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GesundheitLibanon: Flucht vor Bomben in Beirut

Libanon: Flucht vor Bomben in Beirut

Zwischen improvisierten Zelten, Matratzen und eng nebeneinanderstehenden Familien versucht Fatme A., ihren Alltag neu zu ordnen. Die Unterkunft im Azariah-Gebäude, mitten im Zentrum von Libanons Hauptstadt Beirut, ist zu einem Zufluchtsort für Hunderte geworden. Etwa 250 Familien leben hier, viele in provisorischen Zelten. Es gibt Wasser, eine Gemeinschaftsküche, ein paar Hilfsgüter – doch es fehlt an Platz, an Ruhe, an Privatsphäre.

Fatme A. sitzt meist in ihrem Zelt. Der Weg zum Bad ist ihr unangenehm. “Man muss sich anstellen, alle schauen einen an”, sagt sie. “Ich schäme mich schnell.” Also bleibt sie so oft es geht drinnen, zwischen Taschen, Decken und den wenigen Dingen, die sie bei der Flucht mitnehmen konnte.

(K)ein Alltag mitten in der Stadt

Sie, ihr Ehemann, ihre siebenjährige Tochter und ihre Mutter leben gemeinsam in der Unterkunft. Zu viert teilen sie sich diesen engen Raum. Ihr Mann hilft anderen in der Unterkunft, repariert, baut, organisiert. “Weil er geholfen hat, haben wir zwei Zelte bekommen”, sagt sie.

Ein Blick in die Zelte der Familie A.
Familie A. hat zwei Zelte in der Unterkunft im Herzen von BeirutBild: privat

Tagsüber versuchen sie, so etwas wie Alltag herzustellen. Doch abens wird das schwer. “Die Explosionen sind so laut”, sagt sie. “Einige hier schlafen in ihrer Kleidung und haben Angst.”

Der Krieg, den die USA und Israel gegen den Iran begonnen haben, hat Beirut längst erreicht – nicht nur die bekannten Konfliktzonen, sondern immer mehr Teile der Stadt. Israel hat seine Angriffe ausgeweitet, trifft inzwischen auch Orte außerhalb der klassischen Gebiete, in der die Hisbollah vertreten ist, teils ohne Vorwarnung. Auch zentrale Viertel sind betroffen.

Die Hisbollah wird von den USA, Deutschland und mehreren sunnitischen arabischen Staaten als Terrororganisation eingestuft. Sie wird vom Iran unterstützt. Die EU listet den bewaffneten Flügel der Hisbollah als Terrorgruppe.

Besetzung libanesischen Gebiets im Süden des Landes

Gleichzeitig hat Israels Verteidigungsminister Israel Katz angekündigt, das besetzte Gebiet im Süden des Libanon bis zum Litani-Fluss auszudehnen, rund 30 Kilometer von der Grenze entfernt. Häuser in Grenzdörfern sollen zerstört werden.

Der libanesische Verteidigungsminister Michel Menassa erklärte, Katz’ Äußerungen zeigten “eine klare Absicht, eine neue Besatzung libanesischen Territoriums durchzusetzen”. In einer gemeinsamen Erklärung mehrerer europäischer Außenminister sowie des Hohen Vertreters der Europäischen Union hieß es:”Wir bekräftigen nachdrücklich, dass die territoriale Integrität des Libanon respektiert werden muss.”

Doch den Menschen vor Ort bringen diese Mahnungen vorerst keine Sicherheit. Für sie zählt vor allem eines: Es gibt keinen verlässlichen sicheren Ort mehr.

So sieht das auch Fatme A. “Wir sind geflohen, aber wir wissen, dass keine Gegend wirklich noch sicher ist, aber mehr können wir nicht tun”, sagt sie.

Leben im Süden von Beirut

Noch vor wenigen Wochen lebte ihre Familie in Ouzai, im Süden Beiruts. Ein dicht bebautes, durchmischtes Viertel, das zur sogenannten Dahiyeh gehört.

Die Dahiyeh – das Wort bedeutet schlicht “Vorort” – ist ein Gebiet, das fast so groß ist wie das zentrale Beirut. Es ist in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen, durch Migration und Vertreibung. Viele Menschen zogen hierher, weil sie sich das Leben in anderen Teilen der Stadt nicht leisten konnten. Andere wurden durch Kriege, politische Krisen oder fehlende staatliche Unterstützung dorthin gedrängt.

Für einige Außenstehende und auch westliche Staaten gilt die Dahiyeh als Hochburg der Hisbollah, als politischer und militärischer Raum. Für die Menschen, die dort leben, ist sie vor allem eines: ein Zuhause. Auch für Fatme A.

“Wir hatten ein normales Familienleben”, sagt sie. “Meine Tochter ging in die Schule, mein Mann arbeitet als Schreiner. Ich habe den Haushalt geschmissen: Es ging uns gut”, sagt sie. Sie fühlten sich sicher, hatten Stabilität.

Die libanesische Hisbollah hat sich Anfang März mit Drohnen und Raketen in den Krieg eingeschaltet und Israel angegriffen – nachdem die USA und Israel den Iran angegriffen und den geistlichen Führer Ajatollah Ali Chamenei getötet haben. Seither eskaliert die Gewalt auch im Libanon.

