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Sudans Bürgerkrieg: Eine humanitäre Katastrophe ohne Ende

Fast drei Jahre nach Beginn des Kriegs im Sudan sind Zivilisten zunehmend Luftangriffen ausgesetzt. In den vergangenen Tagen wurden Dutzende Menschen bei Drohnenangriffen im Bundesstaat Weißer Nil und in der Region Kurdufan getötet. Anfang vergangener Woche traf eine Drohne einen Pickup-Wagen, der Trauergäste zu einer Beerdigung in West-Kurdufan brachte. Nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP kamen dabei rund 40 Menschen ums Leben, viele von ihnen Frauen. Keine der beiden Kriegsparteien – weder die sudanesischen Streitkräfte (SAF) noch die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) oder ihre Verbündeten – übernahm die Verantwortung.

Laut einer Analyse der unabhängigen Konfliktbeobachter-Organisation Armed Conflict Location & Event Data Project (ACLED) wurden allein im Januar und Februar mindestens 198 Drohnenangriffe von beiden Seiten registriert.

“Der Anstieg der Drohnenangriffe zeigt, dass trotz anderer Konflikte und Spannungen im Nahen Osten die Versorgung der Kriegsparteien weiterläuft”, sagt der sudanesische Politikanalyst Hamid Khalafallah im Gespräch mit der DW.

Khalafallah geht davon aus, dass die Gewalt in den kommenden Monaten weiter zunehmen wird: “Beide Seiten werden versuchen, während der aktuellen Trockenzeit möglichst viele Geländegewinne zu erzielen. Sobald im Juni oder Juli die Regenzeit beginnt, wird es deutlich schwieriger und teurer, Truppen und Ausrüstung zu bewegen.”

Ein Großteil der Kämpfe konzentriert sich derzeit auf die strategisch wichtige Region Kurdufan. Sie liegt zwischen den vom Militär kontrollierten Gebieten im Norden und dem Zentrum des Landes – dazu gehört auch die Hauptstadt Khartum – und den von den RSF beherrschten Regionen in Darfur sowie Teilen des Südens.

Der Krieg im Sudan begann um den 15. April 2023 herum, als ein Machtkampf über die Eingliederung der RSF in die regulären Streitkräfte eskalierte. Hilfsorganisationen schätzen, dass seither bis zu 250.000 Menschen getötet wurden. Eine verlässliche Opferzahl ist wegen der anhaltenden Kämpfe und des eingeschränkten Zugangs zu vielen Regionen im Land kaum zu ermitteln.

Eine “tiefe und langanhaltende humanitäre Krise”

Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks und internationaler Hilfsorganisationen hat der Krieg zudem zur weltweit größten Vertreibungskrise geführt. Bis zu 14 Millionen Menschen wurden innerhalb des Landes oder ins Ausland vertrieben.

Gleichzeitig hat sich im Sudan eine der größten humanitären Katastrophen der Gegenwart entwickelt. Es kommt zu Massentötungen und weit verbreiteter sexualisierter Gewalt. Laut UNESCO sind mehr als zwölf Millionen Frauen und Mädchen – bei einer Gesamtbevölkerung von etwas über 50 Millionen – von geschlechtsspezifischer Gewalt bedroht.

Sudan Port Sudan 2025 | Rauch nach Drohnenangriff auf strategische Ziele in der Hafenstadt
Nach Angaben von Beobachtern richten sich Drohnenangriffe im Sudan zunehmend nicht mehr gegen strategische Ziele, sondern gegen ZivilistenBild: Sudanese Ministry of Culture and Information/Xinhua/picture alliance

Die Weltgesundheitsorganisation warnte im Januar, dass mehr als 20 Millionen Menschen dringend medizinische Hilfe benötigen. Während das Gesundheits-, Wasser- und Sanitärsystem kollabiert, breiten sich Krankheiten wie Cholera, Malaria und Dengue-Fieber inzwischen in allen 18 Bundesstaaten aus.

Menschenrechtsorganisationen werfen beiden Kriegsparteien schwere Verbrechen vor, die als Kriegsverbrechen oder sogar als Völkermord eingestuft werden könnten. Trotz der anhaltenden Gewalt – darunter Massentötungen durch RSF-Kämpfer in der Stadt El Fasher im Oktober – gilt der Sudan laut mehreren Studien weiterhin als die weltweit am meisten vernachlässigte Krise.

“Der Sudan erlebt eine tiefe und langanhaltende humanitäre Krise, die zunehmend aus der internationalen Aufmerksamkeit verschwindet”, sagt Samy Guessabi, Landesdirektor der Hilfsorganisation Action Against Hunger.

