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Was hinter Alex Karps Palantir-Manifest steckt


analyse

Stand: 28.04.2026 • 06:11 Uhr

Das Manifest von Palantir-Chef Alex Karp geht viral. Kritiker werfen ihm “Techno-Faschismus” vor. Doch Karps Rhetorik passt auch auffällig gut zu den wirtschaftlichen Interessen des Datenkonzerns.

Angela Göpfert

Über 35 Millionen Aufrufe und mehr als 33.000 Likes: Selten hat ein Post eines Tech-Unternehmens ein derart großes Echo in den sozialen Netzwerken hervorgerufen. Vor mehr als einer Woche veröffentlichte Palantir-CEO Alex Karp auf dem offiziellen X-Account des Datenanalyseunternehmens ein Manifest mit 22 Thesen.

Palantir-Manifest – worum es geht

Der Post ist eine Art Zusammenfassung des Buchs “The Technological Republic: Hard Power, Soft Belief, and the Future of the West”, das Karp gemeinsam mit Palantirs Kommunikationschef Nicholas Zamiska verfasst hat.

Eine der Kernaussagen des Manifests auf X ist, dass das Silicon Valley eine “moralische Schuld” gegenüber den USA habe. Nun müsse die Elite der Tech-Industrie ihren Beitrag zur Verteidigung jenes Landes leisten, das ihren Aufstieg überhaupt erst ermöglicht habe.

Alex Karp und sein Ja zu KI-Waffen

Zugleich argumentiert der Palantir-CEO, dass das Atomzeitalter zu Ende gehe und die nächste Ära der Abschreckung auf Künstlicher Intelligenz (KI) basieren werde. Vor diesem Hintergrund sei es unerlässlich, dass US-Techunternehmen KI-Waffen entwickeln.

Darüber hinaus entwirft der Post auch eine kulturelle Hierarchie: Einige Kulturen hätten zentrale Fortschritte ermöglicht – andere dagegen hätten sich dagegen als “dysfunktional”, “rückschrittlich” und “schädlich” erwiesen. Der Westen solle daher der “oberflächlichen Versuchung eines leeren und hohlen Pluralismus widerstehen”.

Warum Kritiker von “Techno-Faschismus” sprechen

Kritiker werfen Karp vor, er verfolge eine gefährliche ideologische Agenda. Denn der Post verschmilzt die Forderung nach militärischer Aufrüstung mit KI-Waffen mit einer Rhetorik kultureller Überlegenheit.

Die heutigen Tech-Giganten brauchten eine neue Ideologie, um ihre Herrschaft zu legitimieren, betont der griechische Ökonom und ehemalige Finanzminister Yanis Varoufakis in einem Gastbeitrag für The Point. Mark Coeckelbergh, ein Technologie-Philosoph, der an der Universität Wien lehrt, sieht in dem Manifest “ein perfektes Beispiel für ‘Techno-Faschismus'”.

“Techno-Faschismus” beschreibt dabei eine ideologische Strömung, in der technologische Eliten als quasi-politische Autoritäten fungieren – und in der digitale Infrastrukturen an die Stelle demokratischer Prozesse treten.

Warum KI-Waffen für Palantir ein Wachstumsmarkt sind

Dabei ist Karps Manifest mehr als nur Ideologie. Die zentrale Frage dahinter ist doch: Wem nützt dieses Weltbild? Die Antwort: Palantir selbst. Wie eng zentrale Thesen des Manifests mit Palantirs Geschäft zusammenhängen, zeigt das Beispiel Maven. Das KI-System von Palantir analysiert Gefechtsdaten aus Satelliten, Drohnen, Radar, Sensoren und Geheimdienstberichten und soll potenzielle Bedrohungen oder Ziele identifizieren.

Reuters berichtete im März unter Berufung auf einen Brief von US-Vizeverteidigungsminister Steve Feinberg, das Pentagon wolle Palantirs Maven zu einem offiziellen “program of record” machen – also zu einem dauerhaft finanzierten Kernprogramm. Ein solcher Schritt würde die langfristige Nutzung der Palantir-Technologie im US-Militär absichern.

Pentagon-Pläne: Milliarden Dollar für autonome Kriegsführung

Wie groß dieser Markt werden könnte, zeigt ein aktueller Vorstoß des Pentagon. Der Guardian berichtete wenige Tage nach dem Palantir-Manifest, das US-Verteidigungsministerium habe im Haushaltsplan für 2027 über 54 Milliarden Dollar zur Finanzierung der Defense Autonomous Warfare Group beantragt – eine Steigerung von 24.000 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Das Geld soll in autonome und ferngesteuerte Systeme zu Land, in der Luft, auf See und unter Wasser fließen, darunter das Programm “Drone Dominance”. Laut dem ehemaligen CIA-Direktor David Petraeus wäre das “die größte Einzelinvestition in die autonome Kriegsführung in der Geschichte”.

Die von Karp beschriebene neue Ära der Abschreckung mit KI-Waffen ist somit ein Markt, in dem Palantir bereits tief verankert ist – und in dem das Unternehmen großes Wachstumspotenzial hat.

Palantirs Geschäfte mit ICE und Homeland Security

2025 machte Palantir mit der US-Regierung bereits einen Umsatz von 1,85 Milliarden Dollar – mehr als 40 Prozent seiner Gesamterlöse. Dabei arbeitet Karps Firma nicht nur mit dem Militär eng zusammen, sondern auch mit der US-Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE). Vor diesem Hintergrund erhalten die Aussagen Karps über die Hierarchie von Kulturen eine zusätzliche Brisanz.

Palantir ist seit 2011 Auftragnehmer von ICE und erhielt letztes Jahr zusätzlich einen 30-Millionen-Dollar-Auftrag – ohne Ausschreibung – für die Entwicklung von ImmigrationOS, einer KI-Plattform zur Identifizierung von Nicht-Staatsbürgern und zur Verfolgung von Abschiebungen in Echtzeit.

US-Abgeordnete forderten am 16. April Auskunft über den Einsatz Palantir-entwickelter Technologien bei ICE und Homeland Security; sie befürchten den Aufbau eines Ökosystems der Massenüberwachung.

Ein Manifest – um Palantirs Produkte zu verkaufen

Fakt ist: Karps 22 Thesen sind mehr als ein ideologisches Manifest. Sie beschreiben vielmehr eine Welt, in der Palantirs Produkte unverzichtbar erscheinen. Eine Welt, in der nur Unternehmen wie Palantir den Westen vor dem Einfluss von “schädlichen Kulturen” noch retten und gegen Angriffe verteidigen können. Das Manifest ist damit zugleich eine Art “Sales Pitch” – eine Verkaufsargumentation für Palantirs wichtigste Kunden: Militär, Polizei und Staatssicherheit.

Fakt ist aber auch: Noch nie hat Karp seine politisch-ideologischen Überzeugen so klar in die Öffentlichkeit getragen. Kein Staat und kein Unternehmen, das mit Palantir zusammenarbeitet, kann jetzt noch behaupten, man habe nicht gewusst, welche Agenda Palantir verfolgt.


Quelle:

www.tagesschau.de