DOMRADIO.DE: Was genau macht denn der Nuntius hier in Deutschland?
Ulrich Nersinger (Journalist und Vatikan-Experte): Der Nuntius, eine lateinische Bezeichnung, ist der Botschafter des Papstes in Deutschland. Der Nuntius hat im Gegensatz zu den “normalen” Botschaftern eine doppelte Aufgabe: Er vertritt den Papst, den Heiligen Stuhl, gegenüber der Regierung eines Landes, somit bei uns der Bundesregierung. Aber er vertritt auch den Papst bei der Landeskirche, hier also der katholischen Kirche in Deutschland.
DOMRADIO.DE: Wie müssen wir uns das vorstellen, lebt er wie andere Diplomaten in einer schönen, großen Villa in Berlin?
Nersinger: Er muss aus ganz bestimmten Gründen in Berlin leben. Zunächst, da es der Sitz der Regierung ist. Zudem ist er in der Regel nach diplomatischen Gepflogenheiten der Doyen des diplomatischen Corps. Das heißt, er steht dem diplomatischem Corps, also allen Botschaftern, vor; er ist sozusagen ihr “Ehrenoberhaupt”.
Bei bestimmten Empfängen vertritt er dann das Corps und spricht in seinem Namen. Das ist eine besondere Pflicht des Doyens. Er muss natürlich dort wohnen, wo die Regierung des Landes zu Hause ist.
DOMRADIO.DE: Schauen wir einmal zurück: War das Verhältnis zwischen Nuntius und den Bischöfen in Deutschland immer harmonisch?
Nersinger: O nein. Wenn wir zurückschauen, haben wir immer wieder auch Konflikte. Ein berühmter Konflikt begegnet uns im Jahre 1973. Damals erschien der Bischof von Limburg, Wilhelm Kempf, dem Nuntius als nicht besonders glaubenstreu. Er glaubte, gewisse, schwere Defizite zu sehen. Der damalige Apostolische Nuntius, Corrado Bafile, schrieb einen vertraulichen Brief nach Rom ans Staatssekretariat und empfahl die Absetzung des Bischofs von Limburg.
Dieser Brief geriet dann aber durch Indiskretionen in Rom an die Öffentlichkeit und es kam zu einem doch sehr, sehr heftigen Konflikt zwischen dem Bistum Limburg, aber auch der Bischofskonferenz mit dem Nuntius.
DOMRADIO.DE: Der niederländische Erzbischof Hubertus van Megen wurde nun zum neuen Nuntius für Deutschland ernannt. Was weiß man über diesen Mann?
Nersinger: Man weiß, dass er ein sehr erfahrener Diplomat ist. Er war in Krisengebieten tätig, unter anderem im Sudan und in Eritrea, in Situationen, die nicht so ganz einfach zu handhaben waren. Dort hat er sich bewährt. Dann war er auch als Vertreter des Heiligen Stuhls bei einer Organisation der Vereinten Nationen, die sich vor allem mit der Umwelt beschäftigte, tätig. Also auch ein sehr aktuelles Thema. Ich denke, das zeigt, dass dieser Mann im “Hier und Heute” angesiedelt ist und damit umzugehen weiß.
DOMRADIO.DE: Er ist Jahrgang 1961. Heißt das, Deutschland könnte sozusagen eine nette, ruhige Station am Ende seiner Amtszeit werden?
Nersinger: Da muss ich ein wenig schmunzeln. Deutschland als eine nette, ruhige Station zu bezeichnen, würde ich nicht einmal andeutungsweise wagen. Gerade jetzt ist doch die katholische Kirche in Deutschland in einer, ich will nicht sagen Auseinandersetzung mit Rom, aber es gibt doch sehr viele Probleme, die die deutsche Kirche, die Bischofskonferenz oder auch einzelne Bischöfe mit dem Heiligen Stuhl haben. Da denke ich, dass Deutschland kein ruhiges Pflaster ist, sondern ein Land, das einen Einsatz fordert. Da wird der Nuntius auch agieren müssen.
DOMRADIO.DE: Wann genau er seine Aufgabe offiziell antreten wird, das ist noch nicht bekannt gegeben worden. Aber wie läuft dann so eine Zeremonie ab, wenn es so weit ist?
Nersinger: Die wichtigste Zeremonie wird wohl sein, wenn er dem Bundespräsidenten sein Akkreditierungsschreiben überreicht, also das Schreiben, das ihn zum Botschafter in Deutschland ernannt hat. Das ist eigentlich immer – auch bei den Botschaftern anderer Staaten – der wichtigste Akt, mit dem man offiziell seine Tätigkeit als Botschafter antritt.
Das Interview führte Carsten Döpp.
Quelle:
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