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Schenderlein: "Brauchen echte Unabhängigkeit der Sportagentur"


interview

Stand: 21.04.2026 • 10:26 Uhr

Die Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, Christiane Schenderlein, sieht sich beim überfälligen Sportfördergesetz auf Kurs. Ein Gespräch über Medaillen, die laute Sportlobby – und deren Fürsprecher aus der CSU.

Volker Schulte

Alleine dadurch, dass Christiane Schenderlein vor fast einem Jahr ihren Posten antrat, hat sie Geschichte geschrieben. Die CDU-Politikerin ist die erste Bundesstaatsministerin für Sport und Ehrenamt überhaupt. Sie ist 44 Jahre alt, kommt aus Weißenfels in Sachsen-Anhalt und war eine Überraschungsbesetzung.

Ohne Erfahrung in der Sportpolitik betrat sie das schwer durchschaubare Feld mit einflussreichen Lobbyisten. Wenn der organisierte Sport meckert, ist das Medienecho oft so groß, dass Politik und Behörden gerne einknicken. Daran sind schon viele Reformbemühungen gescheitert – auch das seit Jahren geplante Sportfördergesetz.

Schenderlein hat sich vorgenommen, das Gesetz noch vor der Entscheidung über Deutschlands Olympiabewerbung im September verabschieden zu lassen. Das sagte sie in Leipzig, wo die Sportschau sie zum Interview traf.

“Wir sehen eine ausgewogene Balance gegeben”

Sportschau: Frau Staatsministerin, Sie haben es als Meilenstein bezeichnet, dass das Kabinett den Entwurf des Sportfördergesetzes beschlossen hat. Gleichzeitig gibt es aber weiter Kritik, zum Beispiel sieht sich die Athletenvertretung “Athleten Deutschland” in der neuen Agentur für Spitzensport zu wenig berücksichtigt. Wie sehen Sie diese Einwände?

Christiane Schenderlein: Wir machen gerade ein Gesetz für die Athleten. Daher nehmen wir die Kritik ernst und schauen sie uns genau an, sehen aber durchaus auch einige Argumente, die in diesem Fall dagegensprechen. Wir wollen die Athletinnen und Athleten strukturell besser ausstatten, deshalb haben wir zum Beispiel die Individualförderung mit aufgenommen und auch die Möglichkeit, dass sie an Entscheidungsprozessen direkt beteiligt sind, indem sie Teil des Sportfachbeirats werden. Besonders wenn es um Förderung geht, wenn viel Geld sinnvoll und gut verteilt werden soll, dann muss man immer eine Balance schaffen, um alle Interessen in einen guten Ausgleich zu bringen.

Sportschau: Im wichtigen Stiftungsrat der neuen Agentur sollen sechs Vertreter der Politik sitzen, drei Vertreter des Sports. Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Otto Fricke, sagt dazu, er wolle keinen staatsdominierten Sport. Warum planen Sie dieses Übergewicht der Politik im Stiftungsrat?

Schenderlein: Hier gilt es, sich die Zusammensetzung genau anzuschauen. Im Stiftungsrat sitzen drei Vertreter der Bundesregierung, die sich aufteilen auf Bundeskanzleramt und Bundesfinanzministerium. Hinzu kommen zwei Abgeordnete des Deutschen Bundestags als Haushaltsgesetzgeber sowie eine Länderstimme. Der DOSB hat in diesem Prozess bereits zusätzliche Sitze erhalten, nämlich drei. Er kann dadurch eine Vielfalt des Sportes darstellen. Aber klar ist: Der Stiftungsrat ist ein Aufsichtsgremium. Er muss prüfen und kontrollieren, ob die Sportagentur ihre Aufgabe richtig erfüllt, und ob vor allen Dingen die Mittel, die öffentlichen Steuergelder, ordnungsgemäß verwendet werden. Wir sehen hier in der Zusammensetzung eine ausgewogene Balance gegeben.

Vorstoß des DOSB? “Nicht so viele Fürsprecher gehört”

Sportschau: Der beschlossene Entwurf wurde auch als Entgegenkommen in Richtung des DOSB gewertet, er hat jetzt zum Beispiel entscheidenden Einfluss auf die Besetzung des Vorstandes. Trotzdem hat der DOSB gesagt, er versuche weiterhin, die Agentur unter das eigene Dach zu holen. Er suche nun Fürsprecher im Parlament. Wie schauen Sie auf diese Forderungen des DOSB?

