Vor ziemlich genau fünf Jahren verkündete Portugals damaliger Ministerpräsident António Costa von der sozialistischen Partei dem kleinen Städtchen Sines an der Atlantikküste eine goldene, weil grüne Wasserstoff-Zukunft.
Mit billigem Solarstrom solle nachhaltiger Wasserstoff in so rauen Mengen produziert werden, dass er nicht nur von der einheimischen Industrie verwendet, sondern auch nach Europa exportiert werden könne, per Schiff, durch eine Pipeline und von verschiedenen internationalen Konsortien.
Das Projekt wurde “Grüner Flamingo” getauft, sollte rund 3,5 Milliarden Euro kosten und etwa 5000 Arbeitsplätze schaffen. Doch der grüne Flamingo ist tot. Die damalige Regierung ist 2024 über Korruptionsverdacht gestürzt – auch in Zusammenhang mit dem Wasserstoff-Projekt. Und António Costa ist inzwischen Präsident des Europäischen Rates in Brüssel.
Trotzdem soll in Sines noch grüner Wasserstoff produziert werden. Aber von Export ist nicht mehr die Rede. Die jetzige rechtsliberale Regierung unter Ministerpräsident Luís Montenegro setzt vor allem auf den Binnenkonsum.
“Die Exportpläne von damals waren wohl etwas zu ambitioniert”, formuliert es diplomatisch Filipe de Vasconcelos Fernandes, Fachmann für Energiewirtschaft und Mitglied der Direktion des portugiesischen Wasserstoff-Verbandes AP2H2.
Es gebe genug Industrien in Portugal, die auf den grünen Wasserstoff warteten, etwa Zementwerke oder Düngemittelhersteller, die viel Energie verbrauchen und noch große Umweltverschmutzer sind. Sines bleibe also das, was die EU als ein “Hydrogen Valley” definiert, Portugals größtes Zentrum zur Produktion von grünem Wasserstoff.
Projekt geschrumpft
Allerdings ein paar Nummern kleiner als anfangs angekündigt. Eines der Konsortien gab bekannt, seine geplante Kapazität von 90 auf zehn Megawatt zu reduzieren, was einer Produktion von rund 1000 Tonnen Wasserstoff im Jahr entspricht. Insgesamt werden statt 162 Millionen Euro nur noch 42 Millionen investiert.
Auch bei anderen Teilprojekten wurde die Größenordnung zurückgefahren oder es sprangen Partnerfirmen ab. Einige wurden ganz eingestellt. Und vor allem haben sich die meisten Wasserstoffprojekte stark verspätet. Einige wollten längst produzieren, doch was derzeit funktioniert, sind Forschungs- und Testanlagen.
“Bis jetzt wird noch kein Wasserstoff in industrieller Größenordnung produziert”, erklärt Diogo Santos, Fachmann für Elektrochemie und Professor an der Lissabonner Universität Instituto Superior Técnico. “Es dürfte auch noch zehn Jahre dauern, bis es soweit ist”, sagt er. “Wir erleben gerade erst die Anfänge.”
Trotzdem sei wichtig und gut, was in Sines geschehe: “Dort soll nun vor allem Ammoniak produziert werden, mit grünem Wasserstoff statt des bis jetzt verwendeten grauen, der aus Erdgas hergestellt wird”, so Santos. Dieser Rohstoff diene zur Düngerherstellung und solle dann auch in andere EU-Länder exportiert werden.
“Ammoniak ist viel leichter zu transportieren als Wasserstoff”, erläutert Santos. Insbesondere, weil Sines über Portugals wichtigsten Tiefseehafen verfügt. Von dort können auch die größten Transportschiffe zu den wichtigen europäischen Häfen wie Rotterdam oder Hamburg fahren.
Grünen Wasserstoff lokal nutzen
Hinzu kommt die Produktion von Ammoniak als Brennstoff. Damit könnten in Zukunft Lastwagen, Schiffe oder Flugzeuge angetrieben werden, sagt João Peças Lopes, Energiefachmann von der Universität Porto.
In Sines soll die Produktion in einer Raffinerie des portugiesischen Energiekonzerns Galp geschehen. Der verkündete, im zweiten Halbjahr 2026 eine Wasserstoff-Katalyse-Anlage mit 100 Megawatt in Betrieb nehmen zu wollen und so rund 20 Prozent des bis jetzt verwendeten grauen Wasserstoffs zu ersetzen.
“Das dient der Entkarbonisierung Europas”, freut sich Peças Lopes, der an seinem Institut zu der Technologie forscht und eine weitere Anlage plant.
Es geht also weiter mit dem Wasserstoff in Sines, wenn auch nicht mehr in so großem Stil wie vor fünf Jahren angekündigt. “Ich schließe nicht aus, dass Sines einmal grünen Wasserstoff exportieren wird”, sagt der Energiewirtschaftler Vasconcelos Fernandes. “Aber nicht in naher oder mittlerer Zukunft”.
Das liegt nicht nur daran, dass die Regierung jetzt andere Schwerpunkte setzt als ihre Vorgängerin. Für den Export müsste auch eine Pipeline durch das Mittelmeer von Spanien nach Frankreich gebaut werden. Die ist inzwischen immerhin offiziell geplant, aber weiterhin umstritten.
“Wasserstoff über weite Strecken zu transportieren ist Unsinn”, meint Acácio Pires von der portugiesischen Umweltschutzorganisation Zero. “Vielmehr sollte grüner Wasserstoff dort eingesetzt werden, wo er produziert wird.” Das sei wirtschaftlicher, als ihn womöglich zum Heizen in weit entfernten Ländern zu verwenden.
“Kurze Transportwege für Energie sind wichtig. Sines, so wie es jetzt geplant ist, macht endlich auch umweltpolitisch Sinn”, so Pires. Europa muss sich dann eben mit grün produziertem Ammoniak zufriedengeben.
Quelle:
www.dw.com



