Politisch kontrovers und persönlich berührend hat sich am Sonntag die Gedenkveranstaltung zum 81. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar gestaltet.
Der Comedian Hape Kerkeling erinnerte an das Schicksal seines Großvater, der hier als politischer Häftling inhaftiert war. In seiner Rede auf dem ehemaligen Appellplatz hob er die Bedeutung der Erinnerung an die NS-Verbrechen und ihre Opfer für die Gegenwart hervor: “Ein Schlussstrich unter die Erinnerung wäre der Schlussstrich unter unsere Demokratie.”
Die Rede von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) wurde indes von lautstarken Protesten begleitet. Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner kritisierte das als schäbig und undemokratisch. Zuvor hatte er eine zunehmende politische Instrumentalisierung des Gedenkens beklagt, zulasten der letzten überlebenden KZ-Häftlinge. An der Gedenkfeier im Appellhof nahmen zwei hochbetagte Überlebende teil. Drei weitere konnten aufgrund des Kriegs in Nahost kurzfristig nicht aus Israel ausreisen.
Nachlassendes Bewusstsein weit verbreitet
Wagner kritisierte, auch in der Mitte der Gesellschaft lasse das Bewusstsein dafür nach, welche Bedeutung die kritische Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen für die demokratische Selbstverständigung habe. Hemmungslos werde auch aus demokratischen Parteien etwa gegen Zugewanderte gehetzt.
“Wir erleben einen Kulturkampf gegen den Geist der Aufklärung und ein erinnerungskulturelles Rollback, ganz im Sinne neurechter Metapolitik”, so Wagner.
Auch Kerkeling mahnte: “Wer die Erinnerung an die Opfer als Belastung empfindet, vergisst, dass diese Erinnerung das einzige ist, was uns vor einer Zukunft als Täter schützt.” Er sei zutiefst alarmiert über die politische Entwicklung im Land: “Wenn heute wieder Kräfte erstarken, die unsere Erinnerungskultur diffamieren, dann ist das ein Schlag ins Gesicht aller Opfer und ihrer Nachfahren.”
Buchenwald sei eine steingewordene Warnung: “Wer heute wegschaut oder jenen applaudiert, die die Geschichte umschreiben wollen, macht sich mitschuldig.”
Proteste gegen Weimer
Kulturstaatsminister Weimer sagte, es dürfe niemals ein Vergessen geben, politische Debatten dürften das Gedenken nicht überschatten. Während seiner Rede sangen Protestierende das Buchenwald-Lied. Im Vorfeld der Gedenkveranstaltung hatte es mehrere Kontroversen gegeben.
Neben Diskussionen um eine propalästinensische Demo und das Tragen der Kufiya, dem “Palästinensertuch”, auf dem Gelände, gab es auch Proteste gegen den Auftritt von Weimer, unter anderem von zwei Buchenwald-Verbänden.
Nach den Reden auf dem Appellplatz folgte das traditionelle Gedenken für die ermordeten Sinti und Roma sowie das jüdische Totengebet am jüdischen Mahnmal. Anschließend gab es ein interreligiöses Gedenken im ehemaligen kleinen Lager mit dem katholischen Bischof Ulrich Neymeyr und dem evangelischen Landesbischof Friedrich Kramer sowie Vertretern der jüdischen Landesgemeinde.
56.000 ermordete Menschen
In das KZ Buchenwald und seine Außenlager hatten die Nationalsozialisten zwischen 1937 und 1945 knapp 280.000 Menschen verschleppt, darunter Zehntausende Jüdinnen und Juden. Der Gedenkstätte zufolge wurden hier 56.000 Menschen ermordet oder starben an Hunger, Krankheiten, durch Zwangsarbeit oder medizinische Experimente. US-Truppen befreiten die verbliebenen 21.000 KZ-Häftlinge am 11. April 1945.
Seit 1945 nutzte die sowjetische Armee das Gelände in Buchenwald für eines ihrer “Speziallager”. Nach 1950 baute die DDR hier die größte deutsche KZ-Gedenkstätte auf. 1990 wurde Buchenwald als Gedenkstätte neu konzipiert und für die Erinnerung an das Schicksal weiterer Opfergruppen geöffnet.
Quelle:
www.domradio.de