Schenderlein: Bislang habe ich noch nicht so viele Fürsprecher gehört, die sich das so vorstellen, weil man die Frage stellen muss: Bräuchte es dafür ein Sportfördergesetz? Wenn es tatsächlich möglich gewesen wäre, ein solches Konstrukt unter dem Dach des DOSB zu errichten, hätte man es schon die ganze Zeit umsetzen können. Das hat aber nicht stattgefunden, aus gutem Grund. Unser Ziel ist es, mit der neuen Spitzensportagentur die Förderung in die Hände von unabhängigen Experten zu legen. Das bedeutet, dass sich die Politik zurücknimmt, der DOSB aber eben gleichermaßen auch. Wir brauchen eine echte Unabhängigkeit der Sportagentur, um die notwendigen Reformschritte anzugehen.

Sportschau: Jetzt ist schon mehrere Jahre diskutiert worden über das Gesetz und plötzlich kommt der DOSB mit einem Vorschlag, der vieles über den Haufen werfen würde. Wie blicken Sie auf das Agieren des DOSB, dass er sich permanent auf diese Art und Weise in politische Prozesse einmischt?

Schenderlein: Der DOSB ist ein starker Player, weil die Interessenvertretung strukturell so aufgebaut ist, dass eine Vielzahl von Sportverbänden unter seinem Dach organisiert ist. Wenn der DOSB auftritt, dann ist er immer auch ein Sprachrohr für seine Mitglieder, auch für die Landessportbünde. Er hat die Aufgabe, Interessen zu vertreten und auf die Politik einzuwirken. Insoweit sehe ich diese Rolle und verstehe, dass er möglichst viel für die eigenen Interessen herausholen will. Grundsätzlich hat aber auch der DOSB immer betont: Es braucht diese neue Spitzensportagentur. Eine zentrale Forderung aus dem Sport war zudem, die Strukturen zielgerichteter aufzustellen und die Vielzahl unterschiedlicher Stimmen stärker zu bündeln. Deshalb sind wir diesen Weg gegangen und haben das Sportfördergesetz jetzt auf den Weg gebracht.

Kritik von Söder? “Ich würde das nicht überbewerten”

Sportschau: Es gab auch Gegenwind aus den eigenen Reihen, aus der Regierung selbst. Das CSU-geführte Bundesinnenministerium hat längere Zeit das Gesetz blockiert und CSU-Chef Markus Söder hat in der Bildzeitung gesagt, er fordere “größtmögliche Entscheidungsfreiheit für den Sport in der Agentur statt staatliche Einmischung”. Das klingt fast so, als ob Markus Söder da deutlich auf Linie des Sports ist. Wie erklären Sie sich das?

Schenderlein: Bis zur Kabinettsreife eines Gesetzes bringen die Ressorts in diesem Prozess ihre Expertise ein und stimmen sich ab. Insofern würde ich das nicht überbewerten.

Sportschau: Bei der Suche nach den Motiven von Markus Söder haben nicht wenige auf Münchens Wunsch verwiesen, Olympische Spiele auszurichten. Da braucht jeder Bewerber das Votum des DOSB, um für Deutschland ins Rennen gehen zu dürfen. Haben Sie Verständnis für diese Interpretation?

Schenderlein: Man muss beide Themen klar voneinander trennen. Natürlich vertreten auch Bundesländer eigene Interessen. Und insoweit ist das auch zu bewerten. Gleichzeitig geht es beim Sportfördergesetz um eine strukturelle Neuaufstellung des Spitzensports auf Bundesebene. Die Olympiabewerbung ist ein eigenständiger Prozess des DOSB, der unabhängig davon läuft.

“Wir orientieren uns an Ländern wie Großbritannien oder Australien”

Sportschau: Der Handlungsauftrag an die neue Spitzensportagentur ist es, mehr Medaillen zu ermöglichen. Das wird auch kritisch gesehen, weil man sich dabei in Konkurrenz begibt mit China und anderen Nationen, die möglicherweise auf Staatsdoping und fragwürdige Trainingsmethoden setzen. Passt ein stark auf Medaillen getrimmter Spitzensport wirklich zu Deutschland?

Schenderlein: Wir orientieren uns an Ländern wie Großbritannien oder Australien. Dort wurden ebenfalls Spitzensportagenturen gegründet. Das war dort ein Schlüssel, um international erfolgreicher zu werden. Diese Länder sind inzwischen sehr erfolgreich, und lagen bei vergangenen Winter- und Sommerspielen teilweise deutlich vor uns. Gleichzeitig haben wir im Gesetz klare Fördervoraussetzungen definiert. Dazu zählt auch, alle Maßnahmen zu erfüllen, die im Bereich des Anti-Dopings notwendig sind. Zudem stärken wir mit der Gründung eines Zentrums für Safe Sport den Schutz von Athletinnen und Athleten. Das ist für uns nicht verhandelbar. Bei aller Neustrukturierung gilt aber immer: Nachhaltiger Spitzensport braucht eine breite Basis – der Breitensport ist die Grundlage für den Spitzensport von morgen.

Das Interview führte Volker Schulte


Quelle:

www.sportschau.de