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UmweltReisen unter den Taliban: Wenn Influencer für Afghanistan werben

Reisen unter den Taliban: Wenn Influencer für Afghanistan werben

Mit reißerischen Überschriften, gespickt mit Superlativen und gerne in knallroten Großbuchstaben, wetteifern in den sozialen Netzwerken unzählige Reise-Influencer um Aufmerksamkeit. Je ausgefallener das Reiseziel, desto besser. Und so häufen sich auf Instagram, Youtube, Tiktok und Co. Videos aus Ländern, die nicht gerade als touristische Destinationen bekannt sind. “Das schlimmste Land auf der Erde”, “Die gruseligste Reiseerfahrung meines Lebens”, “Unterwegs im gefährlichsten Land der Welt”: So oder so ähnlich berichten Dutzende Content-Creators etwa über Reisen ins von den Taliban beherrschte Afghanistan – allen offiziellen Reisewarnungen zum Trotz.

Auch Zoe Stephens war mehrmals in Afghanistan unterwegs, zuletzt monatelang, wie sie sagt. Auf ihrem Youtube-Kanal “Zoe Discovers”, auf Instagram und weiteren Plattformen hat die junge Frau aus Liverpool Dutzende Videos über ihre Aufenthalte veröffentlicht, unter anderem eine mehrteilige Serie über die Lage der Frauen im Land. Stephens war die einzige von sechs kontaktierten Content-Creators, die sich öffentlich zu dem Thema äußern wollten. Im Gegensatz zu anderen, die sich oft nur wenige Tage im Land aufhielten, nimmt sie für sich in Anspruch, ein differenziertes Bild zu vermitteln. “Das ist auch der Grund, warum ich viel weniger Follower habe als die meisten anderen”, vermutet sie. “Weil ich mich weigere, sensationslüsterne Inhalte zu produzieren.”

Afghanistan Bamiyan | Landschaft | Berge
Eine von Afghanistans Sehenswürdigkeiten: die Band-e-Amir-Seen in der Provinz BamiyanBild: Massoud Hossaini/AP Photo/picture alliance

Posieren mit schwerbewaffneten Taliban

Tatsächlich posieren einige ihrer Influencer-Kollegen in ihren Videos bedenkenlos plaudernd mit schwerbewaffneten Taliban-Kämpfern (“die sind alle supernett”), klappern anschließend noch ein paar Instagram-taugliche Orte ab (“musst du unbedingt gesehen haben”) und haken das Land dann auf ihrer rastlosen Jagd um den Globus ab (“cool, dass ich hier war”). Immer wieder kommt daher in den Kommentarspalten auf Youtube & Co. auch Kritik auf, insbesondere der Vorwurf, die Influencer unterstützten indirekt das Taliban-Regime, das darauf hoffe, den Tourismus ankurbeln zu können. “Man sollte keine öffentliche Reiseempfehlung für Afghanistan ausstellen”, findet ein Nutzer. “Den Zuschauern dieses menschenverachtende Land schmackhaft zu machen, halte ich für moralisch schwierig.”

Das sieht auch Claudia Paganini so. Die Philosophin von der Universität Innsbruck in Österreich beschäftigt sich seit Jahren mit Medienethik und verfolgt dabei auch Reise-Content in den sozialen Netzwerken. Dabei gehe es in erster Linie um die ästhetische Darstellung einer Destination, was problematisch sein könne, wenn es sich um ein Land mit einem diktatorischen Regime handelt, in dem Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind. “Viele Probleme lassen sich in einem Social-Media-Video überhaupt nicht sichtbar machen”, sagt Paganini. Häufig finde keinerlei Kontextualisierung statt, sodass unerfahrene Zuschauer die Inhalte nicht einordnen könnten. Im Fall von Afghanistan komme es so zur Verharmlosung der dortigen Verhältnisse. Allerdings sei die Bandbreite groß: “Die Kritik trifft auf manche mehr, auf andere weniger zu.”

Gütesiegel für hochwertige Social-Media-Beiträge

Der Grund dafür: Während sich Reisejournalisten und Reiseblogger schon vor Jahren einen Verhaltenskodex gegeben haben, gibt es für Content-Creators und Influencer keine verbindlichen Leitlinien. Paganini schlägt ein Gütesiegel für qualitativ hochwertige Social-Media-Beiträge vor. Die Internet-Plattformen aber hätten kein Interesse an einer strengeren Regulierung. “Das sind ja keine NGOs, die im Sinne eines übergeordneten Kollektivwohls agieren. Aufmerksamkeit ist nun einmal das höchste Gut auf Social Media.” Alles dreht sich um Klicks, Likes und Follower.

Daran hat auch Johannes Klaus keinen Zweifel. “Meist liegt Reise-Content in den sozialen Netzwerken ein reißerisches Konzept zugrunde”, sagt er. “Das ist das einzige, was dort funktioniert. Sonst erreichst du keine Sichtbarkeit.” Klaus war jahrelang als Reiseblogger aktiv und gründete die Autorenplattform Reisedepeschen.de. Außerdem hat er sich für die Schaffung eines Kodexes für Reiseblogger eingesetzt. Darin ist unter anderem die journalistische Unabhängigkeit der Autoren festgeschrieben. Dass eine solche Selbstverpflichtung auch aus der Szene der Content-Creators und Influencer hervorgehen könnte, glaubt er nicht. “Es geht dort um Unterhaltung. Mit Journalismus hat das nichts zu tun.” Ausgewogene und hintergründige Reisereportagen, die man auf Social Media ebenfalls finde, würden von den zugrunde liegenden Algorithmen viel zu selten belohnt.

Reisende bewundert die Pinnacles-Felsformationen im Ben Boyd National Park
Reiseblogger sind auf der ganzen Welt unterwegs: was zählt, sind Klicks und AufmerksamkeitBild: Leah-Anne Thompson/Zoonar/picture alliance

Ohne Selbstzensur geht es nicht

Tatsächlich: Während manche Taliban-Clips millionenfach geklickt werden, erreicht Zoe Stephens nicht ganz so viele Zuschauer. Dennoch bemüht sie sich darum, sachlich zu berichten. Ganz so einfach aber ist das in Ländern wie Afghanistan nicht. Da sie dort auch als Reiseführerin arbeitet, müsse sie eine gewisse Selbstzensur betreiben, räumt sie ein. “Um meine Arbeit, die meiner Meinung nach einen positiven Einfluss hat, fortsetzen zu können, muss ich darauf achten, was ich sage und wie ich es sage, damit ich nicht mit einem Einreiseverbot belegt werde.” Man müsse aber auch nicht jeden Aspekt des Lebens in Afghanistan politisieren, findet sie. Schließlich machten auch Gastronomie, Kultur, Geschichte und die dort lebenden Menschen das Land aus. “Mein Ziel ist es, eine andere Seite Afghanistans zu zeigen.”

 


Quelle:

www.dw.com