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Unsicherheit im Libanon nach Israels Bomben auf Beirut

Nach den schweren israelischen Luftangriffen kämpfen sich Rettungskräfte in Libanons Hauptstadt Beirut weiter durch die Trümmer. Während schwere Maschinen Schutt beseitigen, liegt über den besonders stark zerstörten Stadtteilen noch immer ein Schleier aus Rauch. Viele Straßen sind wie ausgestorben.

“Was sollen wir jetzt mit unserem Leben anfangen? Wo sollen wir bleiben, wohin gehen wir?”, sagt ein Mann in Beirut der Nachrichtenagentur Reuters.

Nach Angaben der libanesischen Gesundheitsbehörden wurden bei über 100 gleichzeitig stattfindenden israelischen Luftangriffen am vergangenen Mittwoch mehr als 300 Menschen getötet und über 1150 verletzt. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen berichtet von einem massiven Zustrom Verletzter in das Rafik-Hariri-Universitätskrankenhaus in Beirut – darunter viele Kinder.

Libanon Beirut 2026 | Viele Helfer in den Trümmern eines großen Hauses
Schwere Maschinen durchbrachen am Donnerstag die Stille des nationalen Trauertags im LibanonBild: Abdul Kader Al Bay/ZUMA/IMAGO

Die jüngsten Angriffe zeigen, wie umstritten die Frage einer Waffenruhe ist: Während Teheran betont, ein Abkommen mit den USA umfasse auch den Libanon, weisen Washington und Israel genau das zurück. Gleichzeitig markieren die Angriffe eine neue Eskalationsstufe im Libanon.

Der Konflikt eskalierte Anfang März, als die Hisbollah Israel nach der Tötung des iranischen Religionsführers Ali Chamenei angriff. Seither sind nach libanesischen Angaben rund 1900 Menschen getötet worden, rund 1,2 Millionen Menschen wurden vertrieben und sind auf der Flucht.

Auch die vom Iran unterstützte Hisbollah-Miliz, deren militärischer Arm von den USA, Deutschland und vielen weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft wird, feuerte Raketen auf den Norden Israels und griff israelische Truppen an – als Reaktion auf das, was sie als “Verstoß des Feindes gegen die Waffenruhe” bezeichnete.

Humanitäre Lage spitzt sich zu

Die jüngsten Entwicklungen treffen ein Land, das bereits seit Jahren in einer tiefen Krise steckt. Seit 2019 leidet der Libanon unter wirtschaftlichem Kollaps, politischer Instabilität und den Folgen der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut im Jahr 2020. Hinzu kam zuletzt der Krieg zwischen Israel und der Hisbollah im Jahr 2024.

Libanon Tyros 2026 | Ein Bulldozer fährt Trümmer weg
Zehntausende Zivilisten in Tyros sind zunehmend von humanitärer Versorgung abgeschnittenBild: Louisa Gouliamaki/REUTERS

Die Situation sei äußerst angespannt und von mehreren sich überlagernden Krisen geprägt, die sich gegenseitig verschärften, sagt Blerta Aliko vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen. Hilfsorganisationen berichten von wachsender Verzweiflung. “Immer mehr Familien schlafen in ihren Autos, in Parkhäusern oder auf öffentlichen Plätzen”, sagt Rabih Torbay von Project Hope der DW. Einige hätten Zelte an der Küste aufgestellt – und das bei Temperaturen von nur 14 bis 17 Grad und oft ohne ausreichende Versorgung. Viele Menschen seien überstürzt geflohen, mit nichts außer der Kleidung, die sie am Leib trugen.

Versorgung des Südens reicht nur wenige Wochen

Besonders dramatisch ist die Lage im Süden des Libanon. Zehntausende Menschen in der Region weigern sich, ihr Zuhause zu verlassen. Ihnen droht zunehmend, von Hilfslieferungen abgeschnitten zu werden.

Israel hat bei seinen Angriffen zentrale Infrastruktur zerstört, darunter wichtige Brücken über den Litani-Fluss. Sollte auch die letzte verbliebene Verbindung unpassierbar werden, könnten Lebensmittel nur noch für etwa eine Woche reichen, warnen Beobachter.

Israel plant nach eigenen Angaben, Teile Südlibanons unter seiner Kontrolle zu behalten. Verteidigungsminister Israel Katz erklärte bereits im März, viele Vertriebene würden erst zurückkehren können, wenn die Sicherheit im Norden Israels gewährleistet sei. Der rechtsextreme Finanzminister Bezalel Smotrich brachte den Litani-Fluss sogar als mögliche künftige Grenze ins Gespräch.

Ungewisse Perspektiven für Verhandlungen

Für Israel bleibt die Entwaffnung der Hisbollah zentrale Voraussetzung für eine dauerhafte Lösung – wie bereits in früheren Waffenstillstandsvereinbarungen festgehalten. Die Hisbollah lehnt dies jedoch ab und verweist auf ihr Recht, den Libanon gegen israelische Angriffe zu verteidigen.

Gleichzeitig haben beide Regierungen direkte Gespräche in Washington angekündigt – ein bemerkenswerter Schritt, da zwischen Israel und dem Libanon offiziell seit 1948 Kriegszustand herrscht.

Libanon: Krieg vertieft die religiöse Spaltung

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Der libanesische Präsident Joseph Aoun betonte, ein Waffenstillstand sei der einzige Ausweg aus der aktuellen Situation. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sprach von der Chance auf ein “historisches, nachhaltiges Friedensabkommen”.

Doch die Hisbollah hat bereits signalisiert, direkte Verhandlungen abzulehnen. Beobachter bezweifeln zudem, dass der libanesische Staat überhaupt die Mittel hätte, die Miliz zu entwaffnen.

“Der Kernkonflikt bleibt ungelöst”, sagt der Analyst David Wood von der International Crisis Group. Selbst im Falle einer Waffenruhe werde der Libanon auf absehbare Zeit “am Rande eines erneuten, verheerenden Konflikts” stehen.


Quelle:

www.dw.com