Die Lage in Mali ist “äußerst ernst”, aber “unter Kontrolle” – so stellte es jedenfalls der Chef der Militärregierung, Assimi Goïta, dar. In seiner ersten öffentlichen Stellungnahme seit den Geschehnissen vom Wochenende rief er die Bevölkerung zu Ruhe und Zusammenhalt auf. Im Staatssender ORTM1 warnte Goïta, die Angriffe auf den Sahelstaat seien Teil eines umfassenden Plans zur Destabilisierung Malis durch bewaffnete Terroristengruppen, mit Unterstützung aus dem In- und Ausland.
Am Wochenende gab es gleichzeitige Angriffe auf fünf malische Garnisonsstädte – Kati, Bamako, Sevare, Gao und Kidal. Die Verantwortung für die Anschläge übernahmen die mit Al-Qaida verbundenen Dschihadisten der “Gruppe zur Unterstützung des Islam und der Muslime” (JNIM), in Abstimmung mit der “Befreiungsfront von Azawad” (FLA), die sich hauptsächlich aus Unabhängigkeitsbewegungen von Tuareg-Rebellen zusammensetzt.
Die Ereignisse seien “beispiellos in der Geschichte Malis” und zeigten, “wie stark die JNIM im vergangenen Jahr geworden ist”, erklärt Nina Wilen, Direktorin des Afrika-Programms am Egmont-Institut für Internationale Beziehungen, gegenüber der DW. “Die Tatsache, dass der malische Militärgeheimdienst nicht in der Lage war, die bevorstehenden Angriffe zu erkennen, ist ein schwerwiegendes Versagen.”
Sadio Camara, Malis Verteidigungsminister, wurde am Samstag (25. April) bei einem Selbstmordanschlag der JNIM getötet. Nach Angaben der Regierung zündete der Attentäter ein mit Sprengstoff beladenes Auto vor Camaras Privatresidenz in Kati. Die Garnisonsstadt etwa 15 Kilometer vor den Toren der Hauptstadt Bamako ist das Zentrum der militärischen Macht und Sitz der Übergangsregierung. Ein Staatsbegräbnis für den Minister und eine zweitägige Staatstrauer wurden angekündigt.
Es gebe offenbar zwei Gründe, warum gerade Camara ins Visier genommen wurde, sagt Nina Wilen. Erstens: “Er ist eine sehr symbolträchtige Figur für die Militärjunta.” Der Verteidigungsminister galt als Nummer 2 im Staat und Stellvertreter von Junta-Chef Assimi Goïta. “Der zweite Grund ist, dass Camara die führende Rolle beim Aufbau der Beziehungen zu Russland gespielt hat. Ihn anzugreifen, kann also auch eine Art sein, zu sagen: Wir wollen die russischen Truppen hier nicht mehr haben.”
Tuareg-Rebellen erobern Kidal zurück
Kidal im Nordosten des Landes ist die Hochburg der FLA. Die Stadt ist – oder besser gesagt: war – aber auch ein Symbol für die wachsende Macht der malischen Armee, die Kidal 2023 mit Unterstützung der russischen Wagner-Gruppe von den Tuareg zurückerobert hatte. Diese Rückeroberung hatte die Junta als eine ihrer größten Errungenschaften ausgeschlachtet und sogar Jahrestage mit Paraden gefeiert.
Doch laut Djallil Lounnas, Dozent für Internationale Beziehungen an der marokkanischen Al-Akhawayn-Universität, hat sich das Blatt inzwischen gewendet: “Die malische Armee ist extrem schwach. In den letzten Jahren kontrollierte sie lediglich die städtischen Zentren. Aber ganze ländliche Gebiete waren außer Kontrolle. Daher war die malische Armee in Kidal isoliert”, erklärt er gegenüber der DW.
Am 27. April bestätigte das von Moskau kontrollierte Afrika-Korps, das als Nachfolger der Wagner-Gruppe gilt, dass sich seine Truppen nach schweren Kämpfen – und nach Rücksprache mit der malischen Führung – aus Kidal zurückgezogen hätten. Die Rebellen hatten zuvor verkündet, weite Teile der Region im Norden Malis eingenommen zu haben. Dass das Afrika-Korps nun Kidal aufgegeben hat, könnte den Ruf der Russen weiter ankratzen, die bereits im August 2024 eine herbe Niederlage gegen Tuareg-Kämpfer bei einem Hinterhalt in Nordmali einräumen mussten.
Laut Analyst Djallil Lounnas kämpfte das Afrika-Korps zwar in Kidal, Kati und Bamako – “wir sprechen hier jedoch nur von 600 bis 1.000 Kämpfern”, schränkt er ein. “Das ist sehr wenig. Ich glaube nicht, dass die Russen mehr tun können. Außerdem stecken sie in der Ukraine fest. In Iran haben sie sich kaum beteiligt, daher erwarte ich keine große russische Beteiligung in Mali.”
