Jean-Charles Sabattier ist ein Kulturbotschafter der besonderen Art. Jeden Samstag kommentiert er für den Pay-TV Sender “beIN sports” im französischen Fernsehen die Bundesliga. Man nennt ihn den “roi de la frisson” – den König der Gänsehaut, und er ist überzeugt: So gut wie in deutschen Stadien ist die Stimmung nirgends!
Im Februar kann es im Dortmunder Westfalenstadion schon mal ungemütlich werden, besonders wenn ein kalter Wind über die Tribüne fegt und vom grauen Himmel leichter Nieselregen fällt. Aber Jean Charles Sabattier ist in Hochstimmung. Denn in wenigen Minuten wird hier das Top-Spiel Borussia Dortmund gegen den FC Bayern München angepfiffen. Vom Kommentatorenplatz aus wandert sein Blick aufs Spielfeld.
Er rückt das Headset auf seinem glatt rasierten Kopf zurecht und meldet sich das erste Mal live on air bei den französischen Zuschauern mit einem kleinen Begrüßungssatz auf Deutsch: “Willkommen liebe Fußballfreunde!”, ruft er mit seinem charmanten französischem Akzent. Das kennen seine Fans in Frankreich schon, denn Sabattier flicht immer wieder deutsche Fußballsprache in seine rasanten französischen Kommentare.
Der französische Kommentator Jean-Charles Sabattier
Wieder off air, setzt er das Headset ab und blickt gebannt auf “la Gelbe Wand”, lauscht dem Triumphmarsch beim Warm-up der Spieler, reißt die Arme hoch und dirigiert aus der Ferne den Fan-Block.
Zwischen TeBe und Traktor Schwerin
Der 59-jährige Franzose kommentiert seit 2015 im Bezahl-Sender “beIN sports” die Bundesliga. Die Leidenschaft für den deutschen Fußball wurde ihm quasi in die Wiege gelegt, erzählt er vor dem Spiel bei einem kühlen Bier in der Klubkneipe “Rote Erde”.
“Ich bin am 1. April 1967 in Berlin gelandet, kein Witz.” Seine Eltern waren aus beruflichen Gründen nach Deutschland gezogen, den Säugling Jean-Charles im Gepäck. Er wuchs in Westberlin auf, entdeckte seine Leidenschaft für den Fußball und wurde Fan des heutigen Oberligisten Tennis Borussia Berlin.
Aber als Schüler in Westberlin verfolgte Jean-Charles nicht nur die West-Vereine, sondern auch die DDR Oberliga. “Traktor Schwerin gegen BFC Dynamo – das war irre für mich, so ein Spiel zu sehen!”
Tiefes Fußballwissen
Wenn Sabattier kommentiert, schöpft er aus einem schier unendlichen Erfahrungsschatz, kennt die deutschen Vereine und Spieler in- und auswendig; die deutsche Fankultur – die schönen und die üblen Seiten, die er schon in den 80ern erlebt hat.
Zum Beispiel, als er mit seinem Vater 1989 in Ostberlin das Europapokalspiel BFC Dynamo gegen AS Monaco verfolgte. AS Monaco zog beim 1:1 dank des Auswärtstors ins Viertelfinale ein, danach stürmten die Dynamo-Hooligans auf die französischen Fans zu und warfen mit Steinen. “Kurz darauf ist die Mauer gefallen”, erinnert sich Sabattier, der Berlin Anfang der 1990er Jahre verließ und nach Paris zog. Seine Leidenschaft für den deutschen Fußball nahm er mit.
Der zwölfte Mann
In der “Roten Erde” lässt Sabattier einen liebevollen Blick durch den Schankraum schweifen, in dem einige Kameramänner kurz vor Spielbeginn noch schnell ein paar Mettbrötchen und Käsestullen verschlingen. Die deutsche Fankultur sei – gerade im Vergleich zu Frankreich – einfach besonders, erklärt er.
Der Erhalt der “50+1-Regel”, die den Einfluss der Investoren begrenzt; der organisierte Protest gegen die Montagsspiele – diese Macht der Fans halte die Bundesliga mit knapp 40.000 Zuschauen pro Spiel lebendig und die Stimmung einzigartig.
Sabattier wurde 2006 zum Deutschland-Erklärer
Im WM-Sommer 2006 wurde Sabattier für die Franzosen endgültig zum Deutschland-Erklärer, eine Art Kulturbotschafter des Fußballs. Er reiste als Reporter nach Berlin und kommentierte für den 24-Stundensender “itélé” in seiner alten Heimat spontan drei Stunden lang den Triumphzug der deutschen Mannschaft nach ihrem 3. Platz: “Ich kannte ja alle Straßen, ich kannte alles!” Heute sei er für viele Menschen in Frankreich einfach der Deutsch-Franzose, den seine Landsleute auch dann löchern, wenn es jenseits des Rasens Erklärungsbedarf gibt: Politik zum Beispiel.
Kulturgut Bundesliga in Frankreich
Ein Blick auf die Uhr, ein letzter Schluck Bier, und dann geht es raus aus der Kneipe ins Stadion. Dort trifft Sabbattier seinen Co-Kommentator, Patrick Guillou, mit dem er schon seit über 20 Jahren zusammenarbeitet. Guillou ist umringt von einer kleinen Gruppe französischer BVB-Fans. Sie sind von weit her angereist. Alle in Schwarz-Gelb, alle Fans von Jean-Charles Sabattier und Patrick Guillou.
Die Liebe der beiden Kommentatoren zur deutschen Bundesliga habe auch ihre Liebe entfacht, erklären sie mit heiligem Ernst. Und Kilian aus Arcachon fügt an: “Die beiden sind einfach Teil des Kulturguts Bundesliga in Frankreich. Durch sie springt der Funke für die Bundesliga über.”
Im Stadion ertönt jetzt die Hymne der Gastgeber und dann der Anpfiff. Sabattier legt los, würzt seinen leidenschaftlichen französischen Live-Bericht für die Zuschauer zu Hause mit deutschem Fachvokabular, vermisst bei Kimmich zunächst “la sogenannte Rakete”, springt fast aus dem Sitz, als Schlotterbeck Dortmund in Führung schießt, feiert frenetisch Kanes 30. Saisontor, und brüllt beim vorübergehenden Ausgleich in sein Headset: “La Gelbe Wand, qui explose!” Die Gelbe Wand rastet aus. Hier sei, so verkündet er es seinen französischen Zuschauern auf Deutsch “Gänsehaut pur”. Bundesliga, mon amour!
Quelle:
www.sportschau.de




