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UmweltIran-Krieg: Chronisch Kranke kämpfen ums Überleben

Iran-Krieg: Chronisch Kranke kämpfen ums Überleben

Hinter den Frontlinien jedes Krieges gibt es eine Gruppe von Betroffenen, deren Leiden oft übersehen wird: Menschen, deren Überleben von regelmäßigen Medikamenten, Arztbesuchen oder lebenswichtigen Therapien abhängt. Für sie bedeutet Krieg nicht nur Explosionen und Zerstörung, sondern auch den abrupten Stillstand ihrer Behandlung.

Fatemeh S. ist eine von ihnen. Sie hat Krebs. „Ich brauche dringend eine Operation”, sagt sie im Gespräch mit der DW. Ihr Zustand sei kritisch, doch ein Termin könne erst im April, nach dem Neujahrsfest Nowruz, vergeben werden. Ihr Spezialist sei derzeit nicht erreichbar.

Die Zahl der Patienten wie Fatemeh, die nun unter enormem psychischen Druck stehen, ist schwer zu beziffern. Krebspatientinnen und -patienten, die ihre Chemotherapie ohne Unterbrechung benötigen; Menschen mit Multipler Sklerose, die auf spezielle Medikamente angewiesen sind; Diabetikerinnen und Diabetiker, die ohne Insulin akut gefährdet sind.

Auch Betroffene von Thalassämie, die auf regelmäßige Bluttransfusionen angewiesen sind, oder Menschen mit Hämophilie, für die selbst kleine Verletzungen lebensbedrohlich sein können, zählen zu den besonders gefährdeten Gruppen.

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Seit Beginn des Krieges mehren sich Berichte aus dem Iran über Privatkliniken und medizinische Zentren, die geschlossen werden. Einige Ärzte haben Städte verlassen, die von anhaltenden Angriffen betroffen sind.

Die schweren Folgen des Kommunikationsausfalls 

Krankenhäuser seien unterbesetzt, geplante Operationen würden verschoben, und lebenswichtige Leistungen wie Impfungen oder die Behandlung chronischer Krankheiten würden unterbrochen, bestätigen zwei Ärzte und Menschenrechtsaktivisten, Dr. Hassan Naib Hashem und Dr. Hamid Hematpour, im Gespräch mit der DW.

Beide iranischstämmigen Ärzte leben in Österreich, stehen aber mit einem großen Netzwerk von medizinischem Personal im Land im Austausch. Sie warnen vor einer Eskalation der Krise, die den Zusammenbruch des Gesundheitssystems nach sich ziehen könnte.

“Einige Fachärzte in Teheran müssen momentan 200 bis 300 Patientinnen und Patienten versorgen, das ist ein Vielfaches der normalerweise vertretbaren Kapazität”, sagt der Radiologe Hamid Hematpour.

Er berichtet von Stromausfällen nach Angriffen, die Krankenhäuser lahmlegen, aber auch von Kommunikationsausfällen, die die Arbeit der Ärzte zusätzlich erschweren: “Wenn Internet- und Telefonverbindungen instabil sind, wird die medizinische Koordinierung nahezu unmöglich.”

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Seit dem Ausbruch des Krieges haben die Behörden im Iran das Internet erneut abgeschaltet. Viele Ärztinnen und Ärzte, die aus Sicherheitsgründen vorübergehend in den Norden des Landes, etwa nach Gilan oder Masandaran am Kaspischen Meer ausgewichen sind, hätten dadurch nicht einmal sicheren Zugang zu Informationen über Kolleginnen und Kollegen. Telemedizinische Beratung sei nahezu vollständig zum Erliegen gekommen.

Unter diesen Umständen haben viele chronisch Kranke keinen Zugang mehr zu ihren Ärzten oder zu dringend benötigten Medikamenten.

Angst vor weiteren Engpässen und Medikamentenmangel

Patienten, die dauerhaft Medikamente einnehmen müssen, sind zunehmend besorgt. Manche Medikamente müssen bei bestimmten Temperaturen gelagert werden, und Stromausfälle können zu ihrem Verderben führen. Gleichzeitig erschweren Störungen im Medikamentenverteilungssystem und Importprobleme es Familien zunehmend, lebenswichtige Medikamente zu erhalten.

Trotz wiederholter Beteuerungen des iranischen Gesundheitsministeriums, über ausreichende “strategische Vorräte” zu verfügen, zeigt die Realität für viele Familien ein völlig anderes Bild: Entweder existieren diese Reserven nicht oder sie können nicht verteilt werden.

Für Menschen mit Hämophilie oder seltenen genetischen Erkrankungen ist dies laut Hematpour lebensbedrohlich. Viele ihrer Medikamente sind ohnehin nicht frei im Handel erhältlich. Sollten Engpässe länger als wenige Wochen anhalten, drohe diesen Patientengruppen eine irreversible Gesundheitskrise.

Hematpour warnt außerdem, dass die rapide steigende Zahl von Kriegsverletzten das Gesundheitssystem schnell überfordern könne. In einigen Regionen, darunter die westlichen Provinzen Ilam und Kermanschah, sei es bereits zu Engpässen selbst bei Basisarzneimitteln und Antibiotika gekommen.

“Im Krieg wird zuerst das Fundament aller Rechte erschüttert: das Recht auf Leben. Wenn dieses zentrale Recht in Gefahr gerät, folgen weitere Verletzungen fast zwangsläufig, etwa das Recht auf Gesundheit und medizinische Versorgung”, sagt der in Wien lebende Arzt und Menschenrechtsaktivist Hassan Nayeb-Hashem.

Er verweist darauf, dass die humanitären Folgen weit über die Zahl der Toten hinausgehen: “Erfahrungen aus früheren Konflikten zeigen, dass die Zahl der Verletzten meist drei- bis sechsmal höher ist als die der Getöteten, viele davon mit lebenslangen Behinderungen.”

Laut Weltgesundheitsorganisation sind seit Beginn des Kriegs mindestens 1.255 Menschen im Iran getötet und mehr als 15.000 verletzt worden. Gleichzeitig wurden seit Beginn der Angriffe 13 getötete medizinische Fachkräfte gemeldet, und mehrere Gesundheitseinrichtungen wurden beschädigt oder zerstört.


Quelle:

www.dw.com