Die Beziehungen zwischen Großbritannien und den USA stecken in einer tiefen Krise. Trotz Kritik reist König Charles nun zu einem Staatsbesuch bei Präsident Trump. Kann die royale Visite die Wogen glätten?
Die Worte, die im britischen Parlament über US-Präsident Donald Trump fielen, waren deutlich und scharf: “Er ist ein gefährlicher und korrupter Gangster”, rief Ed Davey, der Parteichef der Oppositionspartei der Liberaldemokraten, dem Labour-Premier Keir Starmer zu. Es sei nicht richtig, den König mit einem Staatsbesuch in den USA in eine solche Lage zu bringen. Der Besuch müsse abgesagt werden – vor allem wegen Trumps Vorgehen in Iran und seinem wiederkehrenden Spott über Großbritannien.
Eine solche Absage forderten auch Zehntausende Briten in Briefen an den Palast. Laut einer aktuellen Umfrage im Auftrag des Onlinemediums The i Paper sind 44 Prozent der Briten gegen den Besuch. Nur 35 Prozent sagten, sie seien dafür. 21 Prozent waren sich nicht sicher.
Royaler Balsam für die Beziehungen
Doch die britische Regierung, auf deren Geheiß Staatsbesuche des Monarchen traditionell stattfinden, hielt daran fest. “Alles andere wäre undenkbar gewesen”, sagt der Londoner Politikjournalist Andrew Rawnsley von der Zeitung The Observer. Es wäre sehr unhöflich gewesen, abzusagen – “wohl das Unhöflichste, das Großbritannien den US-Amerikanern angetan hat, seit Soldaten des British Empire im Jahr 1814 das Weiße Haus niederbrannten”, fügt der Kolumnist hinzu. Ein bisschen “royaler Balsam” für die schwierigen Beziehungen könne derzeit nicht schaden.
Die Historikerin und Monarchie-Expertin Anna Whitelock von der St. George’s Universität London drückt es etwas nüchterner aus: “Solche Staatsbesuche werden nur wegen Krankheiten oder Sicherheitsbedenken abgesagt.”
Charles sei ein Meister der Diplomatie, so Whitelock. Aber selbst für ihn sei dies eine heikle Mission. “Es ist schwer vorstellbar, dass Charles und Camilla die Reise genießen werden”, glaubt die Historikerin. “Aber die britische Seite wird hoffen, dass es mal wieder positive Schlagzeilen über die Beziehung der beiden Länder gibt.”
Eine “besondere Beziehung”
Es ist vor allem die britische Seite, die gern betont: Die USA und Großbritannien verbinde eine besondere Beziehung, eine “special relationship”. Premier Winston Churchill prägte den Begriff nach dem Zweiten Weltkrieg, um die enge politische, militärische und kulturelle Zusammenarbeit zwischen London und Washington zu beschreiben.
In der Sicherheits- und Verteidigungspolitik sowie bei den Geheimdiensten sind die beiden Länder auch heute eng verzahnt. Vor allem Großbritannien ist abhängig von den USA – zum Beispiel, um die eigene nukleare Abschreckung aufrechtzuerhalten. “Wenn Trump auch nur einmal das Wort ‘besondere Beziehung’ sagt”, so Anna Whitelock, “wäre das schon ein Erfolg”.
Im Herbst schien der Staatsbesuch von Charles in den USA noch selbstverständlich. Er war als logischer Gegenbesuch für Trumps Staatsbesuch im September geplant, der zunächst als erfolgreich galt. Der US-Präsident fühlte sich damals sichtlich wohl und geschmeichelt – auch wenn er aus Angst vor Protesten nur innerhalb der Palastmauern mit der Kutsche herumgefahren wurde.
Mehr als eine royale Visite
Vordergründig ist bei Staatsbesuchen alles Pomp und Protokoll, aber ein britischer Monarch ist stets auch als Diplomat im Einsatz: Gästeliste, Programm und Reden – alles eng abgestimmt zwischen Regierung und Palast.
