Werbungspot_imgspot_img

Wie Brasilien US-Präsident Trump die Stirn bot

Stand: 20.04.2026 • 09:04 Uhr

Von Strafzöllen und Sanktionen hin zu einer Annäherung: Brasiliens Präsident Lula hat den USA unter Präsident Trump die Stirn geboten. Trump lenkte ein, änderte den Ton. Wie hat Lula das geschafft?

Anne Herrberg

Die südamerikanische Spätsommer-Sonne scheint, der Strand an der Copacabana in Rio ist voll und Hitze macht bekanntlich durstig. Für Eisteeverkäufer Rafael Santana läuft das Geschäft. Den Kunden streckt er einen QR-Code entgegen: Bargeld braucht in Rio niemand, bezahlt wird mit der Anwendung Pix. Das Bezahlsystem ermöglicht Überweisungen in Echtzeit, per Handy – und ohne Gebühren. “Ohne Pix geht hier gar nichts mehr”, sagt der Verkäufer.

Eingeführt wurde das Bezahlsystem vor sechs Jahren von Brasiliens Zentralbank. Heute nutzen es 80 Prozent der Bevölkerung, rund 170 Millionen Menschen. Allein im Januar wurden mit Pix umgerechnet fast 1,2 Milliarden Euro umgesetzt. Pix ist Brasiliens Fintech-Erfolgsgeschichte. Das erzürnt Donald Trump. Der US-Präsident wittert unfaire Bevorteilung und Marktzverzerrung, denn Pix ist Konkurrenz für US-Anbieter wie Mastercard oder Paypal. Brasiliens Präsident Luis Inácio Lula da Silva ließ sich davon nicht beeindrucken: “Pix gehört Brasilien. Und niemand wird uns dazu zwingen, Pix zu ändern.”

Von der Krise zur Annäherung

Es ist nicht das erste Mal, dass Lula Trump die Stirn bietet. Mitte vergangenes Jahr mischte sich der US-Präsident recht unverblümt in innere Angelegenheiten Brasiliens ein. Mit Strafzöllen und Sanktionen wollte er das Strafverfahren gegen seinen einstigen Verbündeten, Ex-Präsident Jair Bolsonaro, stoppen. Der stand wegen eines Putschversuches vor Gericht. Das sei eine Hexenjagd, so Trump, der für seine Unterstützung für Bolsonaro von dessen Anhängern gefeiert wurde.

“Niemand ist glücklich mit dem, was Brasilien tut”, erklärte der US-Präsident damals. Von einem “Gringo”, wie westliche Ausländer in Brasilien allgemein genannt werden, lasse er sich keine Befehle erteilen, sagte Lula damals. Schließlich sei Brasilien keine Bananenrepublik.

Es war die schwerste diplomatische Krise seit Jahrzehnten zwischen den Ländern, die traditionell gute Beziehungen führen. Die USA verhängten 50 Prozent Zollaufschlag auf Kaffee, Rindfleisch, Orangensaft und fast alle Exporte des Landes. Doch Brasilien beugte sich nicht, ohnehin sei die Justiz schließlich unabhängig, erklärte Lula.

Bolsonaro wurde zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilt und sitzt heute in Hausarrest. Und was machte das Weiße Haus? Eine Kehrtwende: Im November wurden ein Großteil der Strafzölle gestrichen. Und Trump ändert den Ton: Die Chemie stimme, sagte er über Lula bereits bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen im September in New York. Brasilien ist dort traditionell der erste Redner, danach folgte Trump. “Ich kam gerade rein, als der Präsident Brasiliens rauskam, wir sahen uns an und haben uns umarmt.” Das überraschte.

Druck von US-Importeuren auf Trump

Was also ist passiert? Nicht nur Brasiliens Diplomaten hätten sofort Verhandlungen aufgenommen, auch die Privatwirtschaft wurde aktiv. Sowohl brasilianische Unternehmer wie der CEO von JBS, dem größten Fleischexporteur der Welt, als auch US-Importeure hätten hinter den Kulissen Druck gemacht, sagt Oliver Stuenkel, Experte für internationale Beziehungen, der aktuell an der US-Universität Harvard forscht.

Trump habe bald gemerkt: Die Zölle schaden den USA mehr als Brasilien, denn sie lassen die US-Verbraucherpreise steigen. “Brasilien verkauft wichtige Güter, die Amerikaner regelmäßig nutzen, wie zum Beispiel Kaffee.” Dazu verfügt Brasilien über ungefähr 20 Prozent der globalen Reserven von seltenen Erden, einem wichtigen Rohstoff gerade auch für Elektromobilität oder Künstliche Intelligenz – damit ist Brasilien eine Alternative, die den USA ermöglichen, unabhängiger von China zu werden.

Respekt vor Lulas Haltung

Dazu kam der persönliche Austausch. Der Linkspolitiker Lula habe außenpolitisch schon immer auf Pragmatismus gesetzt, sagt Politologe Guilherme Casarões, der aktuell in Miami lehrt. Dass Lula “eine würdevolle, souveräne Haltung” einnahm, statt sich zu unterwerfen, habe bei Trump für Respekt gesorgt, glaubt Casarões. “Und diese souveräne Haltung, anstatt die Krise zu verschärfen, rettete uns letztendlich vor ihr. Denn Brasiliens Botschaft war eindeutig: Die Vereinigten Staaten dürfen sich nicht in die inneren Angelegenheiten der brasilianischen Politik einmischen.”

Brasilien setzt zudem bewusst auf viele Handelspartner und hat gute Beziehungen zu China, Russland und Indien. Und hat das Mercosur-Handelsabkommen mit den Europäern vorangetrieben. Man will sich nicht abhängig machen – auch nicht von US-Kreditkarten. “Wir bleiben beim Pix: Was gut läuft, soll man nicht ändern”, sagt Strandverkäufer Rafael Santana an der Copacabana. Das System holte mehr als 40 Millionen Menschen, die zuvor nie ein Konto hatten, ins brasilianische Bankensystem.

Mischt sich Trump in die Wahlen ein?

Wie nachhaltig die “Chemie” zwischen Lula und Trump ist? 2026 finden nicht nur in den USA die Midterms statt, sondern auch in Brasilien stehen Präsidentschaftswahlen an, bei denen Lula der Einschätzung von Beobachtern zufolge nochmal antreten wird – voraussichtlich gegen Flavio Bolsonaro, Sohn des Ex-Präsidenten Bolsonaro.

Ob sich Trump dabei erneut einmischt, bleibt offen. Das letzte Mal half er Lula eher damit, dass dessen Umfragewerte stiegen. Für die zweite Jahreshälfte ist ein persönliches Treffen zwischen Lula und dem US-Präsidenten geplant.


Quelle:

www.tagesschau.de