, dass sich wandelnde zwischenmenschliche Bindungen und lokale Rivalitäten ausreichen, um Gruppen zu spalten und kollektive Gewalt zu erzeugen, unabhängig von kulturellen Merkmalen“, erklärt ein Team um Aaron Sandel von der University of Texas in Austin.

Bei Schimpansen haben Sandel und seine Kollegen nun einen außergewöhnlichen Krieg beobachtet, der diese zweite Hypothese stützt. Normalerweise verteidigen Schimpansen ihr Revier gegen Außenstehende, halten aber innerhalb ihrer Gruppe zusammen. Doch in Ngogo im Kibale-Nationalpark in Uganda hat sich eine riesige Schimpansengesellschaft in zwei Teile aufgespalten, die einander erbittert bekämpfen. Bereits seit 1995 beobachten Forschende die Ngogo-Schimpansen und auch die 2023 veröffentlichte Netflix-Dokumentationsserie Chimp Empire hat diese Gruppe porträtiert.

Die Schimpansenmännchen Gordon und Garrison waren einst Freunde, doch heute gehören sie zwei verfeindeten Grippen an. © John Mitani

Der große Bruch

Um die sozialen Dynamiken zu ergründen, die hinter der Spaltung und den folgenden kriegerischen Auseinandersetzungen standen, haben Sandel und sein Team Verhaltensbeobachtungen und demografische Daten aus 30 Jahren ausgewertet und soziale Netzwerkanalysen erstellt. Demnach bildeten die Tiere über zwei Jahrzehnte hinweg zwar immer wieder wechselnde Untergruppen, pflanzten sich aber alle untereinander fort, verteidigten gemeinsam ihr Revier und vereinten sich zu wechselnden Allianzen. Erste Anzeichen einer Spaltung in eine westliche und eine zentrale Gruppe zeigten sich jedoch, nachdem 2014 mehrere erwachsene Männchen und ein Weibchen verstorben waren und es 2015 zu einem Wechsel des Alpha-Männchens gekommen war.

Das neue Alpha-Männchen stammte ursprünglich aus einer Allianz von Männchen, die später die westliche Gruppe bildeten, schloss sich aber, als es in der Hierarchie aufstieg, der zentralen Gruppe an. Es kam zu einem Bruch der ehemals geeinten Schimpansenpopulation. Nur wenige Tiere hielten ab da noch den Kontakt zwischen beiden Gruppen aufrecht. Eines der letzten dieser verbindenden Individuen starb 2017 an einer Krankheit. Bis 2018 hatte sich diese Spaltung so weit gefestigt, dass aus der ehemals geeinten Gesellschaft zwei unterschiedliche Gruppen entstanden waren, die sich gegenseitig aus dem Weg gingen und sich nicht mehr miteinander fortpflanzten.

Von der sozialen Spaltung zum Krieg

Die neu entstandene westliche Gruppe umfasste zehn erwachsene Männchen und 22 erwachsene Weibchen sowie mehrere Jungtiere und war damit deutlich kleiner als die zentrale Gruppe mit 30 erwachsenen Männchen und 39 erwachsenen Weibchen. Doch trotz der zahlenmäßigen Unterlegenheit war es die westliche Gruppe, die ab 2018 immer wieder tödliche Angriffe auf die zentrale Gruppe verübte, darunter auch einen, bei dem das Alpha-Männchen schwer verwundet wurde. Ab 2021 begannen Angehörige der westlichen Gruppe zudem, die Jungtiere der zentralen Gruppe zu töten.

„Von 2018 bis 2024 verübten Mitglieder einer Gruppe 24 Angriffe, bei denen mindestens sieben ausgewachsene Männchen und 17 Jungtiere der anderen Gruppe getötet wurden“, berichten die Forschenden. 14 weitere zuvor gesunde Individuen sind zudem spurlos verschwunden und wurden möglicherweise ebenfalls Opfer der Aggressionen. „Besonders auffällig ist, dass die Schimpansen ehemalige eigene Gruppenmitglieder töten“, sagt Sandel. „Die neuen Gruppenidentitäten setzen sich über kooperative Beziehungen hinweg, die seit Jahren bestanden hatten.“ Fotos dokumentieren, dass Männchen, die noch 2015 gemeinsam ihr Revier gegen fremde Schimpansengruppen verteidigt hatten, nur vier Jahre später einen ihrer ehemaligen Kameraden töteten, weil er zur anderen Hälfte der Gruppe gehörte.

Dynamik der Gewalt

Laut Sandel und seinen Kollegen sind solche dauerhaften Spaltungen einer Gruppe bei Schimpansen extrem selten. „Genetische Hinweise legen nahe, dass so etwas im Schnitt nur etwa alle 500 Jahre vorkommt“, schreiben die Forschenden. Der einzige andere bisher berichtete Fall ereignete sich in den 1970er Jahren in Gombe in Tansania, wo die Primatenforscherin Jane Goodall einen Krieg zwischen ehemaligen Mitgliedern der gleichen Gruppe beobachtete. Da die Schimpansen in Gombe jedoch von den Forschenden gefüttert wurden, war umstritten, inwieweit die beobachteten tödlichen Aggressionen tatsächlich Teil ihres natürlichen Verhaltens waren.

„Zusammengenommen zeigen diese Ereignisse, wie Netzwerke angesichts vielfältiger demografischer und sozialer Veränderungen zerbrechen können“, schreiben die Forschenden. „Sie liefern Belege dafür, dass sich wandelnde Beziehungen, unabhängig von kulturellen Merkmalen, eine Gemeinschaft spalten und kollektive Gewalt auslösen können. “

Was verrät dies über menschliche Konflikte?

Laut Sandel ist der Krieg der Schimpansen zwar nicht direkt mit menschlichen Bürgerkriegen vergleichbar, kann aber Hinweise auf grundlegende Dynamiken geben. „Die Polarisierung und die kollektive Gewalt, die wir bei diesen Schimpansen beobachtet haben, könnten uns Einblicke in unsere eigene Spezies geben“, sagt er. „Wenn Beziehungsdynamiken allein bei Schimpansen, die weder Sprache noch Ethnizität oder Ideologie besitzen, zu Polarisierung und tödlichen Konflikten führen können, dann könnten diese kulturellen Merkmale auch beim Menschen zweitrangig gegenüber etwas Grundlegenderem sein.“

Aus Sicht von James Brooks von Deutschen Primatenzentrum in Göttingen, der nicht an der Studie beteiligt war, erinnert die feindselige Spaltung der Ngogo-Schimpansen auch daran, welche Gefahr Gruppenspaltungen für menschliche Gesellschaften darstellen können. „Menschen gehen jedoch auch über sich überschneidende Gruppen hinweg auf vielfältigen Ebenen Beziehungen ein, knüpfen Bindungen und arbeiten zusammen“, schreibt er in einem Kommentar zur Studie. „Diese Flexibilität ermöglicht eine tiefe Zusammenarbeit, bildet aber auch die Grundlage für Gewalttaten. Der Mensch kann aus der Untersuchung des gruppenbezogenen Verhaltens anderer Arten lernen, sowohl in Kriegs- als auch in Friedenszeiten, aber dabei stets bedenken, dass seine evolutionäre Vergangenheit nicht seine Zukunft bestimmt.“

Quelle: Aaron Sandel (University of Texas, Austin, USA) et al., Science, doi: 10.1126/science.adz4944


Quelle:

www.wissenschaft.de