Im September stand für die britische Seite die Unterstützung für die Ukraine im Fokus. Es galt, Trump zu mehr Unterstützung für die Ukraine zu überreden. Und so sagte Charles in seiner Auftaktrede beim Staatsbankett: “Heute, da die Tyrannei erneut Europa bedroht, stehen wir gemeinsam mit unseren Verbündeten an der Seite der Ukraine, um Aggression abzuwehren und den Frieden zu sichern.”
Trump sprach damals davon, dass dieser zweite Staatsbesuch die größte Ehre seines Lebens sei. Dem König versicherte er: Er habe “großen Respekt für Sie und Ihr Land”.
Trump zu Besuch auf Schloss Windsor im September 2025
Erster Tiefschlag im Januar
Drei Monate später, am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos, war schon alles anders: Trump kritisierte in einem Fox-News-Interview die NATO-Mitgliedsstaaten für ihren Beitrag zum Afghanistan-Krieg ab 2001 und sorgte damit in Großbritannien für Wut. Gegenüber Fox News sagte er: “Sie werden sagen, sie hätten Truppen geschickt. Aber die hielten sich zurück – mit Abstand zur wirklichen Front.”
Starmer reagierte ungewöhnlich scharf: “Als Erstes möchte ich den 457 Soldaten unserer Armee Tribut zollen, die in Afghanistan ihr Leben gelassen haben”, begann er sein Statement. “Ich finde Präsident Trumps Äußerungen beleidigend und abstoßend.”
In einem Post auf Social Media versuchte Trump am nächsten Tag umzuschwenken – mit Lob für die “großartigen und mutigen Soldaten” des Vereinigten Königreichs. Unter Experten gilt als offenes Geheimnis: Der Palast habe dem Weißen Haus ein Zeichen gegeben. Denn der König ist Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte. “Es sieht so aus, als ob die Tatsache, dass der König seinen Unmut mitgeteilt hat, einen Effekt hatte”, sagt die Monarchie-Expertin Whitelock. Trump habe seine Aussage und die Kritik an der Rolle der britischen Armee zurückgezogen.
Beziehungen im Dauertief
Trumps Iran-Krieg stürzte die Beziehungen ins Dauertief: Starmer zögerte, sich zu beteiligen. In der Folge machte sich der US-Präsident mehrfach über Starmer und den Zustand der britischen Armee lustig. Trump äffte in einer Rede auf einem Oster-Lunch sogar dessen Tonfall nach. “Ich sagte: Du hast zwei alte, kaputte Flugzeugträger. Könntest du sie rüberschicken? Er sagte: Da muss ich mein Team fragen. Ich sagte: Du bist doch der Premier. – Nein, ich muss mein Team fragen.”
Kann Trumps Faszination für die britische Monarchie, die auch schon seine schottischstämmige Mutter gefühlt habe, die politische Lage ein wenig glätten? Zähmt der König Trump – zumindest für den Moment?
Auch wenn eine Absage keine Option war für die Briten: Die Nervosität bei Regierung und Palast ist jetzt hoch. “Sie werden dem Weißen Haus klargemacht haben, dass so etwas wie eine Pressekonferenz undenkbar ist”, glaubt der Journalist Rawnsley. “Das kann man mit Präsidenten und Premiers machen, aber nicht mit dem König von Großbritannien. Es wäre ein Problem, wenn Trump neben Charles steht und den britischen Premier beschimpft.”
Ein Thema wird wohl ausgespart
Und dann ist da noch der große Schatten des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein und dessen enge Verbindung zu Charles’ Bruder Andrew, dem der König mittlerweile alle Titel entzogen hat. Epstein-Opfer Virginia Giuffre, die sich mittlerweile das Leben genommen hat, hatte mehrfach ausgesagt, sie sei zum Sex mit Andrew gezwungen worden – das erste Mal bereits mit 17.
Schon jetzt steht fest: Der König wird sich – entgegen mancher Forderungen – nicht mit Epstein-Opfern treffen. Der Palast hofft, dass das Thema “Epstein und Andrew” während des Besuchs nicht die Schlagzeilen bestimmt. Bei dieser Reise zu Donald Trump steht viel auf dem Spiel.
Quelle:
www.tagesschau.de




