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Warum kommt die Bekämpfung der „Geisternetze“ nicht voran?

Sogenannte „Geisternetze“ sind eine tödliche Gefahr für Fische und viele andere Meerestiere. Zwar gibt es inzwischen Richtlinien, die die absichtliche und unabsichtliche Entsorgung von Fischereigerät verhindern oder zumindest eindämmen sollen. Doch das Beispiel Ostsee zeigt: Bisher zeigen diese Maßnahmen kaum Wirkung. Woran das liegt, haben Meeresforscher nun genauer untersucht.

Das Problem ist seit langem bekannt und gefährdet Tiere in nahezu allen Ozeanen.: Im Wasser treibende Reste von Fischernetzen, Fangleinen oder anderen Fischerei-Utensilien können für Fische, Seevögel und Meeressäuger zur Todesfalle werden: Sie verfangen sich darin und verhungern oder ertrinken. Schätzungen zufolge gehen fast zwei Prozent aller im Meer eingesetzten Fanggeräte verloren und werden zu solchen „Geisternetzen“. Weil diese Utensilien meist aus Plastik bestehen, tragen sie zudem erheblich zur Plastikverschmutzung der Ozeane bei.

Um die Meeresumwelt und ihre Bewohner besser zu schützen, hat die Europäische Union schon vor Jahren entsprechende Richtlinien erlassen, darunter die Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie und die Richtlinie über Einwegkunststoffe. Sie sollen dazu beitragen, den Eintrag von Plastikmüll und Geisternetzen in die Meere einzudämmen.

Unklare Zuständigkeiten und fehlende Einbindung

Doch trotz solcher europäischen und regionalen Maßnahmen gibt es bisher nur wenige Fortschritte. Dies zeigt sich auch und vor allem in der Ostsee: „Es besteht zwar Einigkeit darüber, dass man dem Eintrag weiteren Plastikmülls dieser Art vorbeugen muss, aber wie des geschehen soll, ist strittig“, erklären Ben Boteler vom Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit in Potsdam und seine Kollegen. Die Forschenden haben nun genauer untersucht, wo die Gründe für die schleppende Umsetzung der Schutzmaßnahmen liegen. Grundlage ihrer Arbeit sind Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern aus der Politik, Industrie, Nichtregierungsorganisationen und Forschung.

Dabei zeigte sich: Ein Kernproblem besteht in unklaren Zuständigkeiten. „Die unzureichende und unklare Rollenverteilung hat ein Machtvakuum zur Folge: Die Verantwortung ist zu diffus verteilt, als dass ein Akteur die Führung übernehmen und beispielsweise eine groß angelegte Bergung von verlorenen Fanggeräten auf den Weg bringen würde“, sagt Boteler. Dazu kommt speziell bei der Ostsee das Problem, dass dort viele verschiedene Länder und Organisationen zusammenarbeiten müssen. Dabei greifen nicht nur verschiedene Politikbereiche und nationale Zuständigkeiten ineinander, auch wirtschaftliche Interessen der Fischereibranche und der Hersteller der Ausrüstung spielen eine Rolle.

Der Studie zufolge sind jedoch diese Akteure – insbesondere die Hersteller und Importeure von Fischereigeräten – nicht hinreichend an der Umsetzung vereinbarter Maßnahmen beteiligt. Dies erschwere die Entwicklung gemeinsamer Lösungen, wie etwa Pfandrückgabesysteme oder verbesserte Kennzeichnungssysteme für Fanggeräte, erklären Boteler und seine Kollegen.

Die Rolle der Fischer

Ein weiteres Problem: In welchem Ausmaß Fischereinetze in die Ostsee gelangen, ist noch immer unklar. Denn aus Angst vor Strafen werden verlorene Fanggeräte oft nicht oder nur unvollständig gemeldet. Zwar haben Fischer eigentlich starke wirtschaftliche Anreize dafür, ihre Ausrüstung nicht zu verlieren, weil Fanggerät teuer ist. Dennoch kann dies durch Stürme, starke Strömungen oder Eis immer wieder passieren. Auch wenn sich Fischereimethoden ins Gehege kommen oder Schiffe kollidieren, können Netze und Fangleinen verloren gehen. Aber weil die Bergung dieser Utensilien aufwendig, gefährlich und wirtschaftlich nicht rentabel ist, unterbleibt sie meist. Und weil die Fischer Strafen oder anderer negative Folgen befürchten, melden sie den Verlust oft nicht.

Zwar haben Umweltorganisationen versucht, Lücken zu schließen, indem sie verlorene Fanggeräte kartiert und die Öffentlichkeit sensibilisiert haben. Doch ohne eine stärkere Koordinierung und klarere Mandate würden die Fortschritte wahrscheinlich nur schrittweise erzielt, so die Forschenden. „Um das gesamte Ausmaß der Herausforderung zu verstehen, müssen alle Interessengruppen Vertrauen aufbauen und gemeinsam einen Aktionsplan entwickeln“, sagt Boteler.

Was kann getan werden?

Die Forschenden empfehlen, für die Ostsee gemeinsame Arbeitsprogramme zwischen Fischerei-, Abfall- und Umweltbehörden zu etablieren. Regionale Plattformen für den Datenaustausch könnten dazu beitragen, die Kommunikation zwischen den Akteuren zu verbessern. Außerdem sollte man die Zusammenarbeit mit den Herstellern von Fanggeräten verstärken und freiwillige Richtlinien oder Pilotprojekte für die Rückholung von Fanggeräten zu entwickeln. Nach Ansicht von Boteler und seinem Team erteilt die Ostsee in Bezug auf das Geisternetz-Problem eine wichtige Lektion: Selbst dort, wo das Bewusstsein hoch und die Institutionen vorhanden sind, bleibt die Abstimmung der Interessen eine gewaltige Herausforderung.

Quelle: Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit Helmholtz-Zentrum Potsdam; Fachartikel: Maritime studies, doi: 10.1007/s40152-026-00479-8


Quelle:

www.wissenschaft.de