Guessabi beschreibt die Folgen von Krieg, Vertreibung und wirtschaftlichem Zusammenbruch aus eigener Erfahrung: “Was wir jeden Tag sehen, ist nicht nur Hunger, sondern eine schrittweise Erosion der Widerstandskraft. Familien lassen Mahlzeiten aus und verkaufen ihre letzten Besitztümer.”

Frauen und Mädchen besonders betroffen

Besonders stark leiden Frauen und Mädchen unter den Folgen des Krieges. “Wenn Familien ihre Kinder nicht mehr ernähren können, treffen sie unvorstellbare Entscheidungen”, sagte Guessabi. “Wir hören immer häufiger von Kinderehen – weniger aus Tradition, als aus Verzweiflung.”

Sudan Al-Dabba 2025 | Vertriebene Frauen aus El-Fasher erhalten humanitäre Hilfe im Al-Afad-Camp
Sudanesische Frauen sind Beobachtern zufolge nicht nur Überlebende des Konflikts, sondern auch treibende Kräfte hinter lokaler Nothilfe und FriedensinitiativenBild: Ebrahim Hamid/AFP

Nach Angaben der UNESCO können rund 19 Millionen Kinder im Sudan derzeit nicht zur Schule gehen. “Tausende Mädchen brauchen die Möglichkeit, ihre Bildung fortzusetzen. Lange Unterbrechungen erhöhen soziale Risiken, darunter eine hohe Rate an Kinderehen”, so Salma Suliman, Gründerin der sudanesischen Organisation “Taja”, die sich für den Schutz von Frauen einsetzt. “Das wirft einen dunklen Schatten auf die Zukunft der kommenden Generationen.”

Gleichzeitig übernehmen Frauen vielerorts zentrale Rollen im Überleben der Gemeinschaften. “Im ganzen Sudan organisieren von Frauen geleitete Notfallnetzwerke Gemeinschaftsküchen, verteilen Lebensmittel und bieten psychosoziale Unterstützung an”, sagt Michelle D’Arcy, Landesdirektorin der Organisation Norwegian People’s Aid. Frauen seien häufig diejenigen, “die ihre Gemeinden am Leben erhalten”.

D’Arcy betont, wie wichtig es sei, zivile Friedensinitiativen zu unterstützen: “Dazu gehören diplomatischer Druck für einen Waffenstillstand und die Einbindung einer breiten Palette sudanesischer ziviler Akteure, die mit gewaltfreien Mitteln für Frieden arbeiten.”

Internationale Interessen und begrenzter Einfluss

Mehrere Vermittlungsversuche, unter anderem durch die sogenannte Quad-Gruppe, bestehend aus den USA, Ägypten, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, sind bislang weitgehend gescheitert.

Die USA und die EU haben bereits Sanktionen gegen beide Konfliktparteien sowie gegen einzelne Mitglieder der SAF und der RSF verhängt. Zuletzt stufte Washington zudem die sudanesische Muslimbruderschaft als “Specially Designated Global Terrorist Organization” ein und kündigte an, sie auch als ausländische Terrororganisation zu listen.

“Die sudanesische Muslimbruderschaft nutzt ungebremste Gewalt gegen Zivilisten, um Bemühungen zur Beendigung des Konflikts zu untergraben und ihre gewaltsame islamistische Ideologie voranzutreiben”, erklärt das US-Außenministerium.

Sudan: Suppenküchen sichern das Überleben

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Für Analyst Khalafallah ist dieser Schritt zugleich bedeutend und begrenzt wirksam: “Er ist bedeutend, weil damit offiziell bestätigt wird, dass diese Gruppen Kriegsverbrechen begangen und die Bevölkerung terrorisiert haben”, sagt er. Zugleich stelle dies die sudanesischen Streitkräfte vor ein Problem, da sie ihre Beziehungen zu islamistischen Verbündeten neu bewerten müssten. Ob die Maßnahme die politischen Machtverhältnisse im Sudan tatsächlich verändern werde, sei jedoch unklar.

Khalafallah ordnet die Entscheidung in die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten ein. “Die USA versuchen, ihre Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten zu festigen”, sagt er.

Während Ägypten und die Türkei als Unterstützer der von General Abdel Fattah al-Burhan geführten Militärregierung gelten, gelten die Vereinigten Arabischen Emirate weithin als wichtigste Unterstützer der RSF unter General Mohammed Hamdan Dagalo – auch, wenn Abu Dhabi eine Beteiligung strikt bestreitet. “All das hat nur sehr wenig mit dem Schutz der sudanesischen Bevölkerung zu tun”, so Khalafallah.


Quelle:

www.dw.com