Tottenham Hotspur steht kurz vor Saisonende auf einem Abstiegsplatz. An der fußballerische Klasse liegt das nicht. Retten soll die “Spurs” der dritte Trainer dieser Spielzeit – aber die letzten Auftritte liefern wenig Grund zur Hoffnung.
Es ist nicht lange her, da war die Stimmung bestens im Norden Londons. Tottenham Hotspur hatte Ende Mai des vergangenen Jahres das Finale der Europa League und somit den ersten Titel seit mehr als 17 Jahren gewonnen. Zwar lief die Premier-League-Saison auch damals nicht gut, aber Tottenham – unter den großen englischen Klubs bekannt dafür, selten Titel zu gewinnen – hatte tatsächlich einen Titel gewonnen.
Tottenham Hotspur um Son Heung-min (Mitte, mit Pokal)
Ange Postecoglu war zu diesem Zeitpunkt in seinem zweiten Jahr als Tottenham-Trainer. Bei der Siegesfeier verkündete er vor den Fans: “Ich sage euch etwas. In den besten TV-Serien ist Staffel 3 besser als Staffel 2.” Nur wenige Wochen später war der Australier seinen Job los, zu schlecht schien den Verantwortlichen das Abschneiden auf dem 17. Platz in der Premier League.
Schlechteste Saison seit 111 Jahren
Dass die “Spurs” nicht schon in der Vorsaison in ernsthafte Abstiegssorgen gerieten, dürfte nur daran gelegen haben, dass drei Teams noch schwächer und der Abstand bereits einige Spieltag vor Ende der Saison komfortabel genug war. Dennoch war damals nicht zu erwarten, dass die kommende Premier-League-Saison noch schlechter werden würde. Tottenham steht punktechnisch zur gleichen Zeit in der Saison so schlecht da wie zuletzt im Jahr 1915. Und vor 111 Jahren gab es für einen Sieg nur zwei Punkte statt drei.
Tabelle Premier League
Platz
Verein
Spiele
Tore
Punkte
15
Leeds United
32
39:49
36
16
Nottingham Forest
32
32:44
33
17
West Ham
32
40:57
32
18
Tottenham Hotspur
32
40:51
30
19
Burnley
32
33:63
20
20
Wolverhampton
32
24:58
17
Dabei war der Start in die aktuelle Saison sogar ziemlich erfolgreich. Das neue Management um den ehemaligen Arsenal-Funktionär Vinai Venkatesham installierte Thomas Frank vom Ligarivalen Brentford als neuen Trainer. Mit dem Dänen gewann Tottenham sechs der ersten neun Ligaspiele und belegte Rang drei.
Drei Trainer in einer Saison
Ab da ging es allerdings stetig bergab. Bis zum Ende des Jahres 2025 gewann Tottenham nur noch zwei Spiele in der Premier League, das letzte am 28.12.2025. Es ist bis heute der letzte Sieg der “Spurs”. Seit 14 Spielen holten die Nordlondoner keinen Dreier mehr (fünf Unentschieden, neun Niederlagen). In der Tabelle sind sie deshalb immer weiter abgerutscht.
Mitte Februar musste Thomas Frank seinen Hut nehmen, der Kroate Igor Tudor übernahm. Doch auch er konnte den freien Fall nicht stoppen. Tottenham gelang zwar ein Last-Minute-Remis gegen Liverpool, ansonsten verlor Tudor aber alle Premier-League-Spiele und war nur 44 Tage später den Job wieder los. Als Retter in der Not verpflichtete Venkatesham nun Roberto De Zerbi. Der Italiener, im vergangenen Sommer noch europaweit von Topteams umworben, steht vor einer echten Mammutaufgabe.
Tottenham: Woran liegts?
Doch wie konnte es überhaupt soweit kommen, dass eine der wertvollsten und teuersten Mannschaften der Premier League nun gegen den Abstieg kämpft? Zur Wahrheit gehört, dass sich in Mohammed Kudus, Daniel Kulusevski und James Maddison wichtige Spieler schwer verletzt haben und große Teile oder sogar die ganze Saison verpassen.
Der Ex-Frankfurter Randal Kolo-Muani
Doch es bleiben Spieler wie Xavi Simmons, Cristian Romero, Micky van de Ven, Pedro Porro, Randal Kolo Muani, Joao Palhinha, Connor Gallagher und Mathys Tel. Das sollte auch in der Premier League mindestens für eine Saison ohne Abstiegssorgen reichen.
Liverpool-Legende Jamie Carragher versuchte sich nach der 0:1-Niederlage gegen Sunderland am vergangenen Wochenende bei Sky Sports dennoch an einem personellen Ansatz: “Das zentrale Mittelfeld war von Beginn der Saison an ein Problem. Wir sagen die ganze Zeit, dass die Spurs gute Spieler haben. Aber das Problem mit Blick auf das zentrale Mittelfeld ist, dass die Teams, gegen die sie um den Klassenerhalt kämpfen, das bessere zentrale Mittelfeld haben. Er (De Zerbi, Anm.) muss das Problem im Mittelfeld lösen, das ist das Problem von drei Trainern.”
Wayne Rooney sieht der Verantwortung derweil bei den Spielern selbst: “Die Spieler müssen auf sich schauen, denn ich finde, sie waren eine absolute Schande. Die Leistung, die Einstellung, der mangelnde Wille, der mangelnde Kampfgeist – da fehlt einfach alles”, sagte der ehemalige Topstürmer im Podcast “Stick to Football” bereits vor einigen Wochen.
Granit Xhaka und Teamkollegen jubeln nach dem 1:0 Sieg gegen Tottenham
Platz vier in der Champions League
Fest steht, dass viele Spieler im Team ihre fußballerische Qualität bereits unter Beweis gestellt haben. In der Champions League zum Beispiel wurden die Londoner – gegen verhältnismäßig schwache Gegner – Vierter in der Ligaphase, vor dem FC Barcelona, Real Madrid oder PSG. Dortmund wurde ohne große Gegenwehr 2:0 besiegt.
Gerade gegen gute Gegner stimmen die Ergebnisse, aber das Team scheint nicht sonderlich resilient zu sein. Die “Spurs” sind in jedem ihrer letzten 32 Premier-League-Spiele, in denen sie in Rückstand geraten sind, sieglos geblieben – nur acht davon endeten unentschieden. Heißt vereinfacht: Sobald es Rückschläge gibt oder es nicht läuft, wie erhofft, scheinen dem Team die Energie und Möglichkeiten zu fehlen, zu gewinnen.
De Zerbi: “Unter der Woche spielen sie besser”
“Wir haben in der Vergangenheit schon erlebt, dass Mannschaften ins Straucheln geraten sind und dann nachgelassen haben; ihnen fehlte der Glaube an sich selbst”, analysierte der Ex-Chelsea-Spieler Pat Nevin. “An Einsatz mangelte es den Spielern der Spurs in Sunderland nicht, aber war da auch die nötige Entschlossenheit? Ich bin mir nicht sicher, ob das der Fall war.”
Robert De Zerbi ist als taktisch innovativer und versierter Trainer bekannt. Aber auch er erkannte nach seinem ersten Spiel: “Mein Job ist es jetzt nicht, den Spielstil zu verändern. Ich muss den Spielern mitgeben, was sie in Sachen Mentalität benötigen.” Mit Blick aufs Training ergänzter er: “Unter der Woche spielen sie besser, weil sie den Kopf frei haben. Aber in den Spielen ist das anders.”
Sechs Spiele bleiben De Zerbi noch, um den Abstieg abzuwenden. Am kommenden Samstag trifft er auf sein Ex-Team Brighton & Hove Albion. Dort hat Fabian Hürzeler mit seiner Mannschaft nach einer Schwächephase die Kurve gekriegt. Sollte De Zerbi das nicht gelingen, könnte Tottenham das erste Mal seit 49 Jahren absteigen.
Quelle:
www.sportschau.de


