„Step on me, Mommy“, „I‘ll be a good boy, Mommy“, „Hurt me, Mommy.“ Einige der DMs, die mich auf Instagram in den letzten Monaten erreichten. Aber Moment mal – Mommy? Haben Sie oder ich etwas verpasst? Bin ich etwa heimlich Mutter geworden? Keineswegs. Doch entspreche ich, seitdem ich meine Leidenschaft zu schwerem Kraftsport wiederentdeckt haben, einem relativ neuen Idealtypus: Ich bin eine Muscle Mommy. Breites Kreuz, dicker Bizeps, dazu zahlreiche Tattoos und eine, so habe ich mir sagen lassen, dominante bis einschüchternde Aura, weil ich so böse gucken kann. Das wirkt natürlich nur so, denn eigentlich bin ich ein süßer, kleiner Keks. Interessant: Gerade dieser vermeintliche Einschüchterungs-Rizz schreckt (vor allem sehr junge) Männer nicht etwa ab – er zieht sie an. Verrückt.
Willkommen in der Welt der Muscle Mommys und ihrer düsteren Cousinen, den Goth (Muscle) Mommys. Die sind mindestens genau, wenn nicht sogar noch ein Stückchen populärer, da sie nicht nur stark und dominant, sondern außerdem kinky daherkommen.
Vom Alpha-Provider zum Good Boy
Es ist eine interessante Entwicklung, wenn Sie mich fragen. Vor gar nicht so langer Zeit dominierte ein klares Ideal in vielen Popkulturfantasien: der große, dominante Alpha-Mann und die feenhaft wirkende, feminine, und ja, mindestens semi-devote Frau an seiner Seite. Und plötzlich sind da diese Männer, die Frauen mit monströsen Traps und XXL-Quads in Kommentarspalten öffentlich um Unterwerfung anflehen, sie „Mommy“ nennen und um die Position des Goodest Boy alive wetteifern.
Wer steht auf Muscle Mommys? Rhea-Ripley-Fans!
Aber was macht denn nun den Reiz aus? Versuchen wir, das Ganze aufzudröseln. Laut meiner Recherche in den Untiefen von TikTok, Instagram und Reddit wäre da zunächst das Äußere. Das ist Geschmackssache, klar, doch für so manchen der perfekte Mix aus „Geil gestählter Body“ und „Gut im Futter“. Männer, die auf zarte Pilates-Prinzessinnen stehen, werden mich vermutlich nicht anziehend finden. Diejenigen aber, die für Frauen wie Wrestlerin Rhea Ripley schwärmen, sliden regelmäßig in meine DMs.
Der Hype um die Muscle Mommy hat außerdem viel mit kulturellen Veränderungen zu tun, glaube ich. Lange Zeit wurden muskulöse Frauen als Special Interest betrachtet. Heute symbolisieren Muskeln bei Frauen etwas sehr Modernes: Disziplin, Selbstbestimmung, Kontrolle über den eigenen Körper. Wer regelmäßig schwer liftet, hat Energie und Durchhaltevermögen investiert – Eigenschaften, die beeindruckend wirken, zeigen sie doch: Hier hat jemand sein Leben im Griff. Jemand, der im besten Fall so gefestigt ist, dass er in einer Beziehung der Fels in der Brandung sein wird. Der sich kümmert. Eine klassisch mütterliche Eigenschaft. Womit wir wieder beim Mommy-Gedanken wären.
Ist der Mommy-Part ein Fetisch?
Dabei muss es sich übrigens nicht zwangsweise um einen Mommy-Fetisch im Sinne des klassischen Age Play handeln. Kommentare wie „Spank me“, „Mommy“ oder „I’ll be a good boy“ werte ich eher als einen Mix aus Begeisterung und Selbstironie. Ganz sicherlich stellt es für so manchen auch einen ersten Schritt Richtung Fetisch und Role Play dar. Und warum sollte man das Spiel von Dominanz und Unterwerfung nicht vorab ganz unverbindlich im Instagram-Kommentarfeld austesten?
Quelle:
www.gq-magazin.de



