Stark, dominant, finanzieller Versorger: Wenn Männer glauben, diesen stereotypen Rollenbildern nicht zu entsprechen, kann das spürbare Folgen haben – nicht nur für sie selbst. Das zeigt eine Metastudie.
Was geschieht, wenn Männer das Gefühl haben, nicht ausreichend männlich zu sein? Eine sozialpsychologische Studie zeigt, dass das spürbare Auswirkungen auf die Gesellschaft hat. Die Metastudie ist in der Fachzeitschrift Personality and Social Psychology Review erschienen.
Ein Forschungsteam der Universitäten Kaiserslautern-Landau und Kassel hat dazu mehr als 100 Studien gesichtet, die untersuchten, was geschieht, wenn Männer sich in ihrer Männlichkeit verunsichert oder bedroht fühlen.
Wie Experimente verunsichern können
Die insgesamt fast 20.000 teilnehmenden Männer wurden in den zugrundeliegenden Studien zunächst experimentell in ihrer Männlichkeit verunsichert. Studienautorin Lea Lorenz erklärt, dass das mit Hilfe von Tests und Aufgaben geschah, auf die die Männer dann die Rückmeldung erhielten, dass ihr Verhalten unterdurchschnittlich männlich sei.
In einer Studie um Verhandlungskompetenz wurde den teilnehmenden Männern zum Beispiel zurückgemeldet, sie seien sehr zurückhaltend, sehr schüchtern und gar nicht dominant. In anderen Studien wurden auch explizit männliche Stereotype verletzt, etwa indem berichtet wurde, Männer würden über die Jahrzehnte hinweg immer schwächer, immer femininer oder seien nicht mehr in der Lage, ihre Familien finanziell über Wasser zu halten. Insgesamt habe das sehr gut funktioniert, berichtet Sozialpsychologin Lorenz von der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau.
Männer reagieren sehr emotional
War das Gefühl der sogenannten Bedrohung ihrer Männlichkeit erstmal geweckt, dann reagierten die Männer darauf meist sehr emotional, mit Ärger, Angst und Unwohlsein. Und viele Männer haben auf diese Bedrohung – dieses Gefühl eben nicht männlich genug zu sein – reagiert, indem sie Verhaltensweisen annahmen, die sie offenbar für männlicher hielten.
Zum Beispiel indem sie Frauen oder schwule Männer stärker diskriminierten und ihnen gleiche Rechte absprachen. Außerdem befürworteten diese Männer nun stärker eine aggressivere Politik, sprachen sich eher für Waffen aus, für größere, schwerere Autos – sie versuchten also stärker den vorherrschenden männlichen Stereotypen zu entsprechen.
Lea Lorenz berichtet, dass sich Männer dann eher für Handlungen aussprechen würden, “die versuchen, diesen höher gestellten Status als Mann in der Gesellschaft wiederzuerlangen, indem man zum Beispiel Frauen belästigt. Oder es wurde sich weiter entfernt von einem offen schwulen Mann gesetzt, als Männer das getan haben, die nicht bedroht wurden.”
Looksmaxxing und Menosphere
Eine Bewegung, die der Stärkung vermeintlicher Männlichkeit dienen soll, ist das Looksmaxxing. Bei diesem Trend versuchen Männer männlicher zu wirken, indem sie Muskeln aufbauen und sich teilweise sogar Schönheitsoperationen unterziehen, bei denen ihnen zum Beispiel der Kieferknochen gebrochen wird. Das alles geschieht, um möglichst markant männliche Züge zu erreichen.
Diesen Trend des Looksmaxxing hält Sozialpsychologin Lea Lorenz für ziemlich problematisch, denn da werde den meist jungen Männern ganz explizit gesagt, wie schlimm es sei, nicht männlich genug zu sein. Auch in der sogenannten Menosphere werde über Akteure wie zum Beispiel Influencer Andrew Tate Ängste und Druck erzeugt, dass man ein echter Mann, ein Alpha-Mann, sein müsse, um Frauen kennenzulernen.
Mit Menosphere wird eine Internet‑Szene bezeichnet, in der Männlichkeitsideale gefeiert werden, die auf Dominanz gründen und Frauen abwerten. Als Verkaufsmasche werden dabei laut Sozialpsychologin Lorenz jungen Männern zuerst Sätze eingebläut wie: “Du bist nicht männlich, du bist nicht gut genug, dich will niemand, du wirst es im Leben zu nichts bringen.” Welche Reaktionen das im wirklichen Leben bei jungen Männern auslöst, kann nur vermutet werden.
Folgen von verunsicherter Männlichkeit
In den Studien zeigt sich eine deutliche Richtung. Verunsicherte Männer sind demnach weniger empathisch und zeigen weniger Bereitschaft, etwas zu verzeihen. Dazu kommt eine starke Ablehnung von sexuellen Minderheiten und von Frauen. Ihnen werden generell gleiche Rechte abgesprochen.
Außerdem driften auch die politischen Einstellungen von Männern, nachdem diese sich in ihrer Männlichkeit verunsichert oder bedroht gefühlt haben, stark in konservative und autoritäre Richtungen. Schon deshalb sei das Thema gesamtgesellschaftlich sehr relevant, findet Lorenz.
Männlichkeitsideale mit Auswirkungen auf die Gesellschaft
Die Sozialpsychologin erklärt, dass es auch die Gesamtgesellschaft betreffe, wenn verunsicherte Männer zur Rückgewinnung ihres männlichen Status nun kriegerische Handlungen stärker befürworten würden und auch insgesamt wieder stärker auf patriarchale Strukturen setzen würden.
Dabei werde auch die Situation für die Männer selbst dadurch nicht einfacher. Denn die ideologische Schere vor allem zwischen jungen Männern und jungen Frauen klaffe immer weiter auseinander. Während sich die jüngeren Männer “immer weiter in Richtung konservative Ideologien bewegen” und junge Frauen im Gegenteil eher nach links, führe auch das wieder zu Spannungen. Und die Ablehnung, die junge Männer dann von Frauen erfahren könnten, könnte ihre Verunsicherung wieder verstärken, so Lorenz.
Wie man Männern helfen kann
Männer müssten unterstützt werden, ein Selbstbild aufzubauen, das weniger von einem wie auch immer gearteten Männlichkeitsideal abhängig ist, sondern von positiven Werten und Grundeinstellungen, sagt die Psychologin Lorenz.
Es sei wichtig, “das Bild, das wir von Männern haben, breiter zu machen”. Denn während Frauen in ihrer Geschlechterrolle immer breiter würden und auch männliche Eigenschaften mit aufgenommen hätten, sei das Bild des Mannes schmal und sehr stereotyp geblieben. “Also, dass es da immer noch total schlimm ist, wenn man sich irgendwie weiblich verhält und dass man dafür auch sanktioniert wird – gesellschaftlich von anderen Männern, aber teilweise natürlich auch von Frauen”, sagt sie.
Deshalb brauche es eine breite Diskussion darüber, was heute für die Gesellschaft männlich ist und was positive männliche Eigenschaften sein könnten, die wir als Gesellschaft gut finden.
Quelle:
www.tagesschau.de