JNIM und FLA – Zusammenarbeit von Dschihadisten und Tuareg
“Bemerkenswerterweise gab es eine Zusammenarbeit zwischen Dschihadisten und Tuareg-Rebellen”, sagt Ulf Laessing, Leiter des Sahel-Programms der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Bamako, gegenüber der DW. Und ergänzt: “Sie haben zwar nichts gemeinsam – aber sie haben einen gemeinsamen Feind. Sie haben 2012 gemeinsam einen Angriff gestartet und den Norden Malis eingenommen. Später haben die Dschihadisten die Tuareg dann fallengelassen.”
Djallil Lounnas in Marokko ist von der erneuten Zusammenarbeit zwischen JNIM und der FLA weniger überrascht und sagt: “Es gibt sehr starke Verbindungen zwischen ihnen. Sie haben alle denselben stammesgeschichtlichen Hintergrund. Und sie haben gemeinsam gekämpft.”
Ulf Laessing glaubt jedoch nicht, dass die Rebellen ernsthaft beabsichtigen, größere Städte wie Bamako einzunehmen. Denn: “Sie haben nicht die Kapazitäten, eine große Stadt zu verwalten. Sie wollen einen Aufstand auslösen in der Hoffnung, die Regierung zu Verhandlungen zu zwingen oder sogar eine neue Regierung zu bekommen”, so Laessing. Eine, die ihnen gegenüber positiver eingestellt ist. “Aber es gibt keine Anzeichen dafür, dass dies geschieht. Die meisten Menschen sind unzufrieden mit der Lage in Mali, aber sie stehen weiterhin hinter der Regierung, weil sie nicht von Dschihadisten regiert werden wollen.”
Am Samstagabend verhängten die Behörden in Bamako eine nächtliche Ausgangssperre. Vor Polizeistationen, dem Generalstab der Streitkräfte und dem Gebäude des staatlichen Fernsehens sind Straßensperren errichtet worden. Ein Einwohner Katis, der anonym bleiben möchte, sagte: “Es ist extrem schwierig, Kati zu verlassen. Die Zufahrtsstraßen zu den Hauptstraßen sind für den Verkehr gesperrt.”
Eine geschwächte AES ist kaum handlungsfähig
Die Allianz der Sahelstaaten (AES), der Mali sowie seine ebenfalls von Militärjuntas regierten Nachbarländer Burkina Faso und Niger angehören, verurteilte die Angriffe am Samstag als “ein monströses Komplott, das von den Feinden der Befreiung des Sahel unterstützt wird”. Starke Worte – doch Mali hat bislang noch keine konkrete militärische Hilfe von seinen Verbündeten erhalten.
Diese Tatsache sei “ziemlich erstaunlich”, findet Analystin Nina Wilen. “Denn sie bezeichnen sich nicht nur als Verteidigungsbündnis, sondern auch als Konföderation”. Die Lage in Mali zeige, dass die AES “eher ein Bündnis auf dem Papier als in der Praxis” sei, erklärt sie gegenüber der DW.
Ulf Laessing von der KAS fügt hinzu: “Burkina Faso und Niger verfügen nicht wirklich über die Kapazitäten. Sie sind selbst damit beschäftigt, Dschihadisten abzuwehren. Sie könnten vielleicht ein wenig mit Drohnenangriffen helfen, aber ich glaube nicht, dass Burkina und Niger Truppen entsenden werden.”
In den malischen Städten Mopti und Sevare, wo sich einer der wichtigsten Militärstützpunkte des Landes befindet, sei am Sonntag wieder Ruhe eingekehrt, berichtet DW-Korrespondent Mahamadou Kane. Ein Bewohner Moptis, der anonym bleiben wollte, führte dies auf die eintreffende Luftunterstützung der malischen Armee zurück: “Sie konnten die Residenz des Gouverneurs und den Sicherheitsposten Baricondaga zurückerobern – zwei Orte, die am Samstag in die Hände der Terroristen gefallen waren.”
AU und UN reagieren auf Gewalt in Mali
Der Vorsitzende der Kommission der Afrikanischen Union (AU), Mahmoud Ali Youssouf, verurteilte die Angriffe, “die die Zivilbevölkerung einer erheblichen Gefahr aussetzen könnten”, aufs Schärfste. UN-Generalsekretär Antonio Guterres verurteilte den “gewalttätigen Extremismus” und forderte eine “koordinierte internationale Unterstützung”.
Auch Deutschland habe die Lage “mit Sorge zur Kenntnis genommen”, erklärte Kathrin Deschauer, Sprecherin des Auswärtigen Amts, gegenüber der DW. Deutsche Staatsbürger wurden aufgefordert, das Land nach Möglichkeit zu verlassen und vorerst von Reisen dorthin abzusehen.
Mitarbeit: Mahamadou Kane, Frejus Quenum
Quelle:
www.dw.com