Flucht im Auto in die Unterkunft

In der ersten Nacht der kriegerischen Auseinandersetzungen flüchtete die Familie in ihr Auto und übernachtete darin. Danach kehrten sie noch einmal in die Wohnung zurück, blieben zwei Nächte. Doch die Drohungen für ihre Gegend nahmen zu. “Wir hatten einfach Angst”, sagt Fatme A. Die Entscheidung zu gehen, trafen sie vor allem wegen ihrer Tochter.

“Ich habe fünf Jahre darauf gewartet, schwanger zu werden”, sagt Fatme A. Sie habe Angst, sie zu verlieren. “Und meine Tochter leidet bis heute unter den Nachwirkungen des Krieges 2024. Sie hat oft Angst, traut sich nirgends alleine hin. Bei jedem Geräusch hält sie sich die Ohren zu.”

Fatme und ihre Familie sitzen auf Decken und Matratzen und essen
Fatme A. (rechts) ist mit ihrer Familie Anfang März aus dem Süden Beiruts geflohen Bild: privat

Denn auch nach dem offiziellen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah im November 2024 blieb die Gewalt weiterhin spürbar. Immer wieder gab es israelische Angriffe, Explosionen, neue Unsicherheit. Laut der UN-Friedenstruppe im Libanon, UNIFIL, und der libanesischen Regierung kam es seither zu mehr als 15.400 Verstößen gegen den Waffenstillstand durch israelische Streitkräfte.Dabei wurden mehr als 370 Menschen getötet. Infrastruktur wurde zerstört, eine Rückkehr ist für viele unmöglich.

Noch im Februar 2026 sagte Jeremy Ristord von Ärzte ohne Grenzen, die anhaltenden israelischen Angriffe zerstörten nicht nur Häuser und Infrastruktur, sondern untergrüben auch die Grundlagen des täglichen Lebens und des Wiederaufbaus.

Für Fatmes Tochter bedeutete das: Die Explosionen und die Geräusche sind geblieben – und mit ihnen die Angst. Und für Familie A. war klar, sie müssen fliehen: Sie packten nur das Nötigste. Niemand wusste, wohin sie gehen würden. Sie fuhren einfach los.

Die Straßen waren verstopft. Schließlich erreichten sie die Innenstadt. Erst schliefen sie wieder im Auto. Dann fanden sie eine Unterkunft – im Azarieh-Gebäude, einst ein belebtes Geschäftszentrum im Herzen von Beirut. Heute ist es eine Unterkunft für Vertriebene.

“Ich vermisse mein zu Hause”, sagt Fatme A. “Mein Leben, meine Sachen, meine Routine: Vor einem Monat sah alles anders aus.” Jetzt ist alles verändert: Schlaf, Essen, Gewohnheiten. “Unser Leben steht Kopf.”

Angst vor den Bomben und den Drohnen 

Ihre Tochter weint oft, schreckt immer noch bei jedem Geräusch zusammen. Wenn sie schreit, rückt Fatme A. näher zu ihr. “Dann vergesse ich meine eigene Angst und beruhige meine Tochter.”

Die Lage spitzt sich derweil im krisengebeutelten Libanon weiter zu. Tom Fletcher, Nothilfekoordinator der Vereinten Nationen (UN), warnte, dass sich die Lage im Libanon dramatisch verschärft hat: In den vergangenen vier Wochen seien mehr als 1240 Menschen getötet und weitere 3500 verletzt worden, darunter Frauen, Kinder und Ersthelfer.

Zugleich seien über 1,1 Millionen Menschen vertrieben worden, darunter Hunderttausende Kinder: “Ein Kreislauf erzwungener Vertreibung ist im Gange”, sagte Feletcher. Familien würden immer wieder zur Flucht gezwungen. “Vertreibung ist keine Lösung, sondern ein schmerzhafter letzter Ausweg, eine vorübergehende Möglichkeit, Würde zu bewahren.”

Geflüchtete in Beirut: Nirgends kann man sich sicher fühlen

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Es gibt Momente, die Fatme A. nach vorne blicken lassen, etwa wenn sie die Kinder beim Spielen beobachtet. Wenn ihre Tochter spielt und ausgelassen ist, wenn sie lacht und für einen Augenblick unbeschwert ist, entsteht etwas wie Hoffnung. “Wenn ich sie spielen sehe, dann denke ich, dass alles wieder gut wird.”

Doch die Ernüchterung kommt schnell zurück, denn die israelischen Drohnen über Beirut, die Explosionen nah und fern, holen sie zurück auf den Boden der Tatsachen. Fatme A. schaut darauf, was geblieben ist: ihre Familie, zwei Zelte, ein provisorisches Leben.

“Wir sind nicht die erste und nicht die letzte Familie, die fliehen musste”, sagt sie. “Wir müssen das durchhalten.” Dann sagt sie den Satz, der ihr wichtig ist: “Ich will, dass die Menschen da draußen wissen, dass es uns gut ging, dass wir in Würde gelebt haben.”


Quelle:

www.dw.com