Auf der Leinwand hat er sich ziemlich oft daneben benommen. Er hat geprügelt und geschossen, gemordet und gemeuchelt. Er war laut und grob und eigentlich selten sympathisch. Und doch war er stets ein Garant für beste Unterhaltung.
Deutschland, Europa und Hollywood: Mario Adorf
Mario Adorf war ein Phänomen. Sicher, auch andere Schauspieler haben das Kino- und Fernsehpublikum über Jahre, manche über Jahrzehnte, begleitet. Doch wer kann schon von sich behaupten, im deutschen Film der Nachkriegszeit – dem man gern spöttisch den Zusatz “Opas Kino” verleiht -, ebenso dabei gewesen zu sein wie in den inspirierenden Werken des “Neuen Deutschen Films” eines Rainer Werner Fassbinder oder Volker Schlöndorff?
Wessen Vita beinhaltet neben italienischen Spaghetti-Western und Klassikern des italienischen Mafia-Films auch die Arbeit mit großen internationalen Filmemachern, vereint Blockbuster mit Genre-Kino? Es gibt nicht viele Schauspieler, die auf eine so vielfältige Karriere zurückblicken können wie Mario Adorf.
Zwischen Deutschland und Italien
Geboren wurde Adorf am 8. September 1930 in Zürich, die Mutter Alice Adorf war eine deutsche Röntgenassistentin, sein Vater Matteo Menniti war ein italienischer Chirurg. Menniti war verheiratet und hatte mit Adorfs Mutter eine Affäre – so sah Adorf seinen Vater später nur ein einziges Mal. Seine Mutter nahm den kleinen Mario nach der Geburt mit nach Mayen in der Eifel, wo sie von Verwandten Unterstützung bekam. Sie arbeitete als Näherin und brachte so ihren kleinen Sohn durch.
Als kleiner Junge erlebte Mario den Aufstieg der Nationalsozialisten und die Schrecken des Zweiten Weltkriegs. Um die harte Nachkriegszeit zu durchstehen, begann Mario zu boxen. Als Mittel zum Zweck. “Wenn man sich nicht wehren konnte, wurde man brutal ausgeraubt, wenn man mal etwas erstanden oder gehamstert hatte. Man musste sich nolens volens verteidigen können, sonst war man schlecht dran”, erinnert sich Adorf in einem Interview mit dem Sender SWR.
1950 machte er das Abitur und begann, Geisteswissenschaften zu studieren – zu seinen Fächern gehörten neben Philosophie und Psychologie auch Theaterwissenschaften und Kriminologie – ein Fach, von dem er später sagte, dies habe ihm bei seinen späteren Rollen sehr geholfen.
Das Studium brach er schließlich ab und ging zum Theater. Die Arbeit vor den Filmkameras sollte dann aber zur Hauptbeschäftigung des jungen Mimen werden. 1957 spielte er einen Mörder im heute als Klassiker geltenden “Nachts, wenn der Teufel kam” unter der Regie des aus Hollywood zurückgekehrten Robert Siodmak. Das war der Durchbruch. Mit dieser Rolle war der junge Mann zunächst aber einmal festgelegt auf Schurken, Bösewichte, Fieslinge und Revolverhelden.
Mario Adorf spielte sehr gerne Schurken
Doch für Adorf war das kein Problem. “Der Schurke ist an und für sich beim Lesen die interessante Rolle. Ich liebe ja nun nicht die Bösewichte als Menschen, als Charaktere, ich weiß aber, was sie hergeben, ich leihe ihnen deswegen auch ganz gerne meinen Körper, mein Gesicht”, bekannte Adorf schon früh in seiner Karriere.
Mit den empörten Reaktionen vieler Zuschauerinnen und Zuschauer, die ihm entgegenschlugen, als er 1963 in der Rolle des “Santer” Vater und Schwester des edlen Häuptlings Winnetou erschoss, hatte er dann aber wohl doch nicht gerechnet. Doch auch das verlieh ihm noch einmal einen Popularitätsschub. Von Winnetou zum Bösewicht in vielen Italo-Western war es nicht weit, wie überhaupt Italien zu einer zweiten Heimat wurde, privat wie beruflich. Dort wirkte Adorf auch in einigen großen Mafiafilmen mit.
Zurück zum Neuen Deutschem Film
Zum deutschen Film kehrte er zurück, als die Generation um Rainer Werner Fassbinder für frischen Wind sorgte. Denkwürdige Auftritte hatte er bei Fassbinder in “Lola”, bei Schlöndorff in “Die verlorene Ehre der Katharina Blum” und vor allem in dessen oscarprämierten Film “Die Blechtrommel”.
Auch das europäische Kino zeigte Interesse: Regisseure wie Claude Chabrol, Damiano Damiani und auch Billy Wilder verpflichteten Adorf. Und dann startete der Schauspieler auch im deutschen Fernsehen noch einmal durch, mit ambitionierten Filmemachern wie Helmut Dietl und Dieter Wedel.
Legendär – Adorf in “Kir Royal”
Als Generaldirektor Heinrich Haffenloher in Dietls “Kir Royal” wetterte er sich in die deutsche TV-Geschichte: “Ich scheiß Dich sowas von zu mit meinem Geld” wurde zum unvergesslichen Filmzitat. Und auch als Kaufhausmogul Bellheim im gleichnamigen Fernsehfilm überzeugte Adorf. Er konnte eben auch anders: als Bürger und Geschäftsmann, als knöchriger Alter und Egozentriker – all das war Teil seiner schauspielerischen Bandbreite.
Angesprochen auf seine polyglotte Herkunft, antwortete er 2013 in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa, er könne mit dem Begriff des Europäers nicht so viel anfangen. Das war nicht negativ gemeint: “Ich wehre mich ein bisschen dagegen, dass man so leicht sagt: Europäer.” Er sei ja in der Schweiz geboren, in Deutschland aufgewachsen, habe in Italien mit einer französischen Frau gelebt. Aber: “Wenn es so leicht wäre, dann wäre Europa ja auch längst da, aber so einfach ist es ja sicher nicht”, so Adorf damals.
Heimatliebe zur deutschen Provinz
Doch auch wenn er viel Zeit in den vergangenen Jahrzehnten in seinem Haus in St. Tropez verbrachte, eine Heimat hatte Adorf schon: die Eifel. Dort wuchs er auf, dort wurde ihm die Ehrenbürgerschaft verliehen und in dem Eifelort Mayen ließ er sich immer wieder blicken. Und dass er aus der Eifel kam und dort zur Schule gegangen war, das hörte man bis zuletzt an seinem Zungenschlag.
Mario Adorf hat für sein Schaffen – mehr als 200 Film- und Fernsehrollen – so ziemlich alle Preise abräumen können, die es in der Branche gibt. Die Rollen in den letzten Jahren waren noch einmal ein spätes Spiegelbild seiner Karriere. 2016 spielte er etwa in dem TV-Dreiteiler “Winnetou – Der Mythos lebt” und 2019 im Fernsehfilm “Alle für die Mafia” – Adorf ist seinen Themen treu geblieben, bis ins hohe Alter.
Seit der Coronapandemie stand Adorf nicht mehr vor der Kamera. Anlässlich seines 95. Geburtstags im September 2025 gab er der TV-Zeitschrift “Hörzu” ein Interview, in dem er sagte, er habe nie den Ehrgeiz gehabt, hundert oder immer älter zu werden. “Mein Wunsch war es vielmehr, möglichst gesund zu bleiben und keinen leidvollen, schwierigen Lebensabend zu haben.”
Nun ist Adorf im Alter von 95 Jahren in seiner Wohnung in Paris gestorben, wie sein Management bestätigte. Er sei nach kurzer Krankheit eingeschlafen, hieß es in einer Mitteilung. Seinem langjährigen Manager trug Adorf bei dessen letztem Besuch auf, seinem Publikum Dank für die jahrzehntelange Treue zu hinterlassen.
Quelle:
www.dw.com



