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Wie die Energiewende gelingen soll

Stand: 18.04.2026 • 18:17 Uhr

Vor allem Verkehr und Gebäude bremsen bei der Energiewende. Forscher warnen: Ohne Tempo und gesellschaftlichen Wandel sei das Ziel der Klimaneutralität in Gefahr.

Bis 2045 soll Deutschland klimaneutral werden. Da lässt das Bundes-Klimaschutzgesetz keine Zweifel aufkommen. Spätestens dann sollen nicht mehr Treibhausgase ausgestoßen werden als gebunden werden können. Diese Bindung kann eine natürliche sein, etwa durch Bäume. Oder das CO2 wird der Luft entnommen und gespeichert. Klimaneutralität ist also ein ambitioniertes Ziel, um die Erderwärmung im Rahmen des Pariser Klimaabkommens zu begrenzen. Das Gesetz erfordert umfassende Transformationen in den Bereichen Energie, Wirtschaft und Verkehr – und zwar zeitnah.

Das sei angesichts vieler Krisen und Kriege nicht leicht, ist immer mal wieder von politisch Verantwortlichen zu hören. “Manchmal sind Menschen, aber auch viele Unternehmerinnen und Unternehmer, deutlich weiter als die Politik”, sagt Oliver Wagner, Co-Leiter des Forschungsbereichs Energiepolitik am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie.

Es gibt bereits Fortschritte

Vor allem der Strombereich sei in Deutschland schon gut in Fahrt gekommen. 2025 lag der Anteil der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen bei über 60 Prozent. “Wir haben auch eine sehr gute Dynamik hinsichtlich der Entwicklung von Strom-Speichern, auch eine preislich enorme Dynamik, die in die richtige Richtung geht.” Es werde immer preiswerter, Strom zu speichern, so Wagner. In beiden Bereichen sei das Ziel zwar noch nicht erreicht, aber es gehe in die richtige Richtung. Nur der Schwung hat in bestimmten Bereichen nachgelassen beim Klimaschutz in Deutschland.

Zwar sind die Treibhausgasemissionen 2025 erneut gesunken, aber eben weniger stark als in den Vorjahren. Während in vielen Bereichen der CO2-Ausstoß zurückging, nahm er im Verkehr und bei Gebäuden zu. Das bemängelt auch Oliver Wagner: “Die Mobilitätswende ist bei Weitem noch nicht da, wo sie sein müsste.” Der Umstieg auf klimafreundliche Verkehrsmittel, ÖPNV, die Elektrifizierung des Verkehrs, das seien große Brocken, ebenso der Wärmemarkt. Unser Wohnraum müsse weg von Öl- und Gasheizungen. Eine große Herausforderung, sagt der Forscher des Wuppertal Instituts. Für die passende Infrastruktur bräuchten wir auch ein bisschen Zeit.

Aktuelle Krise beschleunigt Energiewende nicht automatisch

Die Engpässe am Ölmarkt und die hohen Preise an den Zapfsäulen beschleunigen nicht automatisch die Energiewende. Denn die Herausforderungen sind komplex. Im Februar wurden 200 Forscherinnen und Forscher aus dem Förderschwerpunkt ‘Energiewende und Gesellschaft‘ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) zu den Herausforderungen befragt. Deren Antwort: Das Stromnetz muss an den hohen Anteil erneuerbarer Energien angepasst werden, Meinungsverschiedenheiten zur Ausgestaltung der zukünftigen Energiepolitik müssen beseitigt und einkommensschwache Haushalte an der Energiewende beteiligt werden. Des Weiteren müssen geopolitische Spannungen abgebaut und die langfristigen Klimaschutzinvestitionen sichergestellt werden.

Ein dickes Brett, das durch den von der Bundesregierung beschlossenen Tankrabatt nach Einschätzung vieler Expertinnen und Experten nicht dünner wird – unterstützt er doch weiter klimaschädliche Verbrennermotoren und nicht die elektrischen Antriebe oder den ÖPNV.

Eine Frage der Perspektive

Und dann ist die Energiewende auch immer eine Frage der jeweiligen Perspektive. So verweist Gundula Hübner von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und MSH Medical School Hamburg darauf, dass in dieser Debatte viele Sichtweisen bedacht werden müssen.

Aber alle können ihrer Ansicht nach etwas für den Klimaschutz und die Energiewende tun – je nach Wohnsituation. “Auf dem Land gibt es sehr viele Menschen, die sich für Klimaschutz engagieren. Die können halt nicht auf ein Auto verzichten, weil das mit dem öffentlichen Nahverkehr nicht so möglich ist.” Aber sie könnten zum Beispiel in Eigenarbeit Solaranlagen installieren. Das geschehe ja bereits.

Und es gäbe Gründungen von Energien-Kommunen, die eine komplett CO2-freie Energieversorgung zum Ziel haben. “Städter können dann vielleicht leichter sagen, ja, ich verzichte aufs Auto, weil wir hier gut angebunden sind mit unserem öffentlichen Nahverkehr, so Hübner.

Alle können sich einbringen

Bei der Errichtung einer Solaranlage sei das für die Stadtbevölkerung nicht so einfach. Der Sozialpsychologin ist wichtig zu zeigen, was schon passiert, damit die Energiewende gelingen kann. Ein Tankrabatt animiert Menschen vermutlich eher nicht dazu, weniger oder langsamer zu fahren, um Benzin oder Diesel zu sparen.

Auch wenn sich die Politik nicht zu einem Tempolimit durchringen könne, hätten viele Menschen ihre Fahrweise verändert. Davon ist Gundula Hübner überzeugt: “Ich bin mir sicher, es gibt viele Menschen, die schon von sich aus die Geschwindigkeit reduzieren, wenn sie mit dem Auto fahren.” Die Forscherin fragt sich, ob neben dem Energiesparen nicht auch ein Signal gegeben wird: “Wer fährt bereits freiwillig langsam, um auch anderen zu zeigen: Du bist nicht alleine, es gibt viele, die das so sehen, wir müssen nicht warten, bis ein Gesetz daraus gegossen wird.“

Für die Energiewende braucht es nach ihrer Überzeugung nicht nur technische, sondern auch gesellschaftliche Lösungen. “Wir sollten nicht vergessen, wie viel Macht auch das individuelle Verhalten hat.” Also ist nicht nur die Politik gefragt, sondern die ganze Gesellschaft, um die Energiewende zu erreichen.


Quelle:

www.tagesschau